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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2017 |

Mit der Bindung an die KP ist auch die Identität verloren gegangen

Didier Eribon über den Erfolg des Front National in der Arbeiterschaft
von Paul B. Kleiser

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Berlin: Suhrkamp, 2015. 238 S., 18 Euro

Dieses Buch des französischen, an der Universität Amiens lehrenden Soziologen Didier Eribon wurde bereits 2009 veröffentlicht, ist aber erst im vergangenen Jahr auf deutsch erschienen. Es hat hierzulande, vor allem in linken Kreisen, eher mehr Aufmerksamkeit gefunden als in Frankreich. Das hängt wohl mit den zwei wesentlichen Themen zusammen, die Eribon in seiner Mischung aus Autobiografie und soziologischer Analyse verflicht, nämlich der Lebenssituation eines Homosexuellen in der bürgerlichen Gesellschaft und die Frage, warum so viele ehemalige Wählerinnen und Wähler der Französischen Kommunistischen Partei (PCF) inzwischen beim rechtsextremen Front National ihr Kreuz machen.

Didier Eribons wissenschaftliche Arbeiten beschäftigen sich mit Sartre, vor allem aber mit Michel Foucault, über den er eine Biografie verfasst hat, sowie mit Pierre Bourdieu, dessen Mitarbeiter er eine Zeit lang war. Das Schlüsselthema bei Foucault ist die Ausgrenzung und der Ausschluss von Menschengruppen aus der Gesellschaft, bei Bourdieu die «feinen Unterschiede», also die kulturellen Codes in der bürgerlichen Klassengesellschaft, nach denen der «Rang» eines Individuums festgelegt wird.

Eribon stammt aus einer nordfranzösischen Arbeiterfamilie; der Vater war zunächst Hilfsarbeiter und arbeitete sich später zum Vorarbeiter hoch, die Mutter Putzfrau, die dann ab den 60er Jahren (gegen den Willen des Vaters) ebenfalls in einer Fabrik malochen ging, um für einen bescheidenen Wohlstand für die Familie mit vier Kindern, die in einer engen Sozialwohnung lebte, zu sorgen.

Die ganze Familie folgte, wie ihre Umgebung, den Vorgaben der PCF als einer Art «politischem Ordnungsprinzip», doch der Sohn wurde vom Radikalisierungsprozess der 1968er erfasst und schloss sich als Schüler der trotzkistischen LCR an. Eribon war der erste und einzige in seiner Familie, der es aufs Gymnasium und die Universität schaffte – und der dort immer wieder mit den materiellen und kulturellen Beschränkungen seiner Herkunft zu kämpfen hatte. Diese besondere Außenseiterposition als Intellektueller aus einfachsten Verhältnissen und als Schwuler bedingt eine präzise Wahrnehmung sowohl der Mechanismen der Klassengesellschaft wie auch der Ausgrenzung und Unterdrückung sexuell «anormalen» Verhaltens, wobei auch und gerade die Arbeiterklasse zu starker Homophobie neigt. Eribon macht dies an seiner eigenen Familie, vor allem aber am autoritären und rassistischen Vater deutlich. Gleichzeitig fragt sich der Sohn, warum er so viel «über die Mechanismen der Herrschaft geschrieben» hat, aber kaum etwas über die soziale Herkunft, warum er – etwa in seinem Buch «Reflexionen über die Schwulenfrage» das «Schamgefühl im Prozess der Emanzipation und Unterwerfung» groß herausgearbeitet, aber nichts zur «sozialen Scham» verfasst hat.

Eribon hatte sich schon vor Jahrzehnten von seiner Familie abgewandt. Die Rückkehr nach Reims beginnt mit dem Anruf seiner Mutter, der Vater sei in einem Pflegeheim verstorben. Ihn, sowie die drei anderen Geschwister, hatte er über dreißig Jahre lang nicht gesehen; er ging auch nicht zur Beerdigung. Erst der Tod des Vaters und Besuche bei der Mutter, die mit zahllosen Fotos ihre Kindheit und Jugend, ihr Leben als Ehefrau und Arbeiterin erzählt, führen zu einer Art Versöhnung. Sie ist gleichzeitig eine Art Aussöhnung mit dem bislang verdrängten Teil des eigenen Selbst.

Von der Mutter erfuhr er auch, dass die Familie nach all den Enttäuschungen mit «linker» Politik unter Mitterrand und seinen Nachfolgern inzwischen zum Front National übergelaufen ist. «Wenn man» – wie es die traditionelle Linke getan hat – «Klassen und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben», schreibt der Autor zu Recht. Deshalb wandten sich große Teile der Unterprivilegierten jener Partei zu, die sich um sie zu kümmern schien oder zumindest einen Diskurs anbot, der versuchte, «ihrer Lebensrealität wieder einen Sinn zu verleihen» (auch wenn deren Anführer mitnichten aus der Arbeiterklasse stammen, häufig sogar zu den Großkopferten gehören). «Mit der Wahl der Kommunisten versicherte man sich stolz seiner Klassenidentität, man stellte diese Klassenidentität durch die politische Unterstützungsgeste für die ‹Arbeiterpartei› gewissermaßen erst richtig her. Mit der Wahl des Front National verteidigte man hingegen still und heimlich, was von dieser Identität noch geblieben war, welche die Machtpolitiker der Linken … ignorierten oder sogar verachteten.»

Eribon zitiert Sartre, der meinte: «Vor dem Streik ist der französische Arbeiter spontan rassistisch und traut Einwanderern nicht über den Weg, während des Streiks aber verschwinden diese niedrigen Empfindungen. Dann herrscht Solidarität, und sei es nur eine partielle oder vorübergehende.» Erst die fehlende Mobilisierung bzw. das Fehlen der Selbstwahrnehmung als kämpfende Gruppe führt dazu, dass die sozialen durch rassistische Kategorien ersetzt werden. Und dies vor allem, wenn ein glaubwürdiges Bild einer besseren Zukunft fehlt.


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