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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Der Big-Brother-Award

«Da unterschreibe ich doch!»
von Rolf Euler

Der vom Verein Digitalcourage verliehene «Big-Brother-Award» ist ein «Preis» für Personen, Firmen und Institutionen, die sich bei ihrer Datensammelei wenig um Datenschutz und Sicherung kümmern. Er wird seit dem Jahr 2000 vergeben und gilt auch als «Oskar für Datenkraken».

In diesem Jahr ging der Preis – wenig überraschend – unter anderem an den Verfassungsschutz für sein «Lebenswerk» «unkontrolliertes Bespitzeln, Unterwandern, Täuschen und Vertuschen». Auch die Generali-Versicherung, die ihren Versicherten Boni für die Weitergabe ihrer Gesundheitsdaten einräumt, oder IBM, das ein Punktesystem zur Analyse der «sozialen Reputation» seiner Beschäftigten entwickelt hat, stehen in der Tradition dieses Preises.

Überraschen tut allerdings der Preis im Bereich Wirtschaft für die sogenannte Kampagnenplattform Change.org (https://bigbrotherawards.de/2016/wirtschaft-changeorg). Gehört diese Internetplattform nicht in den Bereich gemeinnütziger Bürgerinitiativen? Das kennt schließlich jeder politisch aktive Mensch: Man erhält eine Mail über Bekannte, worin eine gemeinnützige Organisation zur Unterschrift gegen eine reaktionäre politische Maßnahme, eine Rechtsverletzung, eine Verfolgung Andersdenkender aufruft. Viele unterschreiben gern, in der Hoffnung, etwas zu bewirken. Dazu gehört anscheinend auch Change.org. Aber: Wie sieht es wirklich damit aus?

Change.org ist ein US-amerikanisches Unternehmen, das entgegen der sozial und progressiv klingenden Selbstbeschreibung auf seiner Webseite nicht nach altruistischen Grundsätzen und ohne Interesse an Profiten arbeitet. Dagegen spricht schon sein Finanzierungsmodell, das auf Risikokapital beruht, mit einigen Milliardären an der Spitze: z.B. Twitter-Gründer Evan Williams, der Linkedin-Chef Jeff Weiner, der Ebay-Gründer Pierre Omidyar, Bill Gates von Microsoft…

Die wichtigsten Gründe für die Verleihung des «Preises» führt ein ausführliches Gutachten des Datenschützers Thilo Weichert auf. Es zeigt, wie wenig sich das Unternehmen um datenschutzrechtliche Vorschriften schert.

Change.org verdient Geld unter anderem mit gesponserten Petitionen, bei denen die Initiatoren dafür zahlen, dass den Nutzer Werbung eingeblendet wird. E-Mail-Adressen der vielen Unterschriften werden verkauft, die Preisliste von Change.org geht bis über 250000 Dollar. «Ärzte ohne Grenzen», Oxfam oder UNICEF nutzen Change.org – so entsteht der Eindruck eines gemeinnützigen Unternehmens. Greenpeace Deutschland aber legt Wert auf die Feststellung, keine Geschäftsbeziehungen zu Change.org zu unterhalten.

Neben Name, Adresse und Mailadresse von Unterzeichnern sammelt das Unternehmen auch Informationen darüber, welche Petitionen konkret unterstützt wurden. Das Recht dazu räumt sich Change.org durch seine Datenschutzbestimmungen selbst ein. Aus den gesammelten Informationen lässt sich ableiten, welchem politischen, gesellschaftlichen oder sozialen Lager die Unterzeichneten zugerechnet werden können.

Mit der Unterschrift unter eine Petition ist aber nicht die Zustimmung zur Verwendung solcher Daten verbunden, argumentiert Weichert. Digitalcourage schließt sich dem in seiner Begründung für den Preis an. Eine Verwendung der Daten für kommerzielle oder politisch unklare Ziele ist unvereinbar mit den vorgeblichen Zielen.

«Da sollte man nicht unterschreiben!»


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