Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2016 |

Rebellisches Schlesien. Geschichten über soziale Kämpfe in Oberschlesien.

DVD von Dariusz Zalega. Polnisch mit Untertiteln
von Peter Nowak

Der Film stellt eine Region als Ort von Kämpfen und Streiks vor, die oft mit deutschnationalen Ansprüchen konnotiert ist.

Der Titel mag manche Linke irritieren. Denn wenn es um Schlesien geht, sind oft die Vertriebenenverbände nicht weit und deren Rebellion gegen die Anerkennung von historischen Tatsachen nach der Niederlage der Nazis ist manchen noch in schlechter Erinnerung. Doch darum geht in dem Film nicht. Er ist vielmehr eine einstündige Lektion in Geschichte von unten – und das in einer Region Polens, die einmal Schlesien hieß.

Der Film beginnt mit dem Ende der Epoche, die Historiker aus Verlegenheit Mittelalter genannt haben. Mitte des 16.Jahrhunderts gab es wichtige Neuerungen im Bergbau – und massive Kämpfe der Beschäftigten. Zu Beginn erleben wir die blutige Niederschlagung der Proteste der Bergleute, das Ende spielt in den 90er Jahren, als sich erneut Lohnabhängige gegen die Abwicklung ihrer Arbeitsplätze wehren. Dazwischen liegen fast 500 Jahre Geschichte von unten am Beispiel einer Region, die einmal ein Zentrum der Arbeiterklasse war.

Abwechselnd auf Deutsch und Polnisch berichten die Chronisten von den unterschiedlichen Kämpfen. Was sich viele Jüngere vielleicht nicht vorstellen können: Es gab auch ein Leben vor dem Internet und schon damals verbreitete sich die Kunde von Streiks, Kundgebungen und Demonstrationen schnell. Dafür sorgten unter anderem Lieder, in denen die Kämpfe besungen, die Ausbeuter verspottet und der Opfer der Repression durch Staat und Polizei gedacht wurden. Wir lernen in dem Film einige dieser Lieder kennen.

Regisseur des Films, der Ende letzten Jahres in Katowice Premiere hatte, ist Dariusz Zalega. Er stößt damit auch eine Diskussion über Gedenkpolitik an. Schließlich gibt es bis heute keinen Erinnerungsort für die 17 vom Militär im Verlauf eines Streiks im Januar 1919 Ermordeten. Sie demonstrierten für Lohnerhöhungen im damaligen Königshütte, dem heutigen Chorzów, als das Militär schoss. Nun sollte sich in Deutschland bloß niemand über eine ungenügende Gedenkpolitik in Polen empören. Für die über 40 Toten, die im Januar 1920 vor dem Reichstag erschossen wurden, als Berliner Arbeiter gegen die Entmachtung der nach der Novemberrevolution gestärkten Arbeiterräte protestierten, gibt es bis heute ebenfalls keinen Erinnerungsort. Es gäbe viele Beispiele mehr.

Rebellisches Schlesischen macht an einem Landstrich deutlich, dass es eine Geschichte von Kämpfen und Revolte gibt, die durchaus nicht abgeschlossen ist. Wenn wir uns mit ihr auseinandersetzen, sollten wir uns auch fragen, ob die unabgegoltenen Forderungen von damals heute nicht immer noch aktuell sind. Eine aktuelle Beschäftigung mit der rebellischen Geschichte in Schlesien und anderswo sollte nicht bei einer Diskussion über Gedenkorte stehenbleiben Am besten erinnern wir an die damaligen Kämpfe und die daran Beteiligten, wenn wir ihre Forderungen wieder aufgreifen und daran erinnern, wie lange vor uns dafür schon Menschen auf den Barrikaden gestanden haben.

Es ist die alte Frage, woher wir kommen, wohin wir gehen. Dafür müssen wir die Kämpfe von damals kennen, dass wir mehr über die Protagonisten erfahren, ihre Träume, ihre Utopien, ihre Erfolge und Niederlagen. Deshalb sind Filme wie Rebellisches Schlesien so wichtig.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Schlagwörter:
, ,
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.