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Mare Nostrum?

Die 70.Ruhrfestspiele in Recklinghausen
von Rolf Euler

Im Mai und Juni fanden zum siebzigsten Mal die Ruhrfestspiele in Recklinghausen statt. Neben Klassischem und bewährten internationalen Produktionen gingen die Veranstalter diesmal auch auf ein sehr aktuelles Thema ein: Flüchtlinge. Einige von ihnen waren aktiv bei mehreren Projekten dabei.

Der massenhafte Tod von Flüchtlingen im Mittelmeer bewog die Festspielleitung, hinter das Motto Mare Nostrum («Unser Meer», Motto der Rettungsaktion der italienischen Marine 2013/2014) ein Fragezeichen zu setzen und den Versuch zu unternehmen, Theater als Chance der kulturellen Ankunft, des Kennenlernens und der Bereitschaft zu verstehen, das Mittelmeer wahrhaftig als «unser Meer» zu begreifen.

Kohle für Kunst – die Anfänge vor 70 Jahren
Der Gründungsmythos der Ruhrfestspiele hängt eng mit dem Kohleabbau zusammen: «Kohle für Kunst – Kunst für Kohle» lautete das Motto jahrelang. Traditionell werden die von der Stadt Recklinghausen und dem DGB veranstalteten Festspiele vom Betriebsrat einer Zeche eröffnet – das hat mit der Vor- und Gründungsgeschichte dieses Ereignisses zu tun.

Vor 70 Jahren, im Winter 1946, gab es im zerstörten Hamburg kaum noch Feuerung für die frierenden Bewohner, erst recht nicht für die Theater. Diese wollten zumindest einen ersten Spielplan aufrechterhalten, auch in der Hoffnung, gegen Essbares schauspielern zu können, was aber in einem eingefrorenen Theater nicht möglich war. Die Stadt hatte kein Heizmaterial für sie, nur das Ruhrgebiet konnte Kohlen bieten, diese musste man aber dort abholen.

Ein gewagtes Unterfangen wurde erdacht: Zwei Lkw mit Männern des Staatstheaters wurden quer durch die Besatzungszonen ins Westfälische losgeschickt. Nach stundenlanger Fahrt endete die Tour in Recklinghausen-Suderwich, weil man dort Schornsteine neben der Autobahn erspäht hatte. Das Bergwerk König Ludwig wurde angesteuert. Betriebsführer, Wiegemeister und Betriebsrat fanden an den englischen Besatzungssoldaten vorbei einen Trick, einerseits die Lkw zu beladen, andererseits mithilfe von Wasser die abzuliefernde Pflichttonnage zu halten. Denn die englische Besatzung kontrollierte Produktion und Abgabe der Kohlen. Da man ohne Genehmigung fürs Theater Hamburg Kohlen abgezweigt hatte, ließ man in der Verladung auf die anderen Kohlen Wasser laufen, damit wurden die Kohlen schwerer und die abzuliefernde Tonnage konnte ungefähr eingehalten werden. Dass dabei die frierenden und hungrigen Theaterleute in der Werkskantine noch mit dicker Erbsensuppe bedacht wurden, stärkte aufkeimende Vorstellungen, die Beziehungen auszuweiten.

Diese Kohletour machten Hamburger Theaterleute noch einige Male, und da Geld fast nichts wert war, versprachen sie den Bergleuten und der Stadt Recklinghausen, sich mit Theateraufführungen zu revanchieren. Das geschah dann im Sommer 1947 zum ersten Mal.

1947: Die Festspiele werden aus der Taufe gehoben
Die Schauspieler und Theaterleute übernachteten in Privatquartieren in Recklinghausen, ihr Auftritt wurde als großer Erfolg gefeiert. Die Schauspieler traten zudem mit Probeszenen vor Bergleuten auf, die damals in Ledigenheimen wohnten, weil nicht genug Wohnraum zur Verfügung stand und sich viele Männer aus allen Bereichen Deutschlands als Neubergleute eingewöhnen mussten.

Max Brauer, damals Bürgermeister von Hamburg und als Arbeiterkind aus Altona mit der Lage der Bergleute im Revier vertraut, und der Hamburger Theatermann Burrmeister schmiedeten weitergehende Pläne und erklärten, es solle richtige Festspiele geben. Diese fanden und finden seitdem bis heute jedes Jahr statt – das Programm und die beteiligten Gastbühnen nahmen stetig zu. «Kunst gegen Kohle» – dieser Begriff hatte damals in den Gründungszeiten eine soziale und kulturpolitische Bedeutung, wollten die Initiatoren um Otto Burrmeister doch nach Krieg und Faschismus einen Neuanfang mit «besserer» Kultur für Arbeiter und besonders für die Bergleute schaffen.

Daher rührt die besondere Beziehung von Ruhrfestspielen und Bergwerken, sie wirkte fort, selbst nachdem die «Gründerzeche» König Ludwig 1965 stillgelegt wurde. Die Stadt Recklinghausen und der DGB übernahmen dann je eine Hälfte der Anteile an der Festspielgesellschaft mit dem Ziel, kulturpolitische Vorstellungen über die Arbeitswelt zu bieten. Vor allem in den umliegenden Betrieben konnten vergünstigte Karten gekauft werden, was bis heute für DGB-Mitglieder möglich ist.

Die politische Dimension der Festspielgeschichte
Während das Hauptprogramm der Ruhrfestspiele immer wieder Klassiker brachte und auch Brecht eine Bühne bot, wuchsen vor allem nach den 60er Jahren am Rande viele Nebenschauplätze für junges Publikum: das junge forum, Kunstausstellungen, das Volkskulturfest am 1.Mai sowie Musikveranstaltungen. In den 80er Jahren einigten sich die Stadt Recklinghausen und der DGB auf die Einrichtung eines festen Ensembles, das auch während des übrigen Jahres Aufführungen in Recklinghausen gestalten soll.

In diesen politisch explosiven Jahre gerieten Kräfte der Beharrung, die Theater als Kultur- und Bildungsprogramm im Sinne von DGB und SPD behalten wollten, mit Kräften des Aufbruchs im Zuge der Studentenbewegung, zueinander in Widerspruch. Das hinterließ auch bei den Ruhrfestspielen Spuren: etwa bei Versuchen, die Proteste, die Unterstützung von Streiks und den Kampf um Arbeitsplätze und die 35-Stunden-Woche im Theater aufzuführen. Nun wurden im engeren Sinne politische Stücke von Wolfgang Borchert, Christoph Hein, Peter Weiss, Volker Braun, Martin Walser, Heiner Müller aufgeführt, es gab Lesungen von Max von der Grün und anderen Arbeiterschriftstellern sowie Ausstellungen politischer Plakate, politisches Kabarett und Diskussionsveranstaltungen über die Friedensbewegung und Betriebskämpfe.

Dem Gründungsmotto sind die Festspiele seit langem entwachsen – nicht erst seit der Schließung der vorletzten Zeche im Revier vor einem halben Jahr. Da die Ruhrfestspiele mit der Zeit mit den Aufführungen der 80er Jahre allerdings immer weniger Publikum ansprachen – ohnehin sind deutlich weniger als 20% der Besucher Arbeiter –, wurde von Stadt und DGB entschieden, statt theaterfremder Geschäftsführer einen festen Theaterleiter für die Festspiele zu verpflichten. Die Wahl fiel 1990 auf Hansgünther Heyme, der im Revier aus seiner Theaterzeit in Bochum, Köln und Essen bekannt war. Er galt damals als «Retter» der Ruhrfestspiele, die Zuschauerzahlen nahmen wieder zu und seine Programme fanden Anklang.

Heyme hatte seine eigenen Vorstellungen, er sagte damals: «Die Unfähigkeit, Fremdes zu integrieren, und die Angst, durch eine multikulturelle Gesellschaft die eigene Identität zu verlieren, lassen sich nicht durch verbale Beschwörungsformeln verändern. Der Kunst kommt hier eine entscheidende Vermittlerfunktion zu. Das scheinbar Fremde einer anderen Nation kann durch das Erleben ihrer kulturellen Vielfalt näher gerückt werden.» Die Festspiele sollten «ein Leuchtturm im Nebel der Zeit» sein – das Theater eine moralische Anstalt.

Aktualität bei diesjährigen Aufführungen
Die diesjährigen Festspiele knüpften an diese Worte Hansgünther Heymes an. Das große Thema der vergangenen Monate, die Flucht, wurde von Uraufführungen jüngerer Dramatiker, dem politischen Kabarett und von Performances unter Beteiligung von Flüchtlingen aufgegriffen. Bereits im Winter wurden Workshops angeboten, für die in Flüchtlingsunterkünften geworben wurde. Bei Percussionskursen, Tanz- und Hip-Hop-Gruppen, Theaterspiel oder einem Chor mischten sich Einheimische und Zugewanderte. Ihnen wurde in mehreren Aufführungen ermöglicht, das gemeinsam Geprobte vorzutragen. Arabische und deutsche Sprache und Lieder zeigen beiden Seiten die Leiden der Flucht und die Probleme des Ankommens.

Im Hauptprogramm sah man etwa das eindringliche Stück «Die lebenden Toten» von Christian Lollike vom Staatsschauspiel Dresden. In intensiven Bildern werden hier die Toten im Mittelmeer, ihre zynische Ausnutzung durch Medien, sowie die «untoten» rassistischen Tendenzen der Länder, an denen die Flüchtlinge stranden, behandelt.

Heyme gab ein Gastspiel der Kammerspiele Hamburg mit einem Stück der türkischen Dramatikerin Seder Ecer, «Am Rand». Generationen von Menschen am Rande der Städte, in Slums, mit Hoffnung und Verzweiflung, Flucht und Illusionen werden mit wenigen Personen auf die Bühne gebracht und eindringlich dargelegt, wie sehr deren Probleme auf der Ausbeutung durch reiche Länder beruhen. Und auch, dass Roma dort, wo andere am Rand leben, noch stärker diskriminiert werden.

Auch beim reinen Tanztheaterabend ohne Worte «Die Schuld des Tages an die Nacht» (mit einer Einführung durch den Choreographen Hervé Koubi) zeigten Straßentänzer aus Nordafrika, welch ein Reichtum durch «die Fremden» ermöglicht werden kann. Koubi, Sohn algerischer Eltern, hat sich nach seinen Worten eigentlich lange als Franzose gefühlt. Er widmete seine Arbeit als Choreograph aber dem Schicksal entwurzelter arabischer Jugendlicher und tanzte mit ihnen. Die ausverkaufte Aufführung wurde mit riesigem Beifall bedacht.

«Kumpane Finale» war das (sicher nicht endgültige) Finale der Workshops mit Flüchtlingen, deren Beitrag zu Chor, Rhythmusgruppe, Theater, Tanz und Musik einen Eindruck davon bot, was mit echtem «Willkommen» gemeint sein kann. Vielen Freiwilligen, aber auch den angestellten Festspielmachern gelang damit, den Flüchtlingen ein «Ankommen» zu erleichtern.

…immer wieder «Trotzdem!»
Da die finanzielle Basis der Stadt, des DGB sowie der Kulturszene schwindet, verstärkt sich der Druck, finanziellen Erfolg zu erzielen. Die Ruhrfestspiele sind zunehmend in Abhängigkeit von Wirtschaftssponsoren wie Evonik, RWE und der Sparkasse geraten.

Große Namen der internationalen Schauspielerei haben Einzug ins Ruhrfestspielhaus gehalten. Davor parken bei Premieren die großen Autos der oberen Gehaltsklassen, der Prominenz.

Veranstaltungen wie die oben genannten haben trotzdem ihr Publikum, und so wünscht man sich, dass die Ruhrfestspiele auch ohne Bergbau – und mit kaum noch Bergleuten im Publikum – in Zukunft genügend «Kohle» haben, um den so wichtigen Rand Theater machen zu lassen.

Über die äußerst interessante Geschichte der Ruhrfestspiele, vor allem der 70er und 80er Jahre, und deren Einbettung in die Entwicklung des Ruhrgebiets kann man mehr in dem Buch 50 Jahre Ruhrfestspiele Recklinghausen (Essen, Bottrop: Pomp, 1996) lesen.


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