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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2016 |

Filmtipp: Zur Diagonale 2016

Festival des östrreichischen Films, Graz
von Kurt Hofmann

Österreich, das war in der gängigen Sprachregelung «das erste Opfer Hitlers» – bis zu Waldheim, dem geschichtsvergessenen Präsidenten. 1986, mit dem Beginn der Waldheim-Debatte, war es aus mit dem Opfermythos. Zwanzig Jahre danach: ein übersehenes «Jubiläum», befand zumindest die neue Intendanz der Diagonale. Das hübsch zweideutige Motto zum «Jubiläum» der Waldheim-Debatte, das in Form von mehreren Programmschienen und Diskussionen «begangen» wurde, lautete: «Österreich – zum Vergessen»…

Die Opferlegende beginnt schon früh: Das zeigte der 1946 entstandene Film Der weite Weg (Regie: Eduard Hoesch), der Österreicher in einem Kriegsgefangenenlager zeigt, die sich nur nach «ihrem» Wien sehnen und einem deutschen Mitgefangenen erklären, es habe sich «ausgehitlert», so, als wären sie stets aufrechte Nazigegner gewesen… Nur in dieser Sequenz findet der Hitlerfaschismus kurz Erwähnung, sonst nicht, warum auch, «wir» waren ja nicht dabei…

Auch die Schrecken des Krieges sind kaum ein Thema im fidelen Lager, wo die Wiener singen und trinken (die Sowjets hatten den Rohfilm zur Verfügung gestellt, weshalb österreichische Schlitzohrigkeit auch ein Lager erfand, das es so nie gab…), die nahe Vergangenheit wird privatisiert, im Mittelpunkt des Films steht ein Eifersuchtsdrama zwischen Gefangenen und dessen Folgen… Die Jelinek-Verfilmung Die Ausgesperrten (Österreich 1982, Regie: Franz Novotny), 1959 angesiedelt, zeigt, wie im Nachkriegsösterreich auf Kontinuität gesetzt wird. Alle sind noch da und haben nichts gelernt, wie der alte Witkowski, ein Nazi der ersten Stunde, den keine Skrupel plagen, schon gar nicht im Umgang mit seiner Familie… Dessen Kinder wiederum wissen, dass sie nach dem Gymnasium nicht klüger sein werden als zuvor, sie verachten ihre Lehrer ebenso wie ihren autoritären Vater. Zwar können sie Camus und Sartre zitieren, aber sie haben dennoch das väterliche Erbe von Unterdrückung und Gewalt angetreten, wenn auch unreflektiert und in scheinbar konträrer Absicht…

Ruth Beckermann stellte schließlich im Rahmen eines Werkstattgesprächs ihr neues Projekt Waldheim oder The Art of Forgetting, einen analytischen Kompilationsfilm über Lüge und Wahrheit im Spiegel der «Waldheim-Affäre» vor.

Aber – auch im Rahmen der üblichen Programmstrukturen war viel zu entdecken: herausragend die neuen Filme von Ruth Beckermann und Daniel Hoesl.

Über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten, zwischen 1948 und 1967, schreiben zwei ebenso Liebende wie Fordernde einander: Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Manchmal liegen Monate und Jahre zwischen den Briefen. Bisweilen beantwortet Bachmann einen Brief Celans, schickt ihn aber nicht ab. Später sendet Celan einen Brief an Bachmanns aktuellen Liebhaber Max Frisch, zur Weiterleitung an Ingeborg Bachmann, die er nicht erreicht. Sie wieder empfiehlt Celan, sich ja nicht von seiner Frau zu trennen. Reisen zum/zur entfernten Geliebten werden angekündigt, manchmal trifft man einander, spekuliert danach lange über Ausgebliebenes oder Angedeutetes… Nie wieder der Furor der frühen Jahre, aber auch kein Ende.

Ruth Beckermann hat sich in ihrem neuen Film Die Geträumten etwas schier Unmögliches vorgenommen: den jeweiligen Standort zweier, die nicht voneinander lassen können, wie weit sie sich über die Jahre auch voneinander entfernt haben mögen, zu lokalisieren. Da ist nicht nur die stets behauptete (und auch stets vorhandene) Liebe in den Briefen, sondern auch Taktik, Tarnen und Täuschen. Durch das Gestrüpp der Emotionen schneiden zwei Stimmen: jene von Anja Plaschg, Sängerin der Gruppe Soap and Skin, die Bachmanns Part liest, und jene des Schauspielers Laurence Rupp, der Celans Worten nachspürt. Zwei in einem Studio des Funkhauses Wien, vor Mikrofonen, aus einer Distanz von fast vier Jahrzehnten, reagieren auf das Echo der Briefe Bachmanns und Celans, reagieren aufeinander… Abseits eines banalen Nachspielens einer Liebesbeziehung entsteht hier eine Brechung, die wieder das Hinhören ermöglicht. Was ist das? Ein Spielfilm ist Die Geträumten – per Definition. Eher sollte man von einem verfilmten Briefroman sprechen, einer Korrespondenz, die auch die Rezipienten zum Korrespondieren einlädt…

Die Geträumten wurde mit dem «Großen Diagonale-Preis/Österreichischer Spielfilm» ausgezeichnet.

Daniel Hoesls WINWIN, ohne «Handlung», dafür aber die Handelnden im Blick, widmet sich der Kunst des Abzockens. Eine Handvoll «Investoren», Missionare des raschen Geldes, setzen mittels Sprachschablonen Erwartungen in Gang und bieten in ihrer «Performance» Tricks wie im Varieté: Illusionisten der Bereicherung…

Es scheint, sie seien die «Retter», sie hätten den «Durchblick», sie könnten in diesem Augenblick «übernehmen» und alles würde gut: All dies müssen sie nicht aufschneiderisch über sich behaupten – sie sind einfach da, auf sie hat man gewartet. Undenkbar, dass die Seifenblasen platzen (was naturgemäß passieren wird), denn die Präsenz der Investoren ist unanfechtbar… Sehr hübsch das Ritual, wenn Investor Nicholas Lachman bei der Ministerin zu Gast ist und diese schon auf den Austausch mit der speziell geformten Tasche wartet, die Lachman ihr mitgebracht hat: eine Choreographie der Korruption. Umwerfend, wenn Lachman bei einem Meeting einfach stehen bleibt, und damit sein Gegenüber, wie alle anderen am Tisch sitzend, aus dem Konzept bringt – ein Taschenspielertrick, doch maßgeschneidert für den perfekten Auftritt. Ein Vorstand soll neu besetzt werden, der alles abnickt: kein Problem, wenn das Casting stimmt und dafür Penner von der Straße in eine Limousine verfrachtet, zu «Experten» umgemodelt sowie als Resultat dieser Camouflage feierlich präsentiert werden…

Der Kapitalismus als Schwindelunternehmen: Nicht zufällig ist Brecht/Eislers «Lied von der belebenden Wirkung des Geldes», vorgetragen durch die dünne, krächzende Stimme des Komponisten (auch dies eine Brechung) zu hören. WINWIN ist das Lob der leeren Hülle, oder auch: ein vergiftetes Bonbon, das allen schmeckt. Kommet zu uns, ihr Händler des Nichts, auf euch haben wir gewartet…

Daniel Hoesls WINWIN wirkt wie eine zeitgemäße Variante des (Brechtschen) V-Effekts, doch bei aller satirischen Verfremdung (und Überhöhung) ist unübersehbar, dass die «Investoren» längst nicht entzaubert wurden. Sie sind da und sie bleiben da: it’s part of the game…


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