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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2016 |

Vor 500 Jahren erschien Thomas Morus’ Roman Utopia

Erster sozialistischer Zukunftsentwurf der Neuzeit
von Gerald Munier*

Vor 500 Jahren erschien mit dem Roman Utopia des englischen Staatsmanns und katholischen Klerikers Thomas Morus (englisch Thomas More, 1478–1535) der erste Sozialismusentwurf der Neuzeit und wohl auch überhaupt der erste der Menschheitsgeschichte. In der Antike hatte es zwar bereits von dem Philosophen Platon (428–348 v.u.Z.) eine modellhafte Skizze über eine auf Gemeinwohl basierende Herrschaftselite gegeben, die sich – wie die später bis ins Mittelalter folgenden christlichen «Kommunismusutopien» – nie auf die gesamte Gesellschaft, sondern nur auf einen Teil davon bezog.

In Morus’ Roman Utopia, dem sich auch der Name dieses Literaturgenres verdankt, handelt es sich um einen fiktiven Inselstaat, auf dem bereits seit etlichen Jahrhunderten eine sozialistisch-kommunistische Gesellschaftsordnung verwirklicht ist.

Morus war eine durchaus widersprüchliche Figur und wird von der Nachwelt bis heute sehr unterschiedlich beurteilt. Die katholische Kirche hat ihn 1935 für seine Standhaftigkeit gegenüber dem Ehescheidungsbegehren Heinrichs VIII. und das Bekenntnis zur Papstkirche heilig gesprochen, wohl wissend, dass Morus einer der härtesten Ketzerverfolger war und zahlreiche Reformationsanhänger dem Henker auslieferte. Für Kommunisten ist Morus als Verfasser des Romans Utopia der erste Architekt einer auf Gemeineigentum fußenden sozialistischen Gesellschaftsordnung.

Während die meisten Schriften und Bücher des nachmaligen englischen Lordkanzlers heute zu Recht vergessen sind – es handelte sich überwiegend um historisch-hagiografische und theologisch-dogmatische Abhandlungen –, zählt Utopia von 1516 bis in unsere Tage zu den Schlüsselwerken der Weltliteratur. Das Buch gilt Kritikern wie Anhängern des darin entwickelten Zukunftsmodells als eine der atemberaubendsten Denkleistungen der beginnenden Neuzeit. Also jener Periode, die etwa ab 1500 begann und die identisch ist mit dem Beginn des Kapitalismus in seinen frühesten Formen als Handels- und Wucherkapital – in der Marxschen Diktion auch als «ursprüngliche Akkumulation» bezeichnet.

Nur ein «witziger Einfall»?
Während bürgerlich-katholische Kreise Utopia lediglich als einen «witzigen Einfall» loben, der im Bereich der Fantasie angesiedelt sei und dort auch bleiben soll, hat die Arbeiterbewegung im 19.Jahrhundert den Text durchaus als sozialistisches Kampfprogramm verstanden. Der Morus der Utopia-Phase – er war als er das Werk 1516 schrieb 38 Jahre alt – begegnet uns als ein sozial besonders sensibler Mensch, der als bekennender christlicher Humanist fürchterlich unter dem «Bauernlegen» seiner Zeit litt. Damals rafften die Krone, der Klerus und der Hochadel das gesamte Ackerland zusammen, um es in Schafweide umzuwidmen, da sich mit der beginnenden Wollmanufaktur wesentlich höhere Einkünfte erzielen ließen als durch die Verpachtung des Landes an Bauern.

Die Bauern, die mit ihren Familien seit Alters her auf der Ackerscholle saßen, bildeten nun einen Störfaktor bei der besseren Verwertung des Landbesitzes und wurden rücksichtslos von den herrschenden Großgrundbesitzern vertrieben. Griff man Bauern beim Vagabundieren auf, drohte der Galgen. Allein in der Ära Heinrichs VIII. wurden auf diese Weise über 70000 landlos gewordene Bauern ermordet. Morus war über diese rücksichtslose Art der Reichtumsvermehrung entsetzt, und dies war wohl die treibende Kraft dafür, dass er den Gegenentwurf einer besseren Zukunftsgesellschaft verfasste. Wie aber konnte eine solche Gesellschaft zu Beginn des 16.Jahrhunderts aussehen, gab es doch noch so gut wie keinen technischen Fortschritt? Von einem Produktivitätswachstum, wodurch sich die Nahrungsmittelknappheit und der Mangel an anderen lebenswichtigen Gütern überwinden ließ, konnte Morus in seiner Zeit daher noch nicht ausgehen.

Gerechte Verteilung der Arbeit und Güter
So konzentrierte er sich auf eine gerechtere Verteilung der Arbeit und Verbrauchsgüter. Sein Inselstaat Utopia, den ein Seefahrer namens Hythlodaeus zufällig auf einer der zahllosen damaligen Entdeckungsreisen kennengelernt haben will, kennt kein Besitzstreben nach mehr und mehr Privateigentum. Stattdessen geht es den Menschen darum, die notwendige Arbeit in Handwerk und Landwirtschaft gleichmäßig auf die Schultern aller zu verteilen. Ebenso gleichmäßig sollen dann die erzeugten Güter verteilt werden.

Utopia – zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern ou (nicht) und topos (Ort), also «Nichtort» – soll eine Staatswesen sein, in dem gesellschaftliches Kollektiveigentum herrscht. Nur einige wenige Gesellschaftsmitglieder sind freigesetzt von Arbeit, z.B. höhere Priester und Forscher. Aber alle anderen, die arbeiten können, tun dies auch, um den gemeinsamen Wohlstand zu sichern. Dabei geht Morus davon aus, dass nicht mehr als sechs Stunden täglich bei freien Sonntagen notwendig sind, um alle lebensnotwendigen Güter in ausreichender Menge zu erzeugen.

In den Rang einer großen Staatsphilosophie brachte es Utopia deshalb, weil neben dieser völlig neuartigen Idee vom Gemeineigentum alle Spezifika, die ein gesellschaftliches Zusammenleben ausmachen, detailliert beschrieben wurden: die Staatsführung, das Rechtssystem, die Außenpolitik, die Religionen, die Sitten und Gebräuche, das Sexualleben und die Erziehung.

Es hatte zwar in der Antike und der frühchristlichen Zeit schon erste Denkansätze über solche kommunistischen Gemeinwesen gegeben, die jedoch zu Beginn der Neuzeit weitgehend in Vergessenheit geraten waren. Noch nie zuvor in der Geschichte aber war ein so umfassender Entwurf wie der von Morus verfasste veröffentlicht worden, der praktisch einen kompletten Idealstaat konzipierte.

Weil dieser Entwurf so ungemein plastisch erschien, quasi wie das Modell eines Architekten, inspirierte er Denker, Gelehrte aber auch Kulturschaffende durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder, sich mit seinen einzelnen Bestandteilen und natürlich der historischen Figur ihres Schöpfers auseinanderzusetzen: Es gibt allein 140 Bühnenstücke über Morus und Utopia.

Bei den vielen Menschen, die sich mit Morus beschäftigt haben, ist es kein Wunder, dass er höchst kontrovers beurteilt wird. So loben ihn die einen für seine religiöse Toleranz, andere werfen ihm vor, das Staatswesen Utopias liefe auf eine «Diktatur des Klerus» hinaus. Zwar darf man glauben, an welchen Gott man will, aber Atheismus ist praktisch unter Todesstrafe gestellt. Wer nicht an die «Unsterblichkeit der Seele» glaubt, hat auf der Insel Utopia sein Leben verwirkt. Morus wollte auch alle Religionen unter einem Dach vereinen, da er davon ausging, dass sich zu guter letzt das Christentum bei den Utopiern durchsetzen würde.

Natürlich ist seine Utopie auch durch skurrile Einfälle gekennzeichnet – z.B. hinsichtlich des Sexuallebens: Künftige Brautleute dürfen sich unter Aufsicht von Autoritätspersonen vor der Hochzeit einmal nackt begutachten. Die Begründung: In der Ehe komme es schließlich auf die Erzeugung einer möglichst zahlreichen Nachkommenschaft an, daher sollen sich die künftigen Ehepartner auch körperlich anziehend finden und deshalb vorher nackt begutachten dürfen.

Besonders kritisiert wurden an Morus’ Entwurf die außenpolitischen Ambitionen der Utopier, die gewaltsame Landnahmen bei «Primitivvölkern» für gerechtfertigt halten. Deutsche Historiker um 1900 sahen darin eine Vorwegnahme und Rechtfertigung des späteren englischen Kolonialismus. Umstritten blieb auch sein Plädoyer für Sklaven- und Gefangenenarbeit. Damit wollte er die Utopier von besonders schmutziger und roher Arbeit befreien, wie etwa dem Schlachten von Tieren und dem Straßenbau.

Da Morus aufgrund seiner Standortgebundenheit noch nicht in technischen Kategorien denken konnte, fielen ihm für solche Arbeiten nicht – wie späteren utopischen Schriftstellern – maschinelle Lösungen ein. Daher sollten Sklaven und freigekaufte Verbrecher anderer Nationen diese notwendigen, aber niederen und verrohenden Tätigkeiten durchführen. Vom proletarischen Internationalismus war Morus’ Denken also noch nicht geprägt.

Nun hat es ein so konkretes und ganzheitliches Gesellschaftsmodell wie die Utopia zwangsläufig an sich, zahllose Kritiker auf den Plan zu rufen, die an diesem oder jenem Detail Anstoß nehmen. Zugleich aber fühlten sich durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder große Denker, Philosophen und Rebellen herausgefordert, sozusagen nach dem gleichen «Stickmuster» wie Morus, ihre Gesellschaftskritik und Zukunftshoffnungen zu Papier zu bringen – eben als romanhafte Staatsutopie.

Ihre Zeitgenossen hielten sie allerdings zumeist für wilde Fantasten, wenn nicht gar für Spinner. Noch heute werden Worte wie «Utopist» oder «Visionär» eher abwertend verwendet. Altbundeskanzler Helmut Schmidt empfahl seinerzeit rebellischen Studenten, wer Visionen hätte, sollte zum Arzt gehen. Aber oft sind die in literarischen Utopien skizzierten Einrichtungen und Ideen schon wenige Generationen später zur Realität geworden und gelten seit Ernst Bloch zumindest als «Korrektiv im Denkmöglichen».

Was bleibt von Morus?
Können wir seinen Gedanken zur Gesellschaftsveränderung heute noch etwas abgewinnen? Ich meine schon. Unsere nach wie vor auf dem Privateigentum fußende Gesellschaftsordnung krankt bekanntlich an zahllosen Missständen trotz aller technologischen Fortschritte: Es gibt scharfe Wirtschafts- und Finanzkrisen, Arbeitslosigkeit, Armut bis hin zum Elend in den von der Entwicklung abgehängten Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, last but not least schließlich imperialistische Kriege, die Umweltzerstörung und auch die millionenfachen psychosozialen Schädigungen der Menschen, die seelisch am Kapitalismus und an seinem Konkurrenzmechanismus zerbrechen.

Wir, die zu Beginn des 21.Jahrhunderts Lebenden, müssten daher, ganz wie Morus, eigentlich wieder anfangen, vielfältige Ideen, Bausteine und Entwürfe über eine veränderte Zukunft der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zusammenzutragen. Diese hätten den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, nicht die Interessen von Finanzspekulanten und Wachstumsfetischisten – wie sie von Merkel, Gabriel & Co. hofiert werden. Wir leben in einer Zeit, in der die Schere zwischen privatem Reichtum und neuer Massenarmut immer weiter auseinanderklafft, unter anderem weil eine jeglicher sozialen Verantwortung enthobene Deregulierung und Liberalisierung der Wirtschaft durch die bürgerliche Politik stattfindet.

Morus war wohl der erste neuzeitliche Denker überhaupt, der Fragen der sozialen Gerechtigkeit und einer gerechten Güterverteilung angesprochen hat und der dies durch die Abschaffung des Privateigentums lösen wollte. Er war mit seinem Utopia-Modell der älteste Baumeister eines sozialen Gegenentwurfs zur Profitlogik – und das macht es so ungemein lohnend, sich mit seinem Leben und speziell mit Utopia auseinanderzusetzen.

Wir sollten das allerdings mit dem Impetus eines «reflektierten Geschichtsbewusstseins» tun, d.h. wir können keine 1:1-Rezepte von Morus oder den ihm nachfolgenden Utopisten erwarten. Wir können diese Literatur aber heranziehen, um unser Verständnis von einer besseren Welt zu präzisieren. Das ist so, als wenn man sich von einem Architekten ein Haus entwerfen lässt und sich dann daran begibt, einzelne Elemente zu begutachten, weiterzuentwickeln oder zu verwerfen.

So hätte man auch an die Rezeption utopischer Literatur heranzugehen: Hier eine gute, brauchbare Idee herauspicken und dort eine andere verwerfen, weil man in einer solchen Gesellschaft denn doch nicht leben möchte. Das wäre es, was unter einem lohnenden Diskurs der Utopietradition zu verstehen ist.

* Gerald Munier war dreißig Jahre lang Redakteur der grünen Fachzeitschrift Alternative Kommunalpolitik und ist zur Zeit Lehrbeauftragter für Geschichte an der Universität Bielefeld. Er ist Verfasser der Biografie «Thomas Morus – Urvater des Kommunismus und katholischer Heiliger» (Hamburg: VSA, 2008).


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