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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2016 |

Filmtipp: Im märkischen Sand. Eine Webdoku, Deutschland 2016

Regie: Katalin Ambrus, Nina Mair und Matthias Neumann mit Bewegtbildern von Cosimo Miorelli.
Jederzeit verfügbar auf: www.imidoc.net
von Angela Huemer

«Am 23.April 1945 werden 127 italienische Zwangsarbeiter in einer Sandgrube erschossen. Das Massaker wird vergessen. Doch dann kehrt die Erinnerung zurück. Ein filmische Ausgrabung in Treuenbrietzen, Brandenburg.» Diese filmische Ausgrabung in insgesamt 24 kurzen Filmen nennt sich Webdoku, den Anstoss dazu gab Matthias Neumann, seines Zeichens Kameramann. Allein die Ausarbeitung der Struktur dauerte ein Jahr lang, sehr lange Zeit brachte man zudem mit der Recherche zu. Zu Recht. Den Zuschauern eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten und Freiheiten.

Der Einleitungsfilm, Das Massaker (den man, wenn man möchte zunächst wegklicken kann) erklärt, worum es geht, was an diesem 23.April in Treuenbrietzen passiert ist. Keine einfache Aufgabe, denn vom Massaker, das nur vier Menschen überlebt haben, gibt es keine historischen Fotos oder Filmaufnahmen. Und ein Nachspielen à la ZDF-History kam für die Macher nicht in Frage.

So war die Zusammenarbeit mit Cosimo Miorelli, bildender Künstler und Illustrator, ein in Berlin lebender Italiener, ein Glücksfall. Er zeichnet, wie es gewesen sein könnte – das ist weniger Animation als ein ineinander übergehen und sich verwandeln von Bildern. Die ruhige, schöne Stimme von Aurora Kellermann erzählt, was war, untermalt von Musik, die man zunächst kaum wahr nimmt und die stets wunderbar im Hintergrund bleibt.

Während dieses Eröffnungsfilms wird man subtil auf weitere Elemente verwiesen – man kann sich weiter klicken, wenn man möchte, d.h. einen kurzen Film von 1974 ansehen, in dem einer der Überlebenden, der nunmehr verstorbene Germano Cappelli, aus erster Hand vom Massaker erzählt, oder Fotos der Opfer und Überlebenden betrachten. Dem Anfangsfilm folgen vier kurze Filme, Der Überlebende, Freundschaften, Heimstätte Berlin. Die einzelnen Filme sind in sich geschlossen,  den drei Regisseuren Katalin Ambrus, Nina Mair und Matthias Neumann sind meisterhaft gemachte kurze Dokumentarfilme gelungen. Für Internetfilme, so Matthias Neumann, seien sie mit ihren 6–9 Minuten sogar lang – zu lange werden sie niemals. Mit großer Hingabe, Respekt und auch Raum für Meinungen, die man selber nicht unbedingt teilt, erlauben sie es den Zusehern, weiter in das Thema einzudringen.

Insgesamt gibt es sechs Seiten, eine jede besteht aus einem animierten Film über das faktische Geschehen (jeweils mit vertiefenden Dokumenten versehen), die von vertiefenden Kurzfilmen ergänzt werden. Seite 2 ist über den 23.April und wendet sich Treuenbrietzen zu, unter dem Motto «Grabenkämpfe», denn fast zeitgleich wie das Massaker an den italienischen Zwangsarbeitern wurden viele Treuenbrietzener massenhaft von Rotarmisten getötet und viele Frauen vergewaltigt. Seite 3 erläutert den 8.September 1943, ein historisches Datum für Italien, an dem das Bündnis zwischen Hitler und Mussolini zerbrach. Auch hier gibt es die Möglichkeit, das komplexe historische Geschehen mittels der verfügbaren Dokumente zu vertiefen. Die nächste Schritte, also die Seiten 4 und 5 widmen sich dem Thema Zwangsarbeit, zunächst wird die «Ökonomie des Krieges» beleuchtet, dann geht es um den Alltag im Lager. Das letzte Kapitel widmet sich der Nachkriegszeit, den passenden Abschluss, das sei hier verraten, bildet ein besonders gelungener Film über die nunmehr alljährlich stattfindende Gedenkfeier.

Das Genre des Webdokus eröffnet ganz neue, faszinierende Möglichkeiten, und Matthias Neumann, Katalin Ambrus, Nina Mair und ihr Team haben diese genutzt. Die Geschehnisse in Treuenbrietzen – das fast zeitgleiche Massaker an Zwangsarbeitern und deutscher Bevölkerung, das in all den DDR-Jahren nie thematisiert wurde, waren außerordentlich komplex. Gut, dass sich die Macher von Im märkischen Sand davon nicht einschüchtern ließen, sondern sich herausgefordert fühlten. In einem traditionellen, linear erzählten Dokumentarfilm, so Neumann, hätte man lang nicht so viele Protagonisten haben können. Durch die klug gewählte Struktur haben die Zuseher die Freiheit, dem vorgegebenen Verlauf zu folgen oder das Anschauen durch das Lesen von Dokumenten zu unterbrechen. Besonders schön ist es, nach Ansehen des ganzen Projekts einige Tage verstreichen zu lassen und dann zum Projekt zurückzukehren – zu einzelnen Teilen, die man auffrischen möchte.

Neumann wünscht sich u.a. einen bildnerischen Einsatz des Films und freut sich, dass das Gymnasium von Treuenbrietzen dem Projekt einen ganzen Unterrichtstag widmen wird – in Anwesenheit der Macher.


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