Argentinien: «Schwarzer Mittwoch» in Buenos Aires


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2016/12/argentinien-schwarzer-mittwoch-in-buenos-aires/
Veröffentlichung: 01. Dezember 2016
Ressorts: Amerika, Startseite

Massendemonstration gegen Morde an Frauen
von Ana Fornaro

Am 19. Oktober, einem Mittwoch, demonstrierten 100000 Menschen in Buenos Aires unter starkem Dauerregen gegen die grassierende Gewalt gegen Frauen: Von 2008 bis 2016 wurden in Argentinien 2094 Morde aus Frauenhass registriert. Unmittelbarer Anlass für die Großdemonstration war der Tod der 16jährigen Lucía Pérez, sie war am 8. Oktober vergewaltigt und ermordet worden. Die folgende Reportage erschien zuerst in der uruguayischen Zeitung La Diaria.

 

Es hörte überhaupt nicht auf zu regnen. Auf den Straßen von Buenos Aires, in der U-Bahn, in den Bussen, sah man vom frühen Morgen an zahllose in Schwarz gekleidete Frauen auf dem Weg zu einem Tag der Trauer, des Frauenstreiks und des Kampfes, um gegen die brutale physische, ökonomische, politische, institutionelle und kulturelle Gewalt gegen Frauen in Argentinien wie auch im Rest der Welt zu demonstrieren.

Nach einer Welle von Frauenmorden in der letzten Zeit (die im Mord an Lucía Pérez in der Stadt Mar del Plata gipfelte), hatten das Kollektiv #Niunamenos («Nicht eine weniger») und anderen feministische Gruppen zu einer Demonstration aufgerufen – sie wurde so gewaltig und es kamen so viele Frauen zusammen, dass an diesem Tag zwischen 13 und 14 Uhr nahezu das gesamte wirtschaftliche Leben lahmgelegt war.

Im Stadtzentrum haben sich einige Geschäfte dem Protest mit der Losung angeschlossen: #nosotrasparamos («Wir Frauen streiken»). So tut es eine Bäckerei im Kongressviertel, die allein von Frauen betrieben wird und beschlossen hat, die Rollläden rechtzeitig zum Demobeginn herunterzulassen, und dies mit einer der im Netz verbreiteten Zeichnungen ankündigt. «Wir sind vier beschäftigte Frauen, und wir brauchten darüber nicht zu diskutieren. Wir haben dem Chef gesagt, dass wir zumachen werden, und er hat es zum Glück vollständig verstanden. Einige von uns hatten bereits am Marsch ‹Ni una menos› teilgenommen, andere nicht. Aber wir alle haben Gewalt jeder Art aus der Nähe erfahren und dies ist unsere Art ‹Genug!› zu sagen», sagt Marta gegenüber La Diaria. «Wir können nicht bis zum Obelisken [auf der Plaza  de la República und der Avenida 9 de Julio] mitgehen, denn wir werden den Laden nur bis 20 Uhr geschlossen haben, aber das ist schon etwas.»

Es hört überhaupt nicht auf zu regnen. Um 17 Uhr, dem Zeitpunkt für die Aufstellung der Demonstration auf der Avenida 9 de Julio, ist der Obelisk von Hunderten Regenschirmen umringt, die Frauen, Männer, Kinder, Schwule und Lesben schützen und einen ganz besonderen und überraschenden Teppich bilden. «Schwarze Schirme, schwarze Schirme!», «Der Regen ist ein Macho, schützt euch!», rufen die fliegenden Händler, die die Gelegenheit nutzen.

Politische Gruppen – wenige – stehen Seite an Seite mit Frauengruppen aus den Wohnvierteln, die Pappschilder mit der Forderung nach Straffreiheit der Abtreibung oder nach konkreten Hilfen für Gewaltopfer tragen. Doch die meisten anwesenden Personen sind entweder allein oder mit Freunden, Familienangehörigen, Arbeitskolleginnen und -kollegen gekommen.

So Jonatan, ein junger Mann von 23 Jahren aus Burzaco (nahe Buenos Aires), der mit drei Kolleginnen aus dem Zentrum gekommen ist, in dem er arbeitet. «Ich bin gekommen, um sie zu begleiten, aber ich wäre auch so gekommen. Ich habe selbst Gewalt zu Hause erlebt. Mein Vater war gewalttätig und hat das Leben meiner Mutter und von uns allen zur Hölle gemacht. Es hätte tödlich enden können, wenn wir ihn nicht aus dem Haus gejagt hätten. Ich bin zum ersten Mal auf solch einer Demonstration. Ich musste mir selber klar darüber werden, dass dies ein Kampf ist, der auch mich betrifft. Die Bewusstwerdung geht von der Erziehung aus. Ich will kein Mann wie mein Vater sein. Ich will nicht, dass meine Kinder erleben, was ich in meiner Familie erlebt habe.»

Es hört überhaupt nicht auf zu regnen, und es regnet immer noch mehr. Das verhindert jedoch nicht, dass alle losmarschieren, mit dem Wind und dem Wasser im Rücken, und dabei rufen: «Wir wissen, dass die Gewalttäter von der Polizei geschützt werden», «Jetzt sprechen die Frauen: Mein Körper gehört mir und ich entscheide». Die Parolen mischen sich mit Schreien, Sirenen und Böllern bis zur Ankunft auf der Plaza de Mayo, gegenüber der Kathedrale, wo Fotos und Forderungen ausgestellt sind. Sie betreffen z.B. Milagro Sala, einer in Jujuy inhaftierten politischen und sozialen Aktivistin,  deren Freilassung gefordert wird; oder Marita Verón, eine jungen Frau aus Tucumán, die von Menschenhändlern entführt wurde; oder Diana Sacayán, eine im vergangenen Jahr ermordete Transvestitin und Aktivistin; und natürlich Lucía Pérez, eine Jugendliche aus Mar del Plata, die vergewaltigt und ermordet wurde.

«Wir müssen uns zusammenschließen und können nicht mehr die Hände in den Schoß legen», sagt Silvia, eine Frau von 65 Jahren, die mit ihrer Freundin Ana zur Demonstration gekommen ist. «Die Wahrheit ist, dass ich zum ersten Mal auf eine solche Demonstration gehe, denn wir sind keine Feministinnen. Zumindest weiß ich es nicht. Feminismus scheint mir eine extreme Sache. Wir sind nun schon alt. Aber wenn für unsere Rechte und unsere Sicherheit zu kämpfen bedeutet, Feministin zu sein, dann sind wir Feministinnen. Damit sie uns zuhören. Vielleicht sind wir Feministinnen geworden.»

In der Nähe von Silvia und Ana steht eine Gruppe von vier jungen Frauen, die noch ins Gymnasium gehen. Sie sind begeistert von der Demonstration: «Wir erleben jeden Tag männliche Gewalt, wenn wir auf die Straße gehen, wenn wir abends ausgehen. Heute sind wir für die Mädchen hier, die leider nicht anwesend sein können. Seit letztem Sommer sind über 200 Frauen ermordet worden, allein deswegen weil sie Frauen sind. Bis vor wenigen Jahren wussten wir nicht, was Feminismus ist, niemand hat uns das beigebracht. In den letzten Jahren mit der Bewegung ‹Ni una menos›, und vor allem in diesem Jahr, ist uns diese Realität bewusst geworden und wir sagen jetzt, ‹wir sind Feministinnen›.»

Sandra, eine Transvestitin, die allein mit einem Schild mit der Aufschrift «Gerechtigkeit für Diana Sacayán» gekommen ist, erzählt, dass sie hier ist, weil sie sich im Alltagsleben schutzlos fühlt, zumal seit der Wahl Mauricio Macris zum Präsidenten. «Unsere Gemeinschaft erleidet so viele Übergriffe und Gewalt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, darüber zu berichten. Heute bin ich als Frau gekommen, als Transvestitin, als was auch immer. Wichtig ist es, hier zu sein und zu kämpfen, damit unsere Rechte respektiert werden.»

Die Demonstration hatte auch eine internationale Dimension. Vier US-amerikanische Studentinnen im Rahmen eines Austauschprogramms der New York University (NYU) sind nach Buenos Aires gekommen, um ein Semester lang die Frauenbewegung und insbesondere #Niunamenos zu studieren. «Das Niveau der erreichten Mobilisierung ist unglaublich. Wir sind erstaunt darüber, was hier geschieht. Die Nachricht von der Demonstration ist bis nach New York gelangt! In genau diesem Moment demonstrieren unsere Kommilitoninnen der NYU im Washington Square Park. Das ist die Globalisierung, die uns gefällt.» Auch in anderen Ländern wurde unter der Parole «Nicht eine weniger» demonstriert.

Auch um 19 Uhr hat der Regen noch nicht aufgehört und immer noch strömen Menschen auf den Platz. In der Menge hat eine kleine Gruppe von Kindern und Jugendlichen unter einem Zelt Schutz gesucht. Die kleinste von ihnen, die zwölfjährige Luz, ist mit ihrer älteren Schwester und anderen Freundinnen gekommen. «Ich bin Feministin, mir ist nicht wichtig, es genau zu verstehen, aber ich will auf die Straße gehen können, ohne Angst zu haben, dass keine Frauen mehr getötet werden und es keine Gewalt mehr gegen uns gibt – dafür bin ich natürlich Feministin. Bis letztes Jahr habe ich mir nicht vorstellen können, auf Demos zu gehen, aber dieses Jahr scheint mir, dass auch ich ‹Schluss mit dem Patriarchat!› rufen muss.»