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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Computer und Gesellschaft

Der Mensch muss formatiert werden, damit er funktioniert
von Werner Seppmann

Obwohl Computer und Internet mittlerweile fast alle Lebensbereiche beeinflussen, wenn nicht sogar prägen, befinden wir uns erst am Anfang einer Entwicklung, durch die viele der positiven Zurechnungen, die den Entwicklungsweg der «Geistesmaschinen» begleitet haben, nachdrücklich in Frage gestellt werden: Eine ernsthafte Beschäftigung mit den sozialen und kulturellen Konsequenzen der Computerisierung bedeutet deshalb auch, die vielfältigen gesellschaftlichen Selbsttäuschungen über den IT-Komplex zu thematisieren.

Zwar hat es im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte immer wieder kritische Stimmen gegeben, die beispielsweise darauf hingewiesen haben, dass eine unreflektierte Verwendung des Computers zu intellektueller Standardisierung und antisozialen Automatismen führen würde und dies keine zufälligen «Entgleisungen» wären, sondern den ursprünglichen Konstruktionsabsichten entsprächen. Eine sozial-deformatorische Grundtendenz, so wurde schon früh festgestellt, resultiere daraus, dass der Computer ebenso von der kapitalistischen Verwertungslogik wie auch von militärischen Reduktionismen geprägt sei.

 

Du sollst schießen!

Und tatsächlich war eines der ersten Anwendungskonzepte des Computers die Sicherstellung der psychischen Stabilität des Personals in den US-amerikanischen Atomsilos in einer Konfrontationssituation. Gefördert wurde ein Steuerungsprogramm, das verhindern sollte, dass die Soldaten «die Nerven verlieren», wenn es «ernst würde». Auf Grundlage dieser Vorgabe wurden ihre psychischen Reaktionswahrscheinlichkeiten «mathematisch berechnet», um eine bruchlose Einheit von Bedienungspersonal und Maschinensystem herstellen zu können. Computerdirektiven sollten gewährleisten, dass die Soldaten auch in einer «Stresssituation» in der Lage bleiben würden, ihre Aufgabe eines atomaren «Gegenschlags» zu erledigen.

Dann wurde es als notwendig erachtet, die menschliche Denk- und Reaktionsweise der Maschinenlogik unterzuordnen. Angestrebt wurde, die Soldaten entsprechend den Vorgaben und Präferenzen einer technologischen Rationalität zu formatieren. Der Mensch wurde im Rahmen dieser Aufgabenstellung daraufhin befragt, wie er funktionieren muss, damit die Computerprogramme optional ablaufen können. Menschliche Reaktionsweisen galt es, als «Unsicherheitsfaktoren» auszuschalten. Ziel und Resultat war es, das Handeln der Akteure den Imperativen des Rechners unterzuordnen.

Diese Prägung ist eine Konstante der Computerentwicklung geblieben. Ein besonderes Problem resultiert daraus, dass grundlegende Änderungen an den Programmstrukturen nicht mehr möglich sind. Dass also erst um «die Wende zum 21. Jahrhundert … in der digitalen Revolution etwas falsch zu laufen» begann, wie etwa Jaron Lanier schreibt, ist eine geradezu dramatische Fehleinschätzung.

 

Gleichschaltung

Der Formierungs- und Gleichschaltungseffekt ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Prägung der Computertechnologie, die sich auch darin ausdrückt, dass der Befehl das Grundprinzip aller Programmiersprache ist. Wer programmiert, muss so «denken wie der Computer», wie eine Programmiererin es ausgedrückt hat. Wenn sie ihre Aufgaben bewältigen wolle, müsse sie bereit sein, sich ihm «unterzuordnen», und seiner Logik gehorchen.

Dieses Prinzip gilt auch für den ganz gewöhnlichen Nutzer; damit wird eine Formierung des Denkens und die Standardisierung des Handelns in allen Bereichen vorangetrieben, in denen der Computer eine hegemoniale Position erlangt hat. Die technische Apparatur ist zwar nicht Ursache dieser Formatierungstendenzen, jedoch eine zentrale Vermittlungsinstanz.

Die Abhängigkeit von den technologischen Vorgaben hat sich durch die neuen digitalen Geräte für den Alltagsgebrauch noch potenziert. So erzwingen die Tablets, deren Siegeszug 2013 begann, konsequent Unterordnungshaltungen. «Anders als bei einem Personal Computer laufen auf einem Tablet nur Programme oder Apps, die von einer zentralen Stelle in der Wirtschaft genehmigt wurden» (Jaron Lanier). Nicht einmal über die Daten, die ein Nutzer eingibt, hat er die Verwendungsvollmacht, denn sie werden von anderen und jenseits des Wahrnehmungshorizonts der Nutzer strukturiert und verwaltet.

 

Die Heilsversprechen

Die Kritiker, die vieles schon thematisiert haben, was mittlerweile als Negativkonsequenzen der Digitalisierung offensichtlich geworden ist, sind jedoch einsame Rufer in der Wüste der Technikgläubigkeit geblieben. Nicht zuletzt, weil von Beginn an die IT-Entwicklung von attraktiven «lebensweltlichen» Versprechen begleitet war. Der Computer soll die Arbeit erleichtern und dabei behilflich sein, soziale Angelegenheiten effektiver zu organisieren. Mit der Verallgemeinerung des Internets kam noch die Perspektive einer Erweiterung des intellektuellen Horizonts und das Versprechen intensivierter Kommunikationsmöglichkeiten hinzu. Mit der Überwindung geografischer und soziokultureller Barrieren des Meinungsaustauschs solle der «technologische Anschluss an die Zukunft» gesichert und eine neue Kultur demokratischer Partizipation begründet werden. Jedoch sind Mythos und Realität auch bei den IT-Technologien nicht deckungsgleich.

Zwar bietet der Computer-Einsatz viele unbestreitbare Vorteile im Berufs- und Alltagsleben, und evident ist auch, dass die Netzkommunikation in einigen Segmenten von Kultur und Gesellschaft neuartige Formen sozialer Kooperation ermöglicht hat. Jedoch sind die sozialen und zivilisatorischen Auswirkungen des Einsatzes der IT-Technologien nicht selten fragwürdig oder zumindest ambivalent.

Die Gesellschaft ist mit Großrisiken konfrontiert, von denen nur wenige profitieren. Eine mittlerweile lückenlose Erfassung aller Netzaktivitäten bildet dabei nur die Spitze des Eisbergs problematischer Aspekte der fortschreitenden Digitalisierung. Vorstellungen über die Möglichkeit regulierender Eingriffe entbehren jeder Grundlage: Über kurz oder lang wird alles angewandt, was technisch möglich geworden ist, «die Komplettüberwachung einer ganzen Gesellschaft, ihrer Kommunikation, ihrer Gemütsverfassung, ihrer Gesichter, ihres Konsums und der Geschwindigkeit, mit der sie Sätze ins Keyboard hämmern» (Frank Schirrmacher).

 

Naivität

Noch geschieht die Ausspähung und Kategorisierung der erfassten Personen vorrangig in kommerzieller Absicht – aber auch die politische Verfügung ist auf Grundlage gegenwärtiger IT-Systeme prinzipiell möglich geworden, seitdem die «Dienste» auf einer neuen Intensitätsstufe der elektronischen Datenabschöpfung nicht mehr vorrangig konkrete Personen, Gruppen, Organisationen und Staaten im Visier haben, sondern die Massenüberwachung der eigenen Bevölkerung ohne konkreten Anlass und normative Beschränkungen betreiben. Auf Grundlage dieser, bereitwillig von den Monopolisten der Internet-Industrie unterstützten, Erfassungsaktivitäten, haben Programme der Massenlenkung (bspw. in den USA und Großbritannien) ihr Entwicklungs- und Erprobungsstadium schon hinter sich gelassen. Die gesamte Apparatur eines Polizeistaats ist nach den Worten des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore einsatzbereit: «Wir sind nicht mehr nur auf dem Weg in eine neue Gesellschaft, sondern haben sie schon erreicht.»

Die Forderung «kritischer Netzaktivisten», die Informationen müssten frei sein und jedem zur Verfügung stehen, um Missbrauch auszuschließen, wirkt angesichts des wuchernden Erfassungstotalitarismus nur noch naiv. Eine realistische Einschätzung der Intensität der Ausspähaktivitäten (sowohl staatlicher «Dienste» als auch der privaten Überwachungswirtschaft) lässt auch jede Diskussion über «Datensicherheit» nur noch als absurd erscheinen, denn schon lange geht es nicht mehr um die Registrierung konkreter Inhalte (die vielleicht durch Verschlüsselungssysteme geschützt werden könnten), sondern um die Erfassung der Kommunikationsstrukturen (im Informatikerjargon Metadaten genannt): Erfasst werden die Standorte und die Vernetzungen. Aus einer erstaunlich geringen Zahl solcher Daten können weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden. Nur vier Punkte eines Handy-Mobilitätsprofils werden benötigt, um mit 90%iger Wahrscheinlichkeit den Nutzer zu identifizieren.

Vor allem jedoch stellt die digitale Erfassung ein System grenzenloser Wucherungen dar, weil nicht nur die direkten Kontaktpersonen ins Blickfeld geraten, sondern auch aus den Vernetzungen Schlüsse gezogen werden können. Wer hat mit wem Kontakt? Wie oft? In welchen Intervallen fanden die Nachrichtenübermittlungen statt? Unweigerlich schwellen bei dieser Vorgehensweise die erfassten Personendaten fast ins Unendliche an.

In einem Pressegespräch antwortete Edward Snowden auf die Frage, weshalb sich jeder für den Überwachungskomplex interessieren sollte: «Selbst wenn Sie nichts Falsches getan haben, werden Sie beobachtet und aufgezeichnet.» Ein Verdacht reicht zur Erfassung aus, «und dann kann dieses System genutzt werden, um jede Entscheidung zu überprüfen, die du jemals gefällt hast, und jeden Freund, mit dem du über etwas diskutiert hast». […]

 

Orwell ist überholt

Die Informationen für seine privatwirtschaftliche «Berechnung» ebenso wie für die staatliche «Sicherheitserfassung» liefert jeder, der sich an der elektronischen Kommunikation beteiligt. Mit jeder neuen Software- und Gerätegeneration, mit jeder technologischen «Innovation» werden die Nutzer noch gründlicher erfasst. […] Auch wer die Geräte der aktuellen Smartphone-Generation in Betrieb nimmt, liefert sich vollständig ihren Erfassungs- und Auswahlfunktionen aus.

Mit einem Satz gesagt: Wer sich digitaler Kommunikationsmittel bedient, Funktelefone benutzt und in den sozialen Netzwerken bewegt, wird lückenlos erfasst. Er ist zum gläsernen Menschen geworden, denn diese Kommunikationsapparate geben alles über den Nutzer preis, ermöglichen es auch, bis in die letzten Winkel seines Denkens und seiner Psyche vorzudringen.

Orwells negative Utopie 1984 kann als Gegenwartsbeschreibung gelesen werden: Wo das Subjekt der Überwachung «auch sein mag, ob es schläft oder wacht, arbeitet oder ausruht, im Bad oder im Bett liegt, es kann ohne Vorwarnung und ohne sein Wissen überwacht werden». Alles nur Denkbare gerät in den Blick der Erfassungssysteme, schreibt Orwell weiter, «seine Freundschaften, seine Zerstreuungen, sein Verhalten gegenüber Frau und Kindern, sein Gesichtsausdruck, wenn er allein ist, die Worte, die er im Schlaf murmelt, sogar seine typischen Körperbewegungen».

Doch die Parallelität des Orwellschen Zukunftsbildes mit den heutigen Zuständen hat auch ihre Grenzen, denn die aktuellen Erfassungs- und Kontrollsysteme sind so weit entwickelt, dass der Verweis auf Orwell zu ihrer Charakterisierung in wichtigen Bereichen mittlerweile einer Verharmlosung der Problemlage gleichkommt. Als Orwell 1984 schrieb, entwarf er eine Welt, in der eine Regierung die Bürger dabei beobachten kann, wie sie miteinander sprechen. Aber die NSA hat Zugang nicht nur zu den Gesprächen der Menschen, sondern auch zu ihren Gedanken. Das ist ein viel massiverer Eingriff. Die Erfassung der Internetkommunikation auf den verschiedensten Ebenen und zu den verschiedensten Zwecken hat die Menschen in einer bisher geradezu undenkbaren Weise berechenbar gemacht.

 

Der vorliegende Text ist die Einleitung aus Werner Seppmann: Herrschaftsmaschine oder Emanzipationsautomat? Über Gesellschaft und Computer. Bergkamen: pad-Verlag, 2016 (pad-verlag@gmx.net). Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Zum Jahresende erscheint von Werner Seppmann: Kritik des Computers. Der Kapitalismus und die Digitalisierung des Sozialen (www.mangroven-verlag.de).


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