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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2017 |

General Electric, Mannheim: Fix it, sell it or close it? – Fight it!

Eine Region bangt um Arbeitsplätze und lernt Widerstand
von Violetta Bock

Es brodelt weiter in Mannheim. General Electric hatte im Januar den Abbau von 1700 Arbeitsplätzen in Deutschland verkündet, gut 1000 davon allein in Mannheim-Käfertal. Seither kämpfen Beschäftigte und Gewerkschaft um Arbeitsplätze, Alternativen und Gehör.

Es fanden Betriebsversammlungen statt, Demonstrationen, das überbetriebliche Solidaritätskomitee Rhein-Neckar wurde gegründet. Letzteres lud Mitte November rund 60 Vertreter aus Politik, betrieblichen Interessenvertretungen, Gewerkschaften und Kirchen zu einem Treffen ein, bei dem Betriebsräte und Vertrauensleute aus verschiedenen Betrieben der Region den Anwesenden die sehr bedrohliche Entwicklungen vor Augen führten. Am 5. Dezember beteiligten sich an einer Menschenkette um das Werk von GE Power 1000 Personen, 800 fuhren am 12.12. zu einer Demonstration nach Bexbach, ein Standort mit 160 Beschäftigten, der komplett geschlossen werden soll.

Auch auf politischer Ebene schalteten sich manche ein, etwa Mannheims Oberbürgermeister oder der Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig (SPD). Alternativvorschläge wurden erarbeitet, selbst ein Investor wurde gefunden: Laut Informationen des SWR hat der chinesische Stahlkonzern Bao Steel Interesse bekundet, bei Erhaltung aller 1700 Arbeitsplätze. Darin spiegelt sich die breite Anteilnahme der Beschäftigten in der Region und die Arbeit der gewerkschaftlichen Strukturen wieder, die in den letzten Monaten ganze Arbeit geliefert haben, um ein Netzwerk aufzubauen.

Der Betriebsrat von TI Automotive Heidelberg betonte in einer Solidaritätserklärung Mitte Dezember, dass der Widerstand bei GE ausstrahlt und Vorbild für andere Betriebe in der Region sei, die von Arbeitsplatzabbau und Schließung bedroht sind. In der Erklärung heißt es auch: «Gerade im Energiebereich sind umweltverträgliche Alternativen, wie von euch vorgeschlagen, möglich, nötig und umsetzbar. Hier sollten die Kommunen im Rhein-Neckar-Raum verstärkt Druck auf den GE-Konzern ausüben und ihn zwingen, in den Erhalt der Arbeitsplätze und in die Zukunft, somit auch in eine notwendige Luftreinhaltung zu investieren: Die Resolution des Mannheimer Gemeinderats und des OB sollte kein leeres Versprechen bleiben.»

 

Hintergrund

General Electric (GE) hatte im November 2015 das Werk von Alstom übernommen, offenbar um es zu schließen. Am 13.Januar 2016 ließ das Unternehmen dann in Mannheim-Käfertal und an den anderen Standorten die Katze aus dem Sack: Auf einer überfüllten Betriebsversammlung verkündete der Vorstandsvorsitzende von GE-Alstom Deutschland, Alf Henryk Wulf, im Auftrag der neuen Konzernherren einen brutalen Kahlschlag.

Insgesamt 6819 Arbeitsplätze sollen in den europäischen Werken vernichtet werden. In Deutschland ist der Abbau von mehr als 1700 Stellen in Bexbach, Mainz-Kastel, Mannheim und Stuttgart geplant. Allein in Mannheim will GE 1066 Kolleginnen und Kollegen auf die Straße setzen. Besonders betroffen ist der Power-Bereich von GE.

GE ist einer der größten und profitabelsten Mischkonzerne der Welt. Der US-Multi ist unter anderem in den Bereichen Energie, Finanzierung, Gesundheit, Luftfahrttechnik und Transport aktiv. GE war in den Jahren von 2001 bis 2005 laut «Financial Times Global 500» das teuerste börsennotierte Unternehmen der Welt. Die US-Konzernikone wandelt ihre Strukturen ständig. Allein in den letzten Jahren gab es Hunderte Fusionen und Unternehmensübernahmen.

Maßgeblich geprägt wurde General Electric in seiner jetzigen Form von John Francis «Jack» Welch jr., der zwanzig Jahre lang als Vorstandsvorsitzender amtierte. Welch ließ sich 1999 vom Wirtschaftsmagazin Fortune zum «Manager des Jahrhunderts» küren. Unter seiner Führung stieg der Konzernumsatz von 27 Mrd. US-Dollar (1981) auf 130 Milliarden (2001). Während der Jahresgewinn sich versiebenfachte, sank gleichzeitig die Zahl der Beschäftigten von 400000 auf 300000. Diese Politik brachte Welch auch den Beinamen «Neutronen-Jack» ein.

Welch galt als radikaler Vertreter des Shareholder Value, das heißt der Orientierung ausschließlich an den Interessen der (Haupt-)Aktionäre. Er erfand die «Diktatur der Zahlen» als Prinzip der Unternehmensführung. Seine Strategie war simpel: Reparieren, Verkaufen oder Schließen («Fix it, sell it or close it»). Unternehmensteile mit zu geringer Marge werden geschlossen oder verkauft, wenn sie nach zwei Jahren nicht die vorgegebenen Zahlen erreichen.

 

GE hat bisher jedes Eingehen auf die Forderungen der Belegschaft abgelehnt. Im Januar wird es für die tausend Beschäftigten in Mannheim eine Einigungsstelle für einen Interessenausgleich und die Aufstellung eines Sozialplans geben. Es wird von Bedeutung sein, welche Wege die Kolleginnen und Kollegen dort als Nächstes beschreiten, damit die Arbeitsplätze nicht verloren gehen.


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