Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2016 |

Filmtipp: Hieronymus Bosch – Schöpfer der Teufel

Niederlande 2016, Regie: Pieter van Hujistee
von Angela Huemer

In den letzten Jahren gab es im Dokumentarfilmbereich fast so etwas wie einen Trend: Filme über Kunst, oder besser: Kunst und die Art ihrer Präsentation und Bewahrung. In Das große Museum blickte Johannes Holzhausen hinter die Kulissen des Kunsthistorischen Museums Wien, und der Doyen des «direct cinema» (ein puristisches Dokumentarfilmgenre), Frederick Wiseman, nahm sich die Londoner National Gallery im gleichnamigen Film vor. In beiden Filmen standen eher die Kunststrukturen im Vordergrund als die Kunst an sich.

Der Film über Hieronymus Bosch ist ähnlich gelagert, wenn auch mit einem anderen thematischen Fokus.

2016 ist das Jahr, in dem sich der Todestag von Hieronymus Bosch, geboren in der niederländischen Stadt s’Hertogenbosch, zum 500. Mal jährt. Ein solch gewichtiges Jubiläum warf naturgemäß seine Schatten voraus. Filmregisseur Pieter van Hujistee begleitete ab 2010 das niederländische Kunsthistorikerteam rund um Matthijs Ilsink, den Projektkoordinator vom Bosch Research and Conservation Project (BRCP), das neben der Vorbereitung der (nunmehr beendeten) Ausstellung zu Hieronymus Bosch in seiner Geburtsstadt vor allem den Maler und seine Werkstatt erforschen wollte.

Boschs Bilder sind unglaublich detailreich, selbst wenn man Stunden vor seinen Bildern verbringt, schafft man es nur annähernd, die vielen Details und separaten Szenen zu erfassen. Vieles mutet äußerst modern an, man denkt an den Surrealismus, und mitunter beschleicht einen beim genaueren Hinsehen eine gewisse Angst und Beunruhigung ob der vielen Monster und Dämonen, die man da zu sehen bekommt.

Schwer, so einen Ausnahmemaler, dessen Bilderfindungen, wie der Filmrezensent des Magazins Variety trefflich formuliert, direkt aus einer surrealen Landschaft Dalís stammen könnten oder aus einem Heavy-Metal-Albumcover der 70er Jahre, in einem eineinhalbstündigen Film in den Griff zu bekommen. Der rote Faden des Films sind die Besuche des niederländischen Expertenteams in den verschiedenen Museen, die anlässlich des Jubliläumsjahres ihre Bosch-Bilder verleihen sollen.

Das wichtigste und herausforderndste dieser Museen ist das Prado in Madrid, das die meisten Bilder von Bosch aufbewahrt, darunter das berühmte Triptychon «Der Garten der Lüste».

Zwei Welten treffen da aufeinander, der selbstsicher mit perfektem Englisch auftretende Kurator des Prado und die verantwortliche Kunsthistorikerin Pilar Silva, die mit ihren Talenten nicht hinter dem Berg hält: Bei all den technischen Hilfsmitteln, meint sie mit Blick auf das holländische Team, welches sich technischer Mittel wie Infrarotfotografie und Computertechnik bedient, um die Echtheit eines Bildes zu beurteilen, braucht ein Kunsthistoriker ein geschultes, ein gutes Auge. Das hat sie natürlich und erklärt damit, warum sich ihre Auffassungen über die Zuordnung von Bildern von Hieronymus Bosch von denen des niederländischen Teams vom BRCP unterscheiden – Unterschiede, die sich schon in der frühen Vorbereitungsphase des Bosch-Jahres 2016, die der Film dokumentiert, andeuten.

Das sollte noch Konsequenzen haben, der Prado leiht dem Noordbrabants Museum in s’Hertogenbosch am Ende lediglich ein Bild aus. Bei der Prado-Jubiläumsausstellung zu Hieronymus Bosch, die Ende Mai eröffnet wurde und dieser Tage (nach Verlängerung) endete, zeigte sich Pilar Silva darüber hinaus offen indigniert über die Schlussfolgerungen, zu denen das niederländische Expertenteam in manchen Fällen gekommen war. Es hatte nämlich einige der Hieronymus Bosch zugeschriebenen Gemälde, die im Prado hängen, dem Meister aberkannt, «de-Bosched» nannte das die britische Zeitung The Guardian.

Mehr Freude über die Forschungen der Niederländer verspürten die Museumsverantwortlichen des bislang auf internationaler Ebene eher unterbelichteten Nelson-Atkins Museum of Art in Kansas City, Missouri, als sich eines ihrer Gemälde, das bislang vor allem im Depot vor sich hinstaubte, als echter Bosch herausstellte. Sie zögerten nicht lange, ihr Bild an der Jubiläumsausstellung teilnehmen zu lassen.

Das Schöne am Film ist, dass man den Forschern genau über die Schulter schauen kann: Man sieht, wie mühsam die Datierungsmethode mit Hilfe der Altersbestimmung des Holzes ist, auf das einige der Bilder gemalt sind, und wie hilfreich Computer sein können, wenn es darum geht, die dem Bild zugrundeliegenden Entwurfszeichnung, die besondere Fototechniken sichtbar machen können, mit dem endgültigen Bild zu vergleichen. Außerdem können wir in Details der Bilder schwelgen, die man wohl direkt vor dem Bild stehend gar nicht so wahrnehmen könnte. Und Bilddetails gibt es bei Hieronymus Bosch mehr als genug.

Vor allem aber merkt man, wie sehr auch in der hehren Kunstwelt Eitelkeiten und Konkurrenz eine Rolle spielen. So sind wir beim Telefonat des spanischen Kurators und seines niederländischen Kollegen mit dabei: Gemeinsam ist man vom Rotterdamer Museum Boymans van Beuningen genervt, weil die den Startschuss zum Bosch-Jahr mit ihrer Ausstellung «Von Bosch zu Bruegel» abgeben. Der Spanier beschwert sich darüber, dass die venezianische Galleria dell’Accademia ihre Bosch-Tryptichen zwar an Boschs Heimatstadt ausborgt, jedoch nicht dem Prado leihen will. Detail am Rande: Die Niederländer übernahmen als Gegenleistung die Restaurierung der Bilder. Filmische Draufgabe: In Venedig entstand eine der schönsten Szenen des Films – der Abtransport der Gemälde per Boot, inmitten des unvergleichlich-schönen Ambiente des Canal Grande. Fast fühlt man sich in Boschs Zeit zurückversetzt.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.