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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2016 |

10 Fragen zu Glyphosat

Monsanto’s Pflanzenvernichter und seine Auswirkungen
dokumentiert

  1. Was ist Glyphosat und wie wirkt es?

Glyphosat ist das am meisten eingesetzte Pflanzengift der Welt. Glyphosat ist ein Breitbandherbizid. Es tötet jede Pflanze, die nicht gentechnisch so verändert wurde, dass sie den Herbizideinsatz überlebt. Je häufiger glyphosathaltige Pestizide angewendet werden, desto eher entstehen allerdings auch resistente Populationen von Beikräutern, die durch das Mittel eigentlich vernichtet werden sollen. Die pflanzenvernichtenden Eigenschaften von Glyphosat wurden von der Firma Monsanto in den 70er Jahren patentiert. Das Mittel kam unter dem Namen «Roundup» auf den Markt und wurde zum Bestseller. Glyphosat wirkt systemisch, d.h. aufgenommen über die Blätter gelangt es in alle Bestandteile der Pflanze: in Blätter, Samen und Wurzeln. Glyphosat lässt sich nicht abwaschen und wird weder durch Erhitzen noch durch Einfrieren abgebaut. Glyphosatrückstände halten sich etwa ein Jahr lang in Lebens- und Futtermitteln.

 

  1. Wo wird Glyphosat eingesetzt?

Glyphosat wird weltweit eingesetzt – in der Landwirtschaft, im Obst- und im Weinbau, in Olivenhainen, im Zierpflanzenbau, in Christbaumplantagen, in Parkanlagen, auf Bahngleisen und in Gärten. Weltweit wurden 2011 etwa 650000 Tonnen an glyphosathaltigen Pestiziden versprüht, für 2017 wird eine Verdoppelung des Glyphosatverbrauchs vorausgesagt. In großen Mengen wird Glyphosat vor allem in den Ländern eingesetzt, die gentechnisch veränderte Pflanzen wie Soja, aber auch herbizidresistenten Mais und Raps anbauen. Die Hauptanbauländer sind Argentinien, Brasilien und Paraguay in Südamerika sowie die USA.

Jedes Jahr werden Millionen Tonnen gentechnisch veränderter Soja aus diesen Ländern als Tierfutter nach Deutschland und in die EU importiert. Es ist davon auszugehen, dass diese Soja hohe Glyphosatrückstände aufweist. Eine im Oktober 2013 veröffentlichte Stichprobenuntersuchung zu Glyphosatrückständen in Gentech-Soja aus Argentinien ergab für sieben von elf Proben eine Überschreitung des international geltenden Grenzwertes von 20 mg/kg. Und dieser Grenzwert liegt mit 20 mg/kg ohnehin schon unverhältnismäßig hoch – bei der überwiegenden Zahl der Pflanzen sind lediglich Rückstände bis zu 0,1 mg/kg zulässig.

 

  1. Ist der Einsatz von Glyphosat auch in Deutschland ein Problem?

Ja. 2012 wurden in Deutschland rund 6000 Tonnen Glyphosat abgesetzt. Der «Arbeitsgemeinschaft Glyphosat», dem Zusammenschluss der Glyphosathersteller, zufolge waren es 2010/2011 noch rund 5000 Tonnen. Wenn diese gesamte Menge eingesetzt wird, entspricht das 4,2 Millionen Hektar oder rund 40% der Ackerfläche.

In Deutschland wird Glyphosat in der konventionellen Landwirtschaft sowie auf kommunalen und privaten Flächen angewendet. Nach einer Umfrage aus den Jahren 2010/2011 bei 896 landwirtschaftlichen Betrieben wird auf 39% der Ackerfläche in Deutschland Glyphosat gespritzt. Dies geschieht vor der Aussaat, um Felder frei von Wildkräutern zu spritzen; kurz vor der Ernte, um die Reifung u.a. von Raps und Getreide sowie Hülsenfrüchten wie Bohnen zu beschleunigen (Sikkation); und nach der Ernte, um die Stoppeln zu bearbeiten. Je nach Kultur sind die Anwendungen unterschiedlich hoch. Mit Glyphosat behandelt werden:

– 87,2% des Winterrapses,

– 72,1% der Hülsenfrüchte (Körner-Leguminosen),

– 65,9% der Wintergerste,

– 41,7% des Sommergetreides,

– 35,0% des Roggens/Triticale,

– 33,6% des Körnermaises,

– 31,0% der Zuckerrüben,

– 25,2% des Silomaises,

– 23,2% des Winterweizens,

– 12,5% der Futterpflanzen,

– 10,5% der Kartoffeln.

Auf kommunalen Flächen wird Glyphosat genutzt, um bspw. öffentliche Wege oder Plätze frei von Wildkräutern zu halten. Auch die Deutsche Bahn setzt Glyphosat auf Gleisanlagen ein. Selbst Hobbygärtner sprühen das Pestizid in ihren Gärten.

Das Pestizid gelangt über viele Pfade in Böden und Gewässer und in Lebensmittel. Aufgrund seines allgegenwärtigen Einsatzes ist anzunehmen, dass ein Großteil der Bevölkerung kontinuierlich Glyphosat ausgesetzt ist. Selbst die Bundesregierung räumt eine «allgemeine Hintergrundbelastung europäischer Bürger mit Glyphosat» ein. Sie liege jedoch «weit unterhalb eines gesundheitlich bedenklichen Bereichs». Der BUND teilt diese Auffassung nicht.

 

  1. Welchen Schaden richtet Glyphosat in der Natur an?

Als Totalherbizid tötet Glyphosat jede Pflanze auf dem gespritzten Feld ab, sofern sie nicht entsprechend gentechnisch verändert ist. Deshalb sind die Auswirkungen direkt auf die Ackerflora und indirekt auf die Ackerfauna groß: Weniger Wildpflanzen auf und neben den Ackerflächen bieten weniger Lebensraum für weniger Insekten. Und diese sind die Hauptnahrung für andere Tiere wie etwa Vögel; die biologische Vielfalt nimmt mit dem vermehrten Einsatz von Glyphosat ab. 30% aller Vögel der Agrarlandschaft stehen bereits auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten.

Glyphosat ist außerdem ein Wasserschadstoff. Gelangt es in Bäche, Flüsse und ins Grundwasser, wird es dort zum Problem für Wasserlebewesen. Besonders empfindlich reagieren Amphibien auf Glyphosat: Ihre Embryonalentwicklung wird gestört, viele Kaulquappen sterben.

Glyphosat wird in Deutschland nicht fachgerecht und zu häufig eingesetzt: Der BUND Brandenburg hat in Kleinstgewässern, die direkt neben Äckern liegen, Glyphosat oder sein direktes Abbauprodukt AMPA, das ebenfalls gewässerschädlich ist, nachgewiesen. Laut Zulassungsbericht des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit darf Glyphosat gar nicht ins Wasser gelangen. Landwirte müssten dies bei der Anwendung sicherstellen, tun es offenbar jedoch vielfach nicht. Und auch der private Gebrauch belastet das Wasser: Das Versprühen von Glyphosat auf Gehwegen und anderen versiegelten Flächen ist verboten, weil es so in die Kanalisation gelangen kann. Dennoch wurde Glyphosat bereits in kommunalen Kläranlagen nachgewiesen.

Nach langem Glyphosateinsatz werden zudem die Krümelstruktur des Bodens und bodenfördernde Mikroorganismen (Mykorrhiza) zerstört. Das zeigen Erfahrungen aus Südamerika.

 

  1. Kann Glyphosat in den menschlichen Körper gelangen?

Ja. Glyphosat kann sowohl bei Menschen im Urin nachgewiesen werden, die beruflich mit dem Stoff zu tun haben, als auch bei Menschen, die nicht bewusst mit Glyphosat in Kontakt kommen. Der BUND und seine Partnerorganisationen von Friends of the Earth Europe haben in einer Studie (Juni 2013) an 182 Stadtbewohnern aus 18 europäischen Ländern bei 45% der Personen Glyphosat im Urin nachgewiesen. Eine industriefinanzierte Studie aus dem Jahr 2004 zeigt ebenfalls, dass amerikanische Landwirte, die Glyphosat einsetzen, diesen Stoff aufnehmen. Auch hier wurde Glyphosat im Urin der Landwirte und ihrer Familien nachgewiesen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stellte zudem 2011 fest, dass Rückstände von Glyphosat wie von anderen Pestiziden im Blut der Bevölkerung zu erwarten sind. Diese könnten nach Aussagen der Behörde grundsätzlich gut aus dem Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden. Auch eine Belastung über die Nahrung sei plausibel. Dass Lebensmittel wie Mehl oder Brötchen tatsächlich mit Glyphosat belastet sind, bestätigt eine Untersuchung von Ökotest.

Bei der zitierten BUND-Studie waren 70% der Urinproben deutscher Großstädter mit Glyphosat belastet. Das zeigt, dass der Stoff verbreitet vorkommt und viele Menschen mit diesem belastet sein können, auch wenn sie beruflich nichts mit Glyphosat zu tun haben.

Glyphosat kann bei Schwangeren auch in den Blutkreislauf des Kindes gelangen.

Glyphosat kann das menschliche Hormonsystem negativ beeinflussen. Damit können auch sehr geringe Aufnahmemengen ein potenzielles Gesundheitsrisiko darstellen. Eine Studie an Ratten zeigte, dass beim männlichen Nachwuchs der Testosteronspiegel sank, bei weiblichen die Östrogenbildung gehemmt war, bei allen untersuchten Tieren selbst bei niedrigster Dosis die Pubertät deutlich später einsetzte. Es ist daher davon auszugehen, dass Glyphosat die Fähigkeit zur Fortpflanzung beeinträchtigt.

Glyphosat steht darüber hinaus im Verdacht, Embryonen zu schädigen. Eine argentinische Studie zeigt im Laborversuch Deformationen bei Frosch- und Hühnerembryonen, die glyphosathaltigen Pestiziden und dem Wirkstoff Glyphosat allein ausgesetzt wurden. In den großen Sojaanbaugebieten in Südamerika häufen sich die Berichte über einen Anstieg von Missbildungen bei Neugeborenen. In der argentinischen Provinz Córdoba, der Region mit dem höchsten Anteil an gentechnisch veränderten Pflanzen in Argentinien und damit einem hohen Einsatz von Glyphosat, wird das größte Spektrum an Missbildungen gefunden. Auch die Anzahl an Missbildungen ist signifikant höher als in anderen Regionen. In der Provinz Chaco, ebenfalls in Argentinien, wurde eine Vervierfachung der Missbildungen bei Neugeborenen von 1997 bis 2009 registriert.

Bislang gibt es allerdings noch keine Untersuchungen über die gesundheitlichen Folgen einer Langzeitaufnahme von Glyphosat in kleinen Dosen – also über das Szenario, dass der Lebenswirklichkeit und dem Alltag der Menschen entspricht.

 

  1. Begünstigt Glyphosat die Entstehung von Krebs?

Im März 2015 hat die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat als «wahrscheinlich krebserregend» (2A) für den Menschen eingestuft. «2A» ist die zweithöchste Gefahrengruppe. Seit langem steht Glyphosat im Verdacht, Krebs auszulösen. Sowohl Glyphosat als auch sein Abbauprodukt AMPA wirken im Laborversuch genotoxisch, das bedeutet, es beeinflusst die Fähigkeit der Zelle, ihr genetisches Material exakt zu kopieren und zu vervielfältigen. Dies führt potenziell zu Mutationen und damit zu einem erhöhten Krebsrisiko. In der Stadt La Leonesa hat sich die Krebsrate bei Kindern unter fünfzehn Jahren von 2000 bis 2009 gegenüber dem vorherigen Jahrzehnt verdreifacht.

 

  1. Können geringe Mengen schädlicher Stoffe vernachlässigt werden?

Nein. Auch kleinste Mengen eines schädlichen Stoffes können große Schäden anrichten, vor allem wenn die Stoffe einen Einfluss auf das Hormonsystem haben. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie wiederholt aufgenommen werden, wie dies bei glyphosathaltigen Pestiziden der Fall ist. Hinzu kommt, dass Menschen heute einer Vielzahl von Chemikalien ausgesetzt sind. Eine Reihe von Pestiziden werden über Lebensmittel aufgenommen, andere Chemikalien gelangen durch Kosmetika in den Körper oder werden eingeatmet. So entstehen Mehrfachbelastungen, die bei der Einschätzung eines Gesundheitsrisikos bisher nicht berücksichtigt werden. Grundsätzlich gilt: Glyphosat und andere Chemikalien gehören nicht in den menschlichen Körper!

 

  1. Unternimmt der Staat genug, um die Bürger vor Glyphosat zu schützen?

Nein. Im März 2015 hat die Krebsforschungsagentur der WHO Glyphosat als «wahrscheinlich krebserregend beim Menschen» eingestuft. Deshalb hätte Agrarminister Schmidt ein Sofortverbot erlassen müssen. Das ist aber nicht passiert. Die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer führen auch kaum Tests auf Glyphosatrückstände in Gentechsoja durch. Zwischen Januar 2009 und Juni 2013 wurden in ganz Deutschland insgesamt gerade einmal 25 Sojaerzeugnisse auf Glyphosatrückstände untersucht. Angeblich sind die Testverfahren zu aufwändig und teuer. Für die Förderung von Glyphosat ist dagegen Geld vorhanden: Über die Agrar-Umwelt-Programme der Bundesländer werden jedes Jahr Millionen von Euro für das Versprühen von Glyphosat bewilligt. Die pfluglose Bodenbearbeitung auf 76620 Hektar und der damit verbundene Einsatz von Glyphosat wurde 2008 allein in Sachsen mit 3,6 Millionen Euro gefördert, während 2010 und 2011 in diesem Bundesland nur 27 Futtermittel auf Glyphosat getestet wurden.

Die Behörden stehen im Verdacht, den Interessen der Industrie gegenüber allzu aufgeschlossen zu sein. Eine Studie der Organisation Corporate Europe Observatory (CEO) zeigt, dass über die Hälfte der 209 für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) tätigen Wissenschaftler direkte oder indirekte Verbindungen zu Industriezweigen haben, die sie eigentlich kontrollieren sollen. Die EFSA und Behörden von EU-Mitgliedstaaten messen bei der Beurteilung wissenschaftlicher Studien zudem offenbar mit zweierlei Maß. Studien, die keine negativen gesundheitlichen Effekte nachweisen, werden eher akzeptiert, während Studien, die negative gesundheitliche Effekte zeigen, eher kritisiert werden.

Das gesamte Zulassungsprocedere von Pestiziden ist auf die Interessen der Industrie zugeschnitten. Es werden fast ausschließlich industriefinanzierte Studien berücksichtigt, die die Ungefährlichkeit eines Stoffes belegen sollen. Diese Firmenstudien bleiben als «vertrauliche Geschäftsgeheimnisse» so gut wie immer unpubliziert und können somit nicht durch unabhängige Wissenschaftler überprüft werden.

Das Missverhältnis zwischen industriefinanzierter und -unabhängiger Forschung zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen vom Juli 2013 nach Langzeitstudien, die mögliche gesundheitliche Folgen von Glyphosat mindestens über einen Zeitraum von 90 Tagen beleuchten. In ihrer Antwort listet die Bundesregierung 28 industriefinanzierte Langzeitstudien auf – und nur eine Studie, die nicht von der Industrie finanziert wurde.

 

  1. Geht es auch ohne Glyphosat?

Selbstverständlich. Glyphosat ist für einen nachhaltigen, ordnungsgemäßen Ackerbau nicht notwendig, sondern lediglich ein Mittel zur weiteren Industrialisierung der Landwirtschaft. Selbst die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), die Interessenvertretung der industriell arbeitenden Landwirte, meint: Pflügen statt Pflanzen totspritzen.

 

  1. Was fordert der BUND?

Der BUND fordert ein vollständiges Verbot von Glyphosat und glyphosathaltigen Pestiziden auf landwirtschaftlichen Flächen und in Haus- und Kleingärten. Der Import und Anbau glyphosatresistenter Gentechpflanzen soll in der EU nicht weiter zugelassen, Lebens- und Futtermittel stärker kontrolliert werden.


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