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Im Zentrum des Klassenkampfs

Corbyn und die Labour Party
von Andy Stowe*

In einer Urabstimmung wurde der bisherige Vorsitzende der Labour Party und Führer ihres linken Parteiflügels, Jeremy Corbyn, am 24.9. mit einer noch größeren Mehrheit wiedergewählt, als er vor einem Jahr ins Amt gekommen war, nämlich mit 61,8% (gegenüber 59% 2015).

Der rechte Flügel der Labour Party, ihre Journalistenfreunde, die Kommentatoren und ihre Verbündeten haben alles, was sie hatten, gegen Jeremy Corbyn in den Ring geworfen – er aber hat ihnen eine haushohe Niederlage bereitet. Ihm und seinen Unterstützern war Antisemitismus, Einschüchterung und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen worden – ohne dafür harte Fakten zu liefern –, und die Mainstreammedien haben diese Vorwürfe ständig wiederholt. Selten ist eine so verlogene und ressourcenreiche Desinformationskampagne vom Zielpublikum so klar zurückgewiesen worden.

Corbyn hat seinen Stimmenanteil von 59,5% im letzten Jahr auf 62% erhöht. Er gewann 59% Unterstützung bei den Parteimitgliedern, 70% bei den registrierten Unterstützern und 60% bei den nahestehenden Unterstützern. Und das obwohl Zehntausende, die für ihn gestimmt hätten, nicht wählen konnten, da sie nicht zur Wahl zugelassen wurden.

Nicht nur das. Über 183000 Menschen zahlten im Juli innerhalb von zwei Tagen 25 Pfund an die Partei, nur um abstimmen zu können. In den zwei Wochen nach dem EU-Referendum traten 128000 Menschen der Partei bei, wodurch sich die Mitgliederzahl seit Corbyns Wahl zum Parteivorsitzenden im Jahr 2015 auf geschätzte 515000 erhöht hat. Wenn also Corbyn in seiner Siegesansprache sagte, er hätte gerne eine Million Mitglieder, die sich für einen Kurswechsel in der britischen Politik einsetzen, formulierte er ein ehrgeiziges Ziel und träumte keineswegs vor sich hin.

Er brachte die Parteimitglieder dazu, sich gegen die Tory-Pläne aufzulehnen, die Selektion im Bildungswesen weiter auszubauen. Er will die Labour in eine soziale Bewegung verwandeln, die tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und die politische Lage verändern kann. Das ist etwas, was seine Gegner unter den Labour-Parlamentsabgeordneten, im Parteiapparat und die ihm feindlich gestimmten Gewerkschaftsführungen einfach nicht verstehen wollen.

Der rasche Wandel der Labour Party findet zu einer Zeit statt, in der organisierte Arbeitskämpfe an einem Tiefpunkt angelangt sind. Stattdessen erleben wir einen riesigen Zulauf von Menschen aus der Arbeiterklasse zur Partei, unter ihnen Zehntausende junge Leute, von denen viele in der Vergangenheit an eben dieser Partei verzweifelt sind. Der Kampf zwischen diesen Hunderttausenden frisch Mobilisierten und der demoralisierten, selbstzufriedenen Labour-Rechten bildet nun das Zentrum des Klassenkampfs in England (in Wales und vor allem Schottland stehen die Dinge hingegen anders).

Die Labour-Rechte klammert sich immer noch an die Parolen aus der Blair-Zeit, sie hat aber im Wahlkampf gezeigt, dass sie mit schmutzigen Bandagen kämpft und ihre Kontrolle über den Parteiapparat gnadenlos für sich nutzt. Der nächste große Kampf wird um um den Versuch geführt werden, der Parteiführung um Corbyn alle erdenklichen Steine in den Weg zu legen, indem die Parlamentsmitglieder ermächtigt werden, ein eigenes Schattenkabinett zu wählen. Das darf nicht geschehen, und wir sind zuversichtlich, dass es dagegen harten Widerstand geben wird wegen des soliden Mandats, das der neue Parteichef erhalten hat.

Owen Smith, der Herausforderer und Verlierer, war eine Null. Er schnürte einen Ranzen voll linker Politikideen, für die er zuvor kein Interesse gezeigt hat. Sein wichtigster Beitrag zum politischen Prozess war der, dass seine eigene, unglaublich ungeschickte Kandidatur jede andere Kandidatur gegen Corbyn viel schwerer gemacht hat. Allein dafür sollte man ihm danken.

Socialist Resistance begrüßt die Wiederwahl von Jeremy Corbyn. Sie ist ein großer Sieg für sozialistische und fortschrittliche Politik. Sie zeigt, dass eine richtige Massenbewegung selbst die entschlossensten, am besten vernetzten und reichsten Gegner überwältigen kann. Die Labour Party ist gerade dabei, zu einer gesellschaftlichen Massenbewegung zu werden. Sozialisten können das nicht mehr länger nur von der Seitenlinie aus beobachten.

 

* Andy Stowe ist Mitglied von Socialist Resistance, der britischen Sektion der IV. Internationale (http://socialistresistance.org/inside-labour-is-the-heart-of-the-class-struggle/9002).


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