Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2016 |

Gegen Rassismus in ­Betrieb und Gewerkschaft

Erste multikulturelle Gewerkschaft Deutschlands
von Murat Yilmaz

Zum 100jährigen Jubiläum von BMW hat sich in München die erste multikulturelle Gewerkschaft Deutschlands gegründet. Initiatoren sind der Münchner Betriebsrats-Rebell Murat Yilmaz (44) und der Manager Christian Lange (58), der sich für Menschenrechte in deutschen Konzernen einsetzt.

Yilmaz hatte im Jahr 2015 «schwarze Kassen in Millionenhöhe» in der Hand von BMW-Betriebsräten angeprangert. In der Folge wurde der Deutsch-Türke im Werk rassistisch beschimpft und bekam nach eigener Aussage sogar anonyme Morddrohungen.

Ex-Betriebsrat Lange, der bei BMW in der Vergangenheit unter anderem für das Nachhaltigkeitsmanagement mitverantwortlich war, sagt: «Wir dulden keine Diskriminierung muslimischer Kollegen und Andersdenkender. Wir wollen keine Angstkultur wie bei VW.»

Die Gründung der neuen Organisation ist eine Antwort auf rassistische Ausfälle von Verantwortlichen der IG Metall. Diese haben im Münchner BMW-Stammwerk zu Protesten und zu einer Austrittswelle aus der IGM geführt, die anhält. Ein weiterer Grund für die Gründung ist, dass Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländer in deutschen Traditionsgewerkschaften zu wenig Chancen haben, aufzusteigen und echte Verantwortung zu übernehmen. Die neue Gewerkschaft hat sich zum Ziel gesetzt, gegen zunehmende Spannungen zwischen unterschiedlichen Gruppen und gegen Rassismus in deutschen Betrieben vorzugehen, und deutsche ebenso wie ausländische Beschäftigte gleichermaßen zu vertreten. Deshalb trägt die Organisation den Namen «Social Peace».

Der neueste Erfolg für die neue Gewerkschaft: 50 BMW-Betriebsräte der IGM wurden im Juni 2016 vom Münchner Arbeitsgericht verurteilt, bei Wiederholung einer «ehrverletzenden» Flugblattaktion gegen den SP-Vorsitzenden Murat Yilmaz ein halbes Jahr Haft antreten zu müssen.

Rund 1000 BMW-Mitarbeiter des Münchner Stammwerks hätten ihren Mitgliederantrag bereits unterzeichnet, so Yilmaz. Damit hat die Gewerkschaft nach eigenen Angaben bereits rund jeden zehnten Arbeiter im Stammwerk hinter sich. Auch bei Daimler und anderen metallverarbeitenden Konzernen hat «Social Peace» regen Zulauf mit einigen hundert Mitgliedern. Betriebsräte und Mitarbeiter von MAN und der Salzgitter AG aus Norddeutschland sind über den Sommer zur Organisation dazugestoßen, die jetzt deutschlandweit expandiert.

«Viele Gewerkschaften scheinen die ausländischen Mitglieder und die Deutschen mit Migrationshintergrund nur als Stimmvieh oder Demonstrationsaufgebot zu benutzen,  damit ist jetzt Schluss», betonen Yilmaz und Lange: «Bei uns gehören Ausländer wie Deutsche zu den Gründern und stehen ganz oben an der Spitze!»

Außerdem betonen die beiden mit Blick auf den nächsten Krisenherd, die VW AG: «Wir wollen keine Angstkultur wie in Wolfsburg, wo die IGM-Spitze die Verantwortlichen des Konzerns reinwäscht und keine Skandale aufdeckt. Dafür müssen jetzt Tausende Arbeiter an der Basis die Suppe auslöffeln, die einige Obere eingebrockt haben.»

Co-Management und Kumpanei zwischen IGM und dem Management kommen immer öfter vor. Der Grund ist laut Social Peace: Die IGM hat ein Monopol, das früher vielleicht kampfstark war, aber jetzt korrupt geworden ist. «Der IGM geht es nur noch um ihre Machtprivilegien, die echten Interessen und Nöte der Arbeiter und kleinen Angestellten interessieren immer weniger.»

Yilmaz setzt sich mit seiner Betriebsratsarbeit bei BMW schon seit längerem für eine Senkung der in deutschen DAX-Konzernen zu hohen Zahl an Leiharbeitern ein. Der Münchner Premiumhersteller hält die Zeitarbeitsquote in seinen Werken traditionell geheim. Sie lag Medienrecherchen zufolge zuletzt jedoch deutlich über der anderer deutscher Autobauer.

«Social Peace» will sich nach eigenen Angaben aber nicht nur für die Interessen der Band-, sondern auch für die Facharbeiter einsetzen. Neben einer Reduzierung der Werkverträge fordern Lange und Yilmaz höhere Prämien für die Belegschaft.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.