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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Polen: Was bleibt nach Franziskus?

Eindrücke nach dem Papst Besuch
von Stanislaw Obirek*

Eine große Welle von Kommentaren ergoss sich über Polen vor, während und nach dem Besuch von Papst Franziskus Ende Juli. Sie sagen viel über die Kommentatoren, weniger aber über Franziskus aus. Was er gesagt und wie er sich verhalten hat, wurde so allgemein beschrieben, dass jeder daraus lesen konnte, was er wollte.

In den Humanwissenschaften ist seit Jahrhunderten bekannt, dass jeder das wahrnimmt, was ihm angenehm erscheint. (Einige berufen sich dabei auf ein lateinisches Sprichwort: Quidquid recipitur, ad modum recipientis recipitur – Was auch immer wahrgenommen wird, wird in der Art und Weise des Empfängers wahrgenommen.) Von jemandem, der gewohnt ist, die Religion als etwas zu betrachten, das seine politische Linie stärkt, ist kaum zu erwarten, dass er bemerkt, dass diese Religion ihn gar nicht stützt.

Mit Belustigung habe ich einige Kommentare von bekannten rechten Publizisten und Politikern verfolgt, die gegenüber dem argentinischen Papst sehr skeptisch sind und nun in der Suche nach Argumenten wetteiferten, wie die Vorstellungen des Papstes mit ihrer eigenen fundamentalistischen Version des Katholizismus in Übereinstimmung zu bringen sind. Leider hat Franziskus ihnen das Vorhaben erleichtert, in dem er von Beginn an über die Heiligkeit des Lebens sprach und bei einem privaten Gespräch mit den Bischöfen eine Tirade gegen die «Gender-Ideologie» losließ.

Mit Genugtuung, um nicht zu sagen mit Enthusiasmus, wurde sowohl das eine als auch das andere aufgenommen. Umso erstaunlicher war ein interessanter und überraschender Artikel des katholischen Publizisten Artur Sporniak in der liberalen katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, der eine eindeutige Kritik an der Auffassung des Papstes zur Gender-Theorie enthielt. Sporniak schreibt ohne Umschweife: «Die Entschlossenheit der Päpste bei ihrer Kritik an Gender verrät ihre Angst vor einer größeren Herausforderung als nur der des ‹kulturellen Geschlechts›. Die Kirche erwartet eine Konfrontation der religiösen Vision des Menschen mit revolutionären Ergebnissen der Wissenschaft.»

Seinen Artikel beendet er mit einer wichtigen Frage, die Bezug nimmt auf wiederholte Angriffe auf ein kulturelles Verständnis von Geschlecht: «Der Krieg gegen Gender und das distanzierte Verhältnis zur Wissenschaft … verraten die bewahrende Strategie bei den Kirchenoberen. Ob die Kirche nicht einen ähnlichen Fehler macht, wie zu Zeiten von Kopernikus im 16.Jahrhundert?»

Darauf gibt es nur eine Antwort: Natürlich macht sie einen Fehler, und ähnlich wie im 16. und 17.Jahrhundert macht sie sich mit ihrem Nein gegenüber den Erkenntnissen der Wissenschaft lächerlich und verliert an Glaubwürdigkeit. Das ist jedem klar, im polnischen Kontext ist es allerdings wichtig, dass diese Feststellung in einer katholischen Wochenzeitung zu Wort kommt.

Vielleicht täusche ich mich, aber ich habe den Eindruck, dass andere Aussagen und Gesten des Papstes während seines Aufenthalts in Polen keine tieferen Spuren hinterlassen haben, weder in der politischen Debatte über die Präsenz der Religion im öffentlichen Leben, noch in bezug auf das Verhältnis der Mehrheit der Polen zu Flüchtlingen.

Ich glaube auch nicht, dass die polnische Geistlichkeit sich Franziskus annähert. Sollte wirklich ein großer Teil der Bischöfe die gleiche Meinung zu Flüchtlingen haben wie der Papst, hätte sich das auf die öffentliche Debatte ausgewirkt. Haben sie jemals eine kritische Stimme gegen die jetzige regierende Partei erhoben? Oder gegen besonders aggressive Politiker und Geistliche, die Flüchtlinge als Terroristen darstellen?

Gleichzeitig sind diese Bischöfe in der Lage, ihre Stimme zu erheben, um auf die Gesetzgebung zur Abtreibung oder zum Religionsunterricht in Schulen Einfluss zu nehmen. In bezug auf die Flüchtlinge verhalten sie sich sehr zurückhaltend. Dies zeigt sich besonders in ihrem Verhalten gegenüber einem Geistlichen, der öffentlich emigrantenfeindliche Äußerungen sowie faschistische und rassistische Parolen von sich gibt. Trotz Protesten ist er weiterhin in den sozialen Medien aktiv als geistlicher Betreuer nationaler Gruppen, die sich immer stärker radikalisieren und offen faschistische und rassistische Losungen verkünden.

Die seit den letzten Parlamentswahlen Ende Oktober 2015 regierende Partei «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) hat sich unter Jaros?aw Kaczynski selbst radikalisiert in ihrem gnadenlosen Kampf gegen das Verfassungsgericht und die parlamentarische Opposition. Die gesellschaftliche Bewegung für den Kampf zur Erhaltung der Demokratie (KOD – Komitee zur Verteidigung der Demokratie) wurde in den letzten Wochen schwächer und fand keine Unterstützung beim Papst, obwohl viele damit gerechnet hatten.

Aber ehrlich gesagt, wenn die Polen ihre Demokratie, die sie bei den ersten freien Wahlen am 4.Juni 1989 errungen haben, erhalten wollen, müssen sie es selbst machen, ohne auf den Vatikan zu schauen. Ich würde sogar sagen, je weniger Vatikan/Kirche in der gesellschaftlichen Debatte, umso besser für die Demokratie.


* Stanislaw Obirek ist Theologe und Historiker, war viele Jahre Jesuit und trat 2005 aus dem Orden aus. Er ist jetzt Dozent am Zentrum für Amerikastudien der Universität Warschau.


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