Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2016 > 05 > Lehrer-an-vorderster-front

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2016 |

Lehrer an vorderster Front

Bildungsproteste in Chicago
von Violetta Bock

20000 zogen auf der Demonstration der Lehrerinnen und Lehrer am frühen Abend des 1.April durch Chicago. Sie war der Abschluss des Aktionstags für Schulen.

Seit Sonnenaufgang waren Lehrende und Unterstützende auf den Füßen, bei Kundgebungen vor Schulen, aber auch vor dem Jugendgefängnis gegen die Polizeirepression, die Jugendliche oft direkt von der Schule ins Gefängnis führt. Nicht nur Lehrkräfte legten ihre Arbeit nieder, auch Studierende und Beschäftigte aus dem Gesundheits- und Fast-Food-Bereich schlossen sich an. Eltern und Nachbarschaftsorganisationen reihten sich ein.

Die Lehrergewerkschaft CTU (Chicago Teachers Union) setzte damit einen neuen Punkt mit der Stoßrichtung Bildungsgerechtigkeit. Sie hatte 2012 einen erfolgreichen Streik durchgeführt und ist seitdem ein Beispiel für die Wiederbelebung einer Gewerkschaft. Doch die Angriffe hören nicht auf. Derzeit kämpfen die Lehrerinnen und Lehrer um ihre Verträge, gegen die Schließung von Schulen (50 allein seit 2012), die Entlassung von Lehrkräften und permanente Kürzungen im Bildungsbereich. Sie ergeben sich nicht klammen öffentlichen Kassen, sondern fordern für die bessere Finanzierung eine Besteuerung der Reichen und eine Umlenkung der öffentlichen Ausgaben für Banken und Immobilienentwicklung hin zu öffentlichen Leistungen.

Die Thematisierung dieser Fragen in der ganzen Stadt und die breite Solidarität entstanden nicht von ungefähr. Sie resultieren aus der strategischen Arbeit in den letzten Jahren und daraus, wie Thema und Forderungen gerahmt wurden. Statt Privilegien von Lehrern zu verteidigen, geht es um Bildung und die Zukunft der Kinder.

Monique Redeaux Smith spricht auf dem Eröffnungsplenum der Labor-Notes-Konferenz. Sie ist eine beeindruckende Frau, Lehrerin an einer öffentlichen Schule in einem der armen schwarzen Stadtteile Chicagos. Vor ein paar Jahren wurde sie Teil von CORE (Caucus of Rank-and-File Educators), einem Kern von Trainern für Bildung an der Basis der CTU. CORE war wesentlich für die Transformation der Gewerkschaft. Die Struktur führte Trainings durch, gewann die Führung der Gewerkschaft in 2010 und realisierte den ersten Streik in 25 Jahren. Sie flocht von Schule zu Schule ein Netz von Gewerkschaftsaktiven. Nun sitzt Monique Smith in der Verhandlungskommission.

Drei Lehren möchte sie vermitteln: Erstens die Rahmung: Es geht um den gemeinsamen Kampf gegen die Sparpolitik. Indem die Auseinandersetzung zur gemeinsamen Sache gemacht wird und sie anhand ihres Beispiels ein grundsätzliches gesellschaftliches Thema anspricht, gelingt es, breite Solidarität in verschiedensten Gruppen zu gewinnen. Zweitens die Umsetzung: Es gibt eine breite Palette an Techniken, sie schrickt vor keiner zurück und erzählt nicht nur von Kundgebungen, sondern auch von Hungerstreiks und Besetzungen. Drittens ist der Kampf für eine bessere Bildung auch ein Kampf gegen Rassismus. So ist es kein Zufall, dass von den Angriffen auf das Schulsystem vor allem Schwarze betroffen sind. In deren Stadtteilen werden die meisten Schulen geschlossen. Schwarze Lehrer werden als erste entlassen. Eltern stehen Seite an Seite mit der Gewerkschaft, weil die Forderungen nach kleineren Klassen, besserer Ausstattung und einer Gleichbehandlung ohne Unterschied der Hautfarbe auch ihre eigenen sind.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.