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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2016 |

Maren Rahmann, Dieter Braeg: Erich-Mühsam-Text-und-­Lieder-Revue

Berlin: Die Buchmacherei, 2016
von Angela Klein

Die Buchmacherei hat eine kleine, ansprechend gestaltete Broschüre mit Auszügen aus Schriften und Gedichten von Erich Mühsam herausgegeben. Maren Rahmann hat die Gedichte vertont – eine CD liegt der Broschüre bei. Dazwischen werden Text von Mühsam gelesen, die Auskunft geben über seinen Werdegang und die Gedichte sozusagen miteinander verbinden. Die Texte wurden von Maren Rahman und Dieter Braeg aus Mühsams Unpolitischen Erinnerungen zusammengestellt.

Die Abwechslung von Gedicht und Prosa erleichter das Lesen kolossal. Mühsam war ein begnadeter Dichter, seine Sprache ist voller Fantasie und Witz, das Träumen sein Lebenselixier – auch seine politischen Gedichte habe so gar nichts vom erhobenen Zeigefinger der Lehrgedichte eines Bert Brecht, es schimmert immer die erste Person durch.

Seine eigene Kurzbiografie begann Mühsam so: «Geboren am 6.April 1878 in Berlin; Kindheit, Jugend, Gymnasialbesuch in Lübeck; unverständige Lehrer, niemand, der die Besonderheit des Kindes erkannt hätte, infolgedessen: Widerspenstigkeit, Faulheit, Beschäftigung mit fremden Dingen. Frühzeitige Dichtversuche, die weder in der Schule, noch im Elternhause Förderung finden, im Gegenteil als Ablenkung von der Pflicht betrachtet werden und deshalb im Geheimen geübt werden müssen. Dumme Jungenstreiche, zuletzt – als Untersekundaner – geheime Berichte über Schulinterna an die sozialdemokratische Zeitung; daher wegen ‹sozialistischer Umtriebe› Relegation…»

«Im Staat erkannte ich früh das Instrument zur Konservierung all der Kräfte, aus denen die Unbilligkeit der gesellschaftlichen Einrichtungen erwachsen ist. Die Bekämpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen – Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Klassenherrschaft, Zweckjustiz und Unterdrückung in jeder Gestalt – war und ist der Impuls meines öffentlichen Wirkens. Ich war Anarchist, ehe ich wusste, was Anarchismus ist; ich war Sozialist und Kommunist, als ich anfing, die Ursprünge der Ungerechtigkeit im sozialen Betriebe zu begreifen.»

Mühsams politische Radikalisierung durchläuft eine für den Anfang des 20.Jahrhunderts klassische Bahn: Kampf gegen die Willkür der Monarchie, Kampf gegen den Staat, gegen den Krieg, Teilnahme an der Novemberrevolution und an der Münchner Räterepublik, danach Festungshaft, Freilassung, nach dem Reichtagsbrand 33 durch mehrere Konzentrationslager geschleust, schwer gefoltert, 1934 im KZ Oranienburg ermordet.

Die Textsammlung führt über nicht so bekannte Wege, die Erziehung zum Reichwerden, das Eheproblem («Förderung schlimmster autoritärer Triebe»), die Menschlichkeit. Natürlich auch Auseinandersetzung mit der Spießigkeit der SPD und der Degeneration der Sowjetunion: «Aus der Räterepublik wurde ein ‹Rätestaat›, ein Widerspruch in sich selbst.»

Die von ihm 1911 herausgegebene Zeitschrift Kain trug die Unterzeile «Zeitschrift für Menschlichkeit». «Menschlichkeit», erläutert Mühsam, «bedeutet die unverdorbene, natürliche, wechselseitige Einstellung der Menschen zueinander. Mit dem Titel dieser Zeitschrift habe ich ausdrücken wollen, dass ich es mit den Schlechtwerggekommenen halte, die keine Duckmäuser sind, sondern Selbständige, Starke, zur Rebellion Bereite, und die gewillt sind, Zustände reinlicher Menschlichkeit, da sie bis jetzt nirgends vorhanden sind, schaffen zu helfen. Mit Humanität im Sinne von Mildtätigkeit hat die Menschlichkeit, die ich meine, gar nichts zu tun.»

Revolution ist der Schrei nach Menschlichkeit: «Die treibenden Kräfte der Revolution sind Überdruss und Sehnsucht, ihr Ausdruck ist Zerstörung und Aufrichtung. Zerstörung und Aufrichtung sind in der Revolution identisch.» So schreib er 1913. 1928 schrieb er:

«Revolution ist eine ernste Angelegenheit. Aber, gute Leute, Revolution ist keine Beerdigung. Eine Sache ernst nehmen, sich ganz von ihr erfüllen lassen, Denken und Schaffen voll in ihren Dienst stellen, ist keineswegs gleichbedeutend mit larmoynter Humorlosigkeit … Die Revolution muss Humor verstehen und der Humor muss revolutionären Geistes sein – so werden beide Nutzen haben.»

Die Broschüre ist zum Schmökern geeignet, darüber hinaus für pädagogische Zwecke gut einsetzbar.


Bezug über: Die Buchmacherei, Postfach 613046, 10964 Berlin, www.diebuchmacherei.de.


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