Indien: größter Generalstreik der Weltgeschichte


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2016/10/indien-groesster-generalstreik-der-weltgeschichte/
Veröffentlichung: 01. Oktober 2016
Ressorts: Arbeitskämpfe, Asien/Australien, Startseite

Für mehr Lohn und mehr Rente
von der Redaktion

Am 2. September fand in Indien der wohl größte Streik in der Weltgeschichte statt: 180 Millionen Menschen streikten für einen umfangreichen Forderungskatalog, u.a. für die Erhöhung des Mindestlohns und der Renten und gegen die hindunationalistische Regierung der BJP. Der folgende Text basiert auf einer ausführlichen englischsprachigen Erklärung des indischen Gewerkschaftsverbands CITU, der politisch der reformistischen Communist Party of India (Marxist) (CPIM) nahesteht.

Der landesweite Generalstreik am 2. September dieses Jahres war nochmals größer und umfassender als derjenige, der vor einem Jahr am selben Tag stattgefunden hat. Er wurde ausgerufen und organisiert vom Vereinigten Gewerkschaftskomitee (JTUC) der Gewerkschaftsdachverbände CITU und AITUC.

Die Behauptung der Regierung, sie arbeite für das Wohl der Arbeiter und für die soziale Sicherheit, ist damit eindeutig widerlegt. Die hindunationalistische Gewerkschaft BMS, die im letzten Jahr ihre Unterstützung für den Streik in letzter Minute zurückgezogen hatte, hat ihn in diesem Jahr von vornherein nicht unterstützt. Die BMS wurde damit zur willigen Verbündeten der BJP-geführten Regierung, die alles in ihrer Macht Stehende versucht hat, um Verwirrung unter den Arbeitenden zu stiften und den Streik zu sabotieren. Sie wurde darin von den kommerziellen Medien, teilweise auch den elektronischen Medien, unterstützt. Die Regierungspartei BJP und der BMS sind beides Mitglieder der gleichen Organisationsfamilie um die rechtsextreme paramilitärische Organisation RSS herum.

Doch die arbeitende Klasse des Landes hat sich nicht betrügen lassen. Wie die Berichte zeigen, haben BMS-Mitglieder sich geweigert, den Streik abzulehnen, de facto haben sie an vielen Orten den Streik unterstützt. Unorganisierte Arbeiter, die den Streik im letzten Jahr unter anderem in der Industrieregion Pune unterstützt hatten, haben dies in diesem Jahr wieder getan. An vielen Orten ist der Streik in neue Regionen und neue Branchen vorgedrungen. In vielen Bundesstaaten – nicht nur in denen, wo die Gewerkschaften traditionell stark sind – führte der Streik zur kompletten Lahmlegung des öffentlichen Lebens, zum «Bandh». Dies war hauptsächlich dort der Fall, wo das Verkehrswesen massiv bestreikt wurde.

 

In den Bundesstaaten

Die Arbeitenden waren nicht nur mit der großen Desinformationskampagne der Regierung, unterstützt von der BMS, konfrontiert. In mehreren Staaten waren sie die Zielscheibe von Schikanen, polizeilicher Repression und körperlichen Angriffen. In Haryana wurden 22 Anführer der Verkehrsgewerkschaft festgenommen, dabei wurden wurden Schlagstöcke eingesetzt; die Polizei suchte die Wohngebiete der Arbeiter auf und zwang sie zur Arbeit. Mehrere Kohlenarbeiter in Jharkhand wurden wegen ihrer Unterstützung des Streiks entlassen. In Westbengalen wurden mehrere CITU-Anführer, unter ihnen das ehemalige Kongressmitglied Suraj Pathak, inhaftiert. Etwa 5000 Streikende wurden in verschiedenen Teilen von Assam festgenommen

Die tragenden Säulen des Streiks waren die Gewerkschaftsdachverbände AITUC und CITU. In verschiedenen Staaten unterstützten darüber hinaus lokale Gewerkschaften den Streik. In Odisha brachte sogar der Premierminister selber nach einem Gespräch mit den Gewerkschaftsführern seine Unterstützung für den Streik zum Ausdruck. Die linken Parteien haben den Streik offen unterstützt.

Die Bank- und Versicherungsangestellten im ganzen Land standen mehrheitlich hinter dem Streik, Regierungsangestellte unterstützten ihn in den meisten Bundesstaaten. Erwähnenswert ist die Teilnahme der Regierungsangestellten aus den nordöstlichen Staaten, unter anderem Arunachal Pradesh, Manipur, Mizoram, Nagaland, Meghalaya – sie haben zum erstenmal an einem Streik teilgenommen. Massiv war die Teilnahme von  Angestellten der Zentralregierung, vor allem der Steuereintreiber und Postangestellten. Die klare Mehrheit der Angestellten im öffentlichen Sektor hat am Streik teilgenommen.

Im Bundesstaat Andra Pradesh hat der Streik in den Stahlbetrieben Vizag Steel und DCI den ganzen Betrieb komplett lahmgelegt, 70% der Vizag-Beschäftigten streikten. Die Tempelverwaltung in der Heiligen Stadt von Tirupati wurde vollständig gelähmt. Nahezu alle Industriezentren, einschließlich des Industriegebiets Renigunta, lagen still. In mehreren Großstädten nahmen die Verbände der selbständigen Lastwagenfahrer am Streik teil.

In Assam nahm der Streik in fast allen Distrikten die Form eines vollständigen «Bandh» an und legte den Verkehrssektor lahm. Keine Ölraffinierie arbeitete mehr in diesem Bundesstaat. Das wichtigste indische Öl- und Gasunternehmen, die Oil and Natural Gas Corporation, war nicht mehr arbeitsfähig. Mehr als 15 Teegärten wurden bestreikt. Alle öffentlichen und privaten Bildungsinstitute blieben geschlossen. Der Schienenverkehr wurde durch unorganisierte Arbeiter unterbrochen.

Auch in Bihar wurde der Streik in vielen Regionen zum Bandh. Der öffentliche Personenverkehr ruhte, Arbeiter in mehreren Industriezentren streikten.

In Gujarat streikten 400000 Beschäftigte und organisierten mehrere Demonstrationen. In Jammu gab es Solidaritätsdemonstrationen für den Streik, während in Kashmir weithin Ausgangssperre herrschte. Tausende Beschäftigte aus verschiedenen Branchen nahmen an den Demonstrationen teil.

In Jharkand wurde in bisher noch nie bestreikten Industriekomplexen, unter anderem in Jamshedpur, gestreikt.

In Punjab wurde der Streikaufruf von den Arbeitern massiv befolgt, der Straßenverkehr war lahmgelegt und die Industriezentren blieben geschlossen, Tausende unorganisierter Arbeiter nahmen an den Kundgebungen teil.

In der Bekleidungsindustrie in Tiruppur im Bundesstaat Tamil Nadu kam es zum Totalstreik. Auch im Industriegebiet von Coimbatore wurde effektiv gestreikt.

Diesem Streik, dem 17. landesweiten seit der neoliberalen Wende, ist eine gut organisierte gemeinsame Kampagne vorangegangen. Die CITU hatte Kampagnenmaterial vorbereitet, um die Arbeitenden auf die Themen des Streiks und ihr Verhältnis zur Regierungspolitik aufmerksam zu machen. Broschüren zur Widerlegung von Regierungsbehauptungen wurden in lokale Sprachen übersetzt. Während des Streiks wurden lokale Komitees regelmäßig mit neuesten Informationen versorgt, um die Behauptungen der Regierung zu widerlegen. Das hat geholfen, der Verwirrung unter den Arbeitenden – gestiftet von der Regierung und der BMS – entgegenzuarbeiten.

Der landesweite Streik war definitiv ein Meilenstein im Kampf der Arbeiterklasse unseres Landes.