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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2016 |

Streik bei Verizon in den USA

Selbst die größten Konzerne können besiegt werden
von Dan DiMaggio*

39000 Streikende von Verizon nahmen am 1.Juni ihre Arbeit wieder auf. Sie kehrten erhobenen Hauptes nach 45 Tagen in den Betrieb zurück.

Verizon hatte mehr Flexibilität und weniger Arbeitsplatzsicherheit verlangt. Die Arbeiter schlugen das Ansinnen zurück und setzten stattdessen den Abschluss eines Kollektivertrags durch – es ist der erste Kollektivvertrag an sieben Standorten von Verizon Wireless. Die beiden zuständigen Gewerkschaften CWA und IBEW erreichten 10,5% Lohnerhöhung für die nächsten vier Jahre, höhere Einzahlungen in die Rentenkasse, die Abwendung der geplanten Ausgliederung von Call-Center-Jobs und die Wiedereingliederung bestimmter ausgegliederter Arbeiten.

Verizon wird auch das verhasste Kontrollsystem zur Qualitätssicherung abschaffen, das den Arbeitstag bis aufs kleinste beobachtet. Manager hatten dabei Beschäftigte in zwei- bis dreistündigen Befragungen über ihre täglichen Aktivitäten ausgequetscht und manche 30 Tage unbezahlt freigestellt. In den Monaten vor dem Streik hatte dieses System Techniker in New York City auf die Barrikaden getrieben. Obendrein hatte Verizon den Streik durch Pläne provoziert, die Call Centers in den USA in Niedriglohnländer auszugliedern, die Pensionszahlungen nach 30 Jahren zu kappen und die Möglichkeit auszuweiten, Angestellte für bestimmte Aufträge weit weg von zu Hause schicken.

Und das, obwohl die Gewerkschaften zu Zugeständnissen bei der Gesundheitsvorsorge in Höhe von 200 Mio. US-Dollar bereit waren – vor dem Streik. Diese Zugeständnisse bleiben im neuen Vertrag, ihre Auswirkungen werden jedoch durch die Lohnerhöhung ausgeglichen. «Verizon hätte das vor Monaten machen können, als der Vertrag im August auslief, und wir hätten zugesagt», sagte Pat Fety, einer der gewerkschaftlich organisierten Techniker in New Jersey. «Aber sie haben uns dazu gezwungen, elf Monate ohne Vertrag zu arbeiten und zwei Monate zu streiken.»

Druck aufbauen
Der Gewerkschaftssekretär Thomas Perez verhalf dem Deal zum Durchbruch, als er Mitte Mai intervenierte und die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft CWA (Communications Workers of America) und Verizon wieder aufnahm. Die wahre Schlacht wurde allerdings von den Streikposten geschlagen – von Massachusetts bis Virginia. Täglich demonstrierten sie vor den Läden. Fraglich war vor allem, ob die Arbeiter genug Druck aufbauen könnten, weil das Unternehmen sich zunehmend auf die Fertigung von drahtlosen Geräten konzentriert und bereit schien, einen Großteil des traditionellen Festnetzgeschäfts aufzugeben.

Doch die Telekommunikationsarbeiter bewiesen ihre Macht. Das Unternehmen kam den Aufträgen zur Geräteinstallation nicht mehr hinterher und musste Neukunden auf Juli bis August vertrösten. Das erfuhr die Gewerkschaft durch Call-Center-Angestellte in den Philippinen, die berichteten, dass viele Kunden wegen der fehlenden Professionalität der Streikbrecher um die Trennung vom Netzwerk baten. (Nachdem die CWA per Facebook von dort kontaktiert worden war, fuhr eine Delegation von Verizon-Arbeitern im Mai in die Philippinen).

Laut einem Finanzanalysten schmälerte der Streik die Profite von Verizon um 200 Mio. Dollar. Ein anderer prognostizierte einen Rückgang des Festnetzgeschäfts um 826 Mio. Dollar wegen des rapiden Rückgangs an Geräteinstallationen.

«Streikbrecher, wacht auf!»
Laut Angaben der beiden Gewerkschaften schickte Verizon die Streikbrecher statt von den regulären Garagen und zentralen Büros von Hotels aus los. In Manhattan fuhren die Streikbrecher im Mietwagen und anderen unbeschrifteten Autos. «Es ist verblüffend, dass ein Konzern dieser Größe, mit diesem Ruf, Streikbrecher in ganz Manhattan wie eine Untergrundorganisation arbeiten ließ, um den Streikenden zu entgehen», sagte Galpern, einer der Techniker und Gewerkschaftsaktivist.

In Reaktion darauf organisierten manche Gewerkschaften vor Ort «Streikbrecher-wacht-auf-Rufe» außerhalb der Hotels. Diese Pickets brachten mehrere Hotels dazu, Verizon wieder rauszuwerfen. Aber sie führten auch dazu, dass die Gewerkschaftsgliederungen in New York City und Boston gemahnt wurden, weil die Taktik wie ein sekundärer Boykott funktioniere.

Unerschrocken fanden die beiden Gewerkschaften CWA und IBEF (International Brotherhood of Electrical Workers) andere Wege, um den Streik am Köcheln zu halten. Mal liefen 500, mal 800 Streikende bei Konferenzen in Boston und New York auf und nahmen sich persönlich einzelne Manager von Verizon vor. Die Gewerkschaften schickten eine Delegation zur Aktionärsversammlung, bei der dann 15 Streikende wegen zivilen Ungehorsams verhaftet wurden. Verizon verschickte Briefe mit Angeboten, um Beschäftigte als Streikbrecher zu gewinnen. Manager kamen persönlich zu den Streikposten und verbreiteten Gerüchte. Danach wurde eine «Bullshit-Verbrennung» als Kundgebung durchgeführt, bei der all diese Briefe in Haufen verbrannt wurden.

Breite Solidarität
Weiteren Auftrieb erhielten die Streikenden durch die Unterstützung der Öffentlichkeit. Eine Aktivistin berichtete, für sie sei der Höhepunkt gewesen, als sie zusammen mit 150 anderen Gewerkschaftsmitgliedern Plätze in der ersten Reihe bei einer Rede von Bernie Sanders in New York erhielten: «Wir wurden wie Helden empfangen.» Der Zeitpunkt der Vorwahlen in New York war günstig. Bernie Sanders’ klare Stellungnahme und mündliche Unterstützung half, den Streik als Kampfansage gegen die Gier der Konzerne herauszustellen und die Medienöffentlichkeit darauf zu lenken.

In der letzten Woche begann die CWA, Flyer vor den Fähren nach Staten Island zu verteilen. Hundert Berufspendler unterschrieben, sie würden ihre Kundenverträge bei Verizon kündigen, wenn die Firma nicht bis zum 10.Juni einem Arbeitsvertrag zustimmte, und sie würden keine neuen Produkte kaufen, solange der Streik anhalte. Täglich kamen mehr Gruppen hinzu, die eine Patenschaft für wöchentliche Streikposten vor Verizon-Wireless-Läden übernahmen. Passanten brachten Pizza, Wasser und Kaffee.

Auch wenn es anstrengend war, ließ die Entschlossenheit bis zum Ende nicht nach. Einer der Arbeiter hofft: «Ich denke, was wir getan haben, bereitet den Boden für andere Gewerkschaften, die sagen können: Selbst Riesenkonzerne können besiegt werden, wenn wir sie bekämpfen.»

* Der ungekürzte Text erschien auf Englisch unter www.labornotes.org.


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