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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Erinnerungen an Robert Steigerwald

Ein Genosse, den wir nie vergessen werden

von Manuel Kellner

Am Donnerstag, den 30. Juni 2016 ist Robert Steigerwald gestorben. Er war ein prominentes Mitglied der DKP, das erheblichen Einfluss auf die Programmatik dieser Partei hatte. Er war auch bis ins hohe Alter ein Kämpfer für die sozialistische Revolution, ein Lehrer und Philosoph, bereit zu lernen bis in den Tod, und bereit zur Zusammenarbeit und zur solidarischen Diskussion mit anderen Linken, sogar mit den ehemals verfemten oppositionellen kommunistischen Richtungen.

Bevor ich Robert Steigerwald persönlich kennengelernt hatte, kannte ich von seinen Schriften insbesondere sein Buch „Abschied vom Materialismus?“ aus dem Jahr 1994. Diese Arbeit, bezeichnender Weise in zweiter Auflage erheblich überarbeitet, hatte mich beeindruckt. Er bewegt sich darin im Rahmen der offiziellen kommunistischen (post-stalinistischen)Weltanschauung und konfrontiert deren Kernaussagen mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dafür hat er mit herausragenden Wissenschaftlern korrespondiert, und er hat beeindruckende Argumente für diese Kernaussagen angeführt. Ich war bei weitem nicht mit allem einverstanden – aber ich dachte mir: wenn es sich überhaupt lohnt, mit jemandem aus dieser Denktraditon in philosophischen Gedankenaustausch zu treten, dann mit dem.

Persönlich kennengelernt hatte ich Robert Steigerald in Zusammenhang mit den Treffen der Freundinnen und Freunde der Europäischen Antikapitalistischen Linken (EAL) in den Jahren 2003 und 2004. Die EAL war ein Versuch, europaweit einen antikapitalistischen Pol aufzubauen. Die wichtigsten Initiatoren waren die damalige Sektion der IV. Internationale in Frankreich, die LCR, deren Präsidentschaftskandidat Olivier Besancenot bemerkenswerte Wahlerfolge erringen konnte, die Scottish Socialist Party (SSP), der Linksblock Portugals, die Red-Green Alliance – Enhedslisten Dänemarks und die britische SWP – aber auch die italienische Partei Partito de la Ridondazion Comunista war an den halbjährlichen Konferenzen der EAL zweitweise beteiligt.

In Deutschland waren auf Initiative der internationalen sozialisttischen linken (isl) verschiedene linke Organisationen zusammengekommen, um daran anzuknüpfen und eventuell ein Bündnis für eine antikapitalistische Organisation zu schmieden. Dabei waren auch Vertreter der DKP, darunter Robert Steigerwald. Letztlich ist dieses Projekt europaweit wie auch in Deutschland gescheitert; ich erinnere mich aber gut daran, dass Robert Steigerwald sich mit viel gutem Willen an diesem Versuch beteiligt hat – ohne Scheuklappen und ohne sektiererische Vorbhealte gegen die beteiligten Gruppen, die sich in der Tradition des „Trotzkismus“ verorteten.

Am Rande eines dieser Treffen kam ich mit Robert Steigerwald näher ins Gespräch. Ich fragte ihn, ob er die Protokolle des dritten und vierten Kongresses der Kommunistischen Internationale (1921 und 1922) gelesen hätte. Er verneinte das. Ich erzählte ihm, dass die Übergangsforderungen dort diskutiert worden waren und in die Entschließungen Eingang gefunden hatten. Später, weil unter Stalin diese Tradition verschüttet worden war, sei das Thema „Übergangsforderungen“ in der offiziellen kommunistischen Tradition dann als „trotzkistische Marotte“ verworfen worden.

Zwei Wochen später hatte Robert Steigerwald mich dann angerufen. Er hatte die Kongressprotokolle inzwischen gelesen und meinte, wir müssten unbedingt eine gemeinsame Konferenz darüber machen. Die Idee des Leverkusener Dialogs oder der Leverkusener Konferenzen war damit geboren. Ich war sehr beeindruckt von Roberts Bereitschaft, sich von einem „trotzkistischen“ jungen Hüpfer dazu bringen zu lassen, auf seine alten Tage Texte zu lesen, die er nicht kannte, und sich auf eine Diskussion auf gleicher Augenhöhe mit „trotzkistischen Abweichlern“ einzulassen.

Vier solche Konferenzen haben danach tatsächlich stattgefunden. In der UZ online der DKP wurde die vierte und letzte dieser Konferenzen wie folgt beworben:

Der marxistische Historiker Prof. Dr. Hans-Joachim Krusch (1935-2004), damals Leiter des Marxistischen Arbeitskreises zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der historischen Kommission der PDS bzw. bei der PDS, hatte vor vielen Jahren die Idee, sich an Genossen und Organisationen zu wenden, die sich als marxistisch, als kommunistisch definieren und sich – trotz der schweren Niederlage von 1989/90 – in ihrer antikapitalistischen Orientierung und Aktivität nicht beirren lassen.

Hans Krusch ist viel zu früh schon nach dem ersten Leverkusener Dialog – den gab es vor knapp zehn Jahren – gestorben.

Man solle – schlug Hans Krusch vor – versuchen, sie an einen Tisch zu bekommen, ohne etwa „Unliebsame“ auszugrenzen, und mit ihnen über gegenwärtige Aufgaben, auch über theoretische und politische Schlussfolgerungen aus unserer Niederlage zu diskutieren. Dabei sei zu vermeiden, die Schlachten von ehedem erneut schlagen zu wollen, sich die „Wurfgeschosse“ von einst erneut an die Köpfe zu schleudern. Es gebe genug brennende aktuelle Aufgaben, denen wir uns nicht entziehen dürfen, indem wir uns in Schuldzuweisungen ergehen. Die Probleme und Widersprüche dürfe man deswegen aber nicht einfach unter den Teppich kehren.

Dieser Vorschlag stieß auf große Zustimmung bei Kräften, die sich einst mit den Schimpfworten „Stalinisten“, „Trotzkisten“, „Brandlerianer“ usw. belegten.

Es kam es zum ersten Dialog, abgehalten in der DKP-Parteischule Karl Liebknecht in Leverkusen. Dort diskutierten die Vertreter dieser erwähnten kommunistischen Richtungen gleichberechtigt. Es gab sogar eine Wortmeldung, die das baldige Zusammengehen und die baldige Vereinigung des Potenzials prophezeite – was natürlich überhaupt nicht der Situation entsprach.

Die bisherigen „Dialoge“ hatten das Parteithema, die Staatsfrage, den Revisionismus, natürlich auch Probleme der Geschichte des Kommunismus zum Thema. Es ging dabei nie um einen bloß politischagitatorischen Meinungsaustausch.

Der vierte Leverkusener Dialog findet nun vom 26. bis zum 28. Oktober in Leverkusen an der Karl-Liebknecht-Schule der DKP statt.

Als Hauptthemen sind vorgesehen:

  1. Reform und Revolution, die Überwindung des Kapitalismus und revolutionäre Brüche;
  2. Klassentheorie als Struktur- und Handlungstheorie. Das gesellschaftliche Subjekt revolutionärer Gesellschaftsveränderungen;
  3. Herausforderungen für den Sozialismus im 21. Jahrhundert.

Impuls-Referate halten:

  • Karl Hermann Tjaden: Probleme einer Kritik kapitalistischer Gesellschaftsformation im 21. Jahrhundert;
  • Ekkehard Lieberam: Klassenverhältnisse, Klassenmacht und Klassenmobilisierung;
  • Edeltraut Felfe: Erfahrungen und Probleme der Bündelung und Durchsetzung von Mehrheitsinteressen gegen die Herrschenden in Skandinavien;
  • Angela Klein: Herausforderungen für einen Sozialismus im 21. Jahrhundert;
  • Manfred Sohn …;
  • Manuel Kellner: Räte, Partei, Revolution. Aktualität und Probleme der Revolutionstheorie von Ernest Mandel;
  • Robert Steigerwald, Einige revolutionstheoretische Probleme;
  • Hans Peter Brenner …

Einberufer sind:

Ekkehard Lieberam, Robert Steigerwald und Manuel Kellner.

Robert Steigerwald.

Robert Steigerwald schätzte an mir, dass ich den Untergang der Sowjetunion und der DDR als Niederlage und Rückschlag für die ganze Linke begriff, und dass ich denjenigen Achtung erwies, die, wie er selbst fünf Jahre lang, in Westdeutschland im Zuge des KPD-Verbots nur wegen ihrer Überzeugungen und wegen ihres Engagements gegen die Wiederbewaffnung im Knast gelandet waren. So war er zum Beispiel beeindruckt von meiner Mitteilung, dasss Peter von Oertzen in seinen letzten Lebensjahren heftig bedauert hatte, sich in den 70er Jahren für Berufsverbote gegen Kommunisten ausgesprochen zu haben (damals mit dem Argument, dass in der DDR oppositionelle Linke ja auch unterdrückt wurden). Robert war positiv überrascht, dass ein „Trotzkist“ so unsektiererisch sein kann. Ich erzählte ihm von Trotzkis lebenslanger „Verteidigung der Sowjetunion gegen Imperialismus und Restaurationsversuche“, die dieser mit unnachsichtiger Kritik am bürokratisch-stalinistische Regime verbunden hatte, aber ich weiß nicht, ob das Robert so neu war – jedenfalls behandelte er Trotzki in unseren Gesprächen nicht als „Unperson“, sondern sah ihn durchaus als wichtige Persönlichkeit der russischen marxistischen Linken.

Die erste Konferenz behandelte das Thema der Übergangsforderungen. Die Referate wurden in den Marxistischen Blättern der DKP 3/2004 abgedruckt. Die Materialien zur zweiten und zur dritten Konferenz sind in eigenständigen Broschüren veröffentlicht worden. Im Februar 2005 gab es die zweite dieser Konferenzen zur Frage des subjektiven Faktors und der revolutionären Partei. Bemerkenswert ist, dass zu den Materialien dieser Konferenz ein gemeinsamer Beitrag von Robert Steigerwald und mir gehört: „Der Zustand der Arbeiterklasse und die Krise des ,subjektiven Faktors’“ Wer hätte sich einige Jahre zuvor träumen lassen, dass eine solche gemeinsame Ausarbeitung eines Mitglieds der Vierten Internationale mit dem „Cheftheoretiker“ der DKP möglich wäre?

Beim dritten Leverkusener Dialog im Juli 2006 ging es um das Thema „Marxismus und Staat“. Natürlich stand die Frage der sozialistischen Demokratie neben der Klassennatur der Staaten dort im Mittelpunkt der Debatte. Die vierte dieser Konferenzen im Jahr 2012 behandelte das Thema der Strategie der Gesellschaftsveränderung. Die dort gehaltenen Referate sind im Laika Verlag 2013 unter dem Titel „Reform und Revolution – Revolutions- und Klassentheorie im 21. Jahrhundert “ veröffentlicht und wie folgt beworben worden:

Wenn der Trümmerhaufen zum Aussichtsturm geworden ist, wie Georg Fülberth sagte, ist die theoretische Selbstverständigung, Orts- und Perspektivenbestimmung notwendige Voraussetzung aktueller und künftiger Kampf- und Widerstandsaktionen.

Aktivisten und Theoretiker verschiedener marxistischer Strömungen trafen sich dazu in der Marx-Engels-Stiftung und diskutierten das Problem der Dialektik von Reform und Revolution. Sind die vielfältigen Protest- und Widerstandsaktionen in Europa Vorboten einer nahenden sozialen Revolution oder nur Zeichen verzweifelter Abwehrkämpfe einer weitgehend marginalisierten Klasse? Lässt die Krise des Klassenbewusstseins ein organisiertes Handeln der Betroffenen zu? Welche Rolle spielen die traditionellen Arbeiterparteien in dieser Auseinandersetzung? Müssen sich diese stärker auf die neuen sozialen Bewegungen beziehen?

Wenn der Leverkusener Dialog nicht fortgesetzt worden ist, dann mögen dafür die inneren Entwicklungen der DKP mitverantwortlich sein – ich habe außer Robert eine ganze Reihe vor allem älterer und theoretisch interessierter und versierter DKP-Mitglieder (und leider in der Tendenz aussterbender) kennengelernt, die sehr aufgeschlossen waren für den Dialog mit anderen kommunistischen Strömungen in den Traditionen der „rechten“ und der „linken“ Oppositionen zum offiziellen Kommunismus, aber nicht sehr viele jüngere. Ein Vorhaben, das nicht realisiert wurde, war eine Konferenz zum Thema „spanischer Bürgerkrieg“. Robert Steigerwald schien mir bereit zu sein, auch das zu wagen – aber letztlich hat er in seiner Partei wohl nicht genug Unterstützung dafür gefunden. Es wäre in der Tat eine große Herausforderung gewesen und ein Tabubruch – eine Konfrontation mit der Rolle der Sowjetunion und der spanischen Kommunistischen Partei, der grausamen Unterdrückung und Verfolgung der Trotzkisten und der POUM, der Verantwortung für die Niederlage gegen Franco hätte eventuell zuviel an identitären Gefühlen verstört.

Die Zusammenarbeit mit Robert Steigerwald beschränkte sich nicht auf die genannten Konferenzen mit überschaubarer Teilnehmerzahl. Wir haben auch mit anderen zusammen im April 2007 in Berlin eine Marxismus-Konferenz mit über 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern organisiert und sind, u.a. mit Ekkehard Lieberam vom Marxistischen Forum, gemeinsam auf Podien in den sozialen Bewegungen aufgetreten, wie etwa im duetschen Sozialforum in Erfurt. Da habe ich erlebt, wie gut Robert zu jungen politisierten Leuten sprechen konnte, die mit der kommunistischen Tradition absolut nichts am Hut hatten, sich aber von der Begeisterung des alten Revolutionärs anstecken ließen.

Ich möchte hinzufügen, dass ich keinerlei Grund habe, meinen Einfluss auf Robert Steigerwalds Positionen in irgendeiner Weise zu überschätzen. Wenn überhaupt etwas, dann hat er die eine oder andere Idee in seine eigene Anschauung integriert, ohne diese etwas grundlegend zu ändern. Ich hatte ihm einmal öffentlich scherzhaft gesagt, der Hauuptvorwurf, den ich ihm machen müsse ist, dass er so alt sei. Mit 91 Jahren Lebensalter zu sterben ist für einen Mann wahrlich nicht früh. Besser wäre uns Robert noch ein ppaar Jahrzehnte erhalten geblieben – ich bin sicher, dann hätte es noch viel mehr Annäherung gegeben und solidarisch-genossenschaftliche Zusammenarbeit sowieso.

Ich würde mir wünschen, dass Steigerwalds hinterlassene Schriften über die engeren Kreise der DKP hinaus gelesen werden – und dass, besonders in DKP-Kreisen auch das von ihm zur Kenntnis genommen und reflektiert wird, was er mit Genossinnen und Genossen in der Tradition der sogenannten „rechten“ kommunistischen Opposition und der „linken“ Opposition und der Vierten Internationale gemeinsam gemacht und diskutiert und sogar gemeinsam geschrieben hat.


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