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Hinter Stacheldraht

Die Lage der Flüchtlinge auf Lesbos – ein Reisebericht
von Paul Kleiser

Trotz des Abkommens mit der Türkei steigt die Zahl der Flüchtlinge in Griechenland weiter. Der Autor hat sich an Ostern auf der Insel Lesbos umgesehen.

Nach der Schließung der Grenzen der Balkanstaaten und Österreichs halten sich gegenwärtig noch über 50000 Flüchtlinge und Migranten in Griechenland auf – die vielen Flüchtlinge, die sich seit Jahren legal oder illegal im Land aufhalten, sind dabei nicht mitgerechnet. Die internationalen Medien haben viel über die skandalösen Zustände im Lager Idomeni an der abgeriegelten Grenze zu Mazedonien berichtet, wo noch immer etwa 12000 Menschen in Zelten und Schlamm ausharren. Inzwischen wurde eine Struktur von Hilfsdiensten aufgebaut, viele Einheimische besorgen Nahrung und Unterkünfte. Aber auch in Piräus und am alten Flughafen von Athen sowie in der Region Kavala im Norden des Landes sitzen Zehntausende fest, die erheblich weniger mediale Beachtung finden. Die griechische Regierung, die sich ohnehin mit der Verarmung eines erheblichen Teils der Bevölkerung infolge der Krise und der Verschuldung herumschlagen muss, bemüht sich nach Kräften, das Los der Flüchtlinge zu lindern, doch mit den versprochenen Hilfen der EU-Länder ist es bislang nicht weit her. Bei Kosten von mindestens einer Milliarde Euro (andere Schätzungen kommen auf das Drei- bis Vierfache!) sollen von EU-Seite im vergangenen Jahr gerade mal 33 Millionen geflossen sein.

Im vergangenen Jahr kamen etwa 860000 Flüchtlinge aus der Türkei über die Inseln der Ägäis nach Griechenland und damit in die EU. In den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es weitere 130000. Knapp zwei Drittel von ihnen fanden den Weg über Lesbos, weil diese Insel an ihrer engsten Stelle nur etwa 8 Kilometer vom türkischen Festland entfernt liegt. Die Bilder der von Tausenden roten Schwimmwesten gesäumten Strände zwischen der Hauptstadt Mytilini und dem Flughafen gingen um die Welt.

Inzwischen haben die Einheimischen mit tatkräftiger Unterstützung internationaler Freiwilliger dafür gesorgt, dass die Strände gereinigt und zerschlissene Boote und Westen auf eine große Müllkippe im Norden der Insel gebracht wurden.

Wer gültige Papier hat, kann per Schiff problemlos für etwa 5 Euro von der Türkei nach Mytilini fahren; für die Flüchtlinge betragen die Kosten für die (meistens nächtliche) Überfahrt in nicht sonderlich sicheren Schlauchbooten im Schnitt jedoch 1000 Euro. (Billiger wird die Reise zynischerweise nur bei schlechtem Wetter und rauer See!) Für das Gewerbe in der Türkei, das für die nötigen Boote, Motoren, Schwimmwesten etc. sorgt, ist das ein Milliardengeschäft, an dem sehr viele teilhaben – auch Teile der Polizei, die bis vor kurzem in vielen Fällen Flüchtlingen, die sie «erwischt» hatte (teilweise mit vorgehaltener Pistole), noch zusätzlich Geld abpresste, um sie dann weiterziehen zu lassen.

Inzwischen kommen nur noch relativ wenige Flüchtlinge auf Lesbos und den anderen Inseln an. Es ist völlig unklar, ob das schlechte Wetter über Ostern dafür verantwortlich war, ob die Türkei ihre Politik geändert hat, ob die – von Mytilini aus weithin sichtbaren – Schiffe der NATO eine Überfahrt verhindern oder ob es sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass die Ankömmlinge gemäß dem Abkommen vom 18.März in die Türkei zurückgeschoben werden sollen. Jedenfalls zeigt die Festung Europa ihr brutales und inhumanes Gesicht.

Lesbos
Auf Lesbos leben etwa 90000 Menschen, davon ein Drittel in der Hauptstadt Mytilini. Die Hälfte von ihnen sind Nachfahren von Griechen, die 1922 beim «Bevölkerungsaustausch» unter Atatürk aus Kleinasien (vor allem aus dem nahen Izmir/Smyrna) vertrieben und auf dem griechischen Festland oder den Inseln angesiedelt wurden. Die auf Lesbos lebenden Türken (die Insel kam erst 1912 zu Griechenland) wurden in die Türkei umgesiedelt, wovon die Ruine der Moschee und des Hamams in Mytilini bis heute Zeugnis ablegen. Die Insel lebt – abgesehen vom Tourismus – vom weithin geschätzten Olivenöl, von der Salzgewinnung, Fischfang und Landwirtschaft. Die große Mehrheit der Bewohner wählt seit dem Ende der Diktatur Parteien der Linken; der Ort Mandamados ist bis heute eine Hochburg der KKE, was insoweit erstaunlich ist, als im gleichen Ort das Kloster Tachiarchis beheimatet ist, das zahlreiche Pilger empfängt. Sozusagen Don Camillo und Peppone auf griechisch.

Der dortige Bürgermeister der KKE setzt sich sehr für die Flüchtlinge ein. Zusammen mit bis zu 120 Nichtregierungsorganisationen, die bis vor kurzem auf der Insel tätig waren, haben sich viele Einwohner an den Rettungsaktionen für die Flüchtlinge beteiligt und ihnen geholfen, wo sie nur konnten. Sie versorgten sie mit Nahrung, trockenen Kleidern und nicht selten auch Quartieren. Der Kurde Abraham, der vor 25 Jahren selber aus der Türkei nach Lesbos floh, hat Hunderte in seinem Restaurant verpflegt.

In Dafia bei Kalloni hat Giorgos Tyrkos mit Familie und Freunden die Hilfsorganisation Ankalia (Umarmung) gegründet und in einem ehemaligen Stall ein riesiges Kleiderlager eingerichtet, damit die häufig patschnassen Flüchtlinge trockene Kleider anziehen konnten. Aus ganz Griechenland trafen Hunderte von Kleiderlieferungen bei Ankalia ein. Für sein humanitäres Engagement erhielt Tyrkos im vergangenen Jahr den schwedischen Raul-Wallenberg-Preis.

Natürlich konnte der Zustrom von gut einer halben Million Menschen (bis zu 3000 pro Tag!) nicht ohne Konflikte abgehen: Es kamen weniger Touristen als gewöhnlich (auch wenn viele Zimmer von Freiwilligen bewohnt waren, sodass die Hotels kaum Einbußen verzeichneten), Fischer beklagten sich, weil sie nicht auslaufen konnten und daher kein Einkommen hatten. Und im Herbst wurden viele Ölbäume zu Koch- und Heizungszwecken gefällt, was deren Besitzer nicht gerade mit Freude erfüllte, auch wenn ihnen die Regierung Entschädigung versprach.

Das Lager Moria
Zusammen mit einer Helfergruppe des Griechischen Hauses in München besuchte ich über Ostern die Insel, um mir ein Bild von der Lage der Flüchtlinge zu machen und konkrete Hilfsdienste zu erbringen. Wir sortierten den Verhau des Kleiderlagers von Ankalia und halfen in der Kantine der Diözese bei der Essensvorbereitung für Bedürftige. Wir besuchten das Lager in Moria (den ersten «Hotspot» auf den Inseln), wo seit Februar Flüchtlinge nach ihrer Ankunft registriert werden, und sprachen mit der Leiterin Anthi aus Kalamata, sowie – soweit möglich – mit Flüchtlingen. Seit dem Abkommen zwischen der EU und der Türkei herrscht unter diesen allergrößte Unsicherheit, weil viele (durchaus berechtigte) Angst haben, in die Türkei zurückgeschoben zu werden, auch solche, die vor dem 20.März angekommen sind.

Ende März befanden sich etwa 1300 Menschen in Moria, weitere knapp 1000 auf anderen Plätzen der Insel. Wir sprachen mit einer Syrerin, deren Mann und drei Söhne sich inzwischen in Bonn befinden und dort als Flüchtlinge anerkannt wurden (zum Beweis zeigte sie uns Bilder der Dokumente auf ihrem Smartphone); mit ihrer Tochter hängt sie nun in Griechenland fest. Das Lager ist eine aufgelassene Stellung der griechischen Armee, die mit Zäunen und Stacheldraht umgeben ist. Bis zum 20.März boten zahlreiche NGOs in der Umgebung ihre Dienste an, doch seitdem haben viele (darunter die «Ärzte ohne Grenzen») das Lager unter Protest verlassen, auch weil inzwischen Residenzpflicht gilt. (Vorher konnten sich die Menschen dort frei bewegen und das Lager verlassen!) Es gab auch mehrere Demonstrationen von Helfern und Einheimischen gegen das Abkommen, sowohl vor dem Tor in Moria als auch am Hafen in Mytilini. Wir konnten das Lager betreten, weil uns ein orthodoxer Geistlicher (als «Respektsperson») begleitete, Decken und Windeln überbringen sowie Gespräche führen. Aber natürlich lässt sich nur erahnen, welche seelischen Folgen Nichtstun und Eingesperrtsein für die Menschen aus verschiedensten Ländern haben.

Das Lager wird von Armee und Polizei verwaltet; die Verpflegung wurde einer Athener Catering-Firma übergeben, die jedoch gedroht hat, die Belieferung einzustellen, weil es Staat und EU mit der Bezahlung offenbar nicht eilig haben. Ein deutscher Polizist, der im Auftrag von Frontex im Lager Dienst tut, meinte in einem Anflug von Zynismus, die Menschen hätten es gut hier, er habe schon in Lagern in Afghanistan und im Südsudan gearbeitet, dort sei die Lage viel schlimmer gewesen. Außerdem behauptet er, die Hälfte derer, die sich hier als Syrer ausgäben, würden in Wirklichkeit aus anderen Ländern stammen.

Nach ihrer Registrierung wurden die Flüchtlinge bislang auf großen Fähren nach Piräus bzw. Athen gebracht; da die dortigen Kapazitäten aber völlig erschöpft sind und viele im Freien übernachten, bringt man sie nun in den Norden nach Kavala. Die Zahl der Flüchtlinge, die in Griechenland untergebracht werden, steigt also weiter – trotz des Abkommens mit der Türkei. Wie lange die Flüchtlinge dort ausharren müssen, steht angesichts der EU-Politik in den Sternen.

Im Lager Pikpa, einem früheren Sommerferienlager für Kinder, das seit bald vier Jahren Menschen mit Behinderung oder Traumatisierte aufnimmt, ist die Atmosphäre grundverschieden. Am Zaun neben dem Eingang hängen noch zahlreiche Schwimmwesten. Im Lager befinden sich 75 Menschen, darunter zwei Dutzend Kinder, die von jungen Helfern aus den Niederlanden, Großbritannien, den USA usw. betreut werden. Die Freiwilligen haben einiges investiert, darunter eine Waschküche mit mehreren Waschmaschinen.

Gerade macht eine schwedische Gruppe der «Clowns ohne Grenzen» in Pikpa Station, die mit den Kindern Späßchen treiben. Einige Mütter schauen amüsiert zu. Dem Bürgermeister der Kommune ist die Sache inzwischen ein Dorn im Auge, denn er möchte das Lager im Sommer wieder als Feriencamp für Schüler nutzen. Weil er dafür aber kein Geld hat, sollen ihm die SOS-Kinderdörfer 250000 Euro angeboten haben, um das Lager für diesen Zweck umzurüsten. Schwer zu entscheiden, ob das zutrifft. Jedenfalls sollen die verbliebenen Bewohner gleich denen aus den restlichen verbliebenen Lagern alsbald nach Moria «umgesiedelt» werden. Ihre Gesundung wird das sicherlich nicht befördern.


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