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Boykottiert H&M

Streikende in Italien bitten um Hilfe
von Roberto Luzzi (SI-Cobas-Exekutivkomitee)

In diesen Augusttagen führen Arbeiter in den italienischen H&M-Warenlagern Stradella und Casalpusterlengo (beide in der Lombardei) ihren ersten wichtigen Kampf für ihre Rechte und Arbeitsbedingungen, nachdem sie sich im SI Cobas (Sindacato Intercategoriale Cobas) organisiert haben.

Das schwedische multinationales Unternehmen H&M lagert seine Produktion in Niedriglohnländer aus, v.a. nach Bangladesh. Dort ist H&M der wichtigste Einkäufer, die Löhne der Textilarbeiterinnen betragen weniger als 100 Dollar im Monat. Schon vor dem Zusammenbruch der Rana-Plaza-Fabrik 2013, bei dem 1128 Textilarbeiterinnen zu Tode kamen und über 2500 verletzt wurden, starben in Bangladesh 21 Arbeiterinnen des H&M-Zulieferers Gabi & Garib bei einem Fabrikbrand im März 2010. Im Februar 2016 brannte eine Fabrik von Matrix, einem anderen H&M-Zulieferer – trotz eines von den wichtigsten Käufern unterzeichneten Vertrages zur Erhöhung der Sicherheitsstandards.

Die Ausbeutung beginnt in den Fabriken, setzt sich jedoch in den Warenlagern fort. Das Warenlager in Stradella ist mit etwa 300 Arbeiterinnen, die meisten von ihnen Frauen, eines der wichtigsten Verteilzentren des schwedischen Bekleidungsgiganten in Europa. Von hier aus werden online gekaufte Kleidungsstücke direkt an Privathaushalte in verschiedene Länder Europas geschickt.

Das Warenlager von Stradella wird von XPO betrieben, einem multinationalen Logistikunternehmen, das die Arbeit an eine sogenannte «Kooperative» als Subunternehmer auslagert. Diese Kooperative stellt die Arbeiter ein – mit befristeten Teilzeitverträgen, bei denen sie elf Stunden am Tag arbeiten müssen, sechs Tage die Woche. Ihre Arbeitszeiten werden ihnen jeden Tag für den kommenden Tag mitgeteilt. Sie können ihr Leben nicht planen. Die Löhne sind die niedrigstmöglichen für Logistikarbeiter (Lohnstufe 6), und da sie «Teilzeit» angestellt sind, erhalten sie nur einen Teil des Urlaubsgelds und der Extrazahlungen für Juni und Dezember.

Ihre Forderungen sind: normale 39-Stunden-Woche, Vollzeitverträge, einen monatlichen Arbeitsplan und eine Lohnstufe, die ihrer Arbeit entspricht. XPO und die Kooperative lehnen die Anerkennung der Gewerkschaft SI Cobas ab.

Die Arbeiter in Stradella sind am 19.August in ihren dritten Streik innerhalb eines Monats getreten. Sie haben Streikposten aufgestellt, um ihre Kolleginnen und die Lkw-Fahrer davon zu überzeugen, die Tore nicht zu passieren. Am 23.August hat XPO Arbeiter ausgesperrt, um den Streik zu brechen. Einige der Streikenden hatten, nachdem sie erfahren hatten, dass die Produktion in ein anderes Warenlager verlagert wurde, dessen Einfahrt blockiert.

In Casalpusterlengo hat H&M das Warenlager, von dem aus die Geschäfte beliefert werden, bisher direkt betrieben. Aber die nationalen Tarifverträge einzuhalten, scheint dem Unternehmen zu teuer, und so möchte H&M erreichen, dass 15 Arbeiter von ihrem alten Arbeitsvertrag zurücktreten und sich von einer «Kooperative» anstellen lassen, die ihre Verpflichtungen aus dem nationalen Tarifvertrag leichter umgehen kann, indem sie den neuen Jobs Act anwendet, der fast unbegrenzte Kündigungsmöglichkeiten vorsieht. Die großen Gewerkschaftsverbände CGIL, CISL und UIL haben vorgeschlagen, diese Arbeiter mit einem goldenen Handschlag zu entgelten und neue Beschäftigte zu schlechteren Bedingungen einzustellen. Die Arbeiter haben auch hier angefangen zu streiken und werden bei den Streikposten von Arbeitern aus Stradella unterstützt.

Obwohl H&M vorgibt, soziale Standards zu respektieren, umgeht es diese, indem es die Arbeit auslagert, sowohl bei der Produktion als auch bei der Logistik. Da H&M ausschließlich die Sprache des Profits versteht, organisiert SI Cobas ab dem 27.August in den größten Städten Italiens einen Boykott aller H&M-Geschäfte und ruft Schwestergewerkschaften und -organisationen dazu auf, in Europa und überall den Boykott zu organisieren.


Siehe auch http://de.labournet.tv/boykottaufruf-gegen-hm.


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