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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Die Opposition begrüßt Donald Trump

«Wir übernahmen die Stadt» – Ein Augenzeugenbericht
von David Richardson*

Freitag, Tag der Amtseinführung

Ich wohne drei Straßen südlich und drei Straßen östlich von der Kuppel des Kapitols, knapp außerhalb des Areals, das am 20.Januar, dem Tag der Amtseinführung von Donald Trump, unter strenger Polizeikontrolle war. Als ich aus dem Fenster sah, sah ich nicht einen Fußgänger, ich wusste, dass Trumps Unterstützer nicht so zahlreich erschienen waren. 2009, als Obama sein Amt antrat, waren hingegen so viele da, dass es unmöglich war, irgendwo hin zu gelangen. Da merkte ich, zumindest für einen Tag, dass wir gewonnen haben.

Die US-Verfassung sagt, dass der «Kongress kein Gesetz machen darf, das die Redefreiheit einschränkt». Konkret umgesetzt heißt das, dass man eine Erlaubnis für jede Demonstration braucht, zu der mehr als 25 Leute kommen. Es gab einen erlaubten Marsch im Westen der Stadt vom Union Square zum McPherson Square, das sind rund zweieinhalb Kilometer, und ich wollte daran teilnemen.

Um meine Kräfte zu schonen (ich bin 73!) nahm ich ein Taxi zur eineinhalb Kilometer entfernten Union Station. Zwei Häuserblocks vor meinem Ziel, kam uns ein Demonstrationszug entgegen, der sich in Richtung McPherson Square bewegte, ich hielt das für den Marsch, an dem ich teilnehmen wollte und stieg aus dem Taxi aus.

Der Demonstrationszug, der weder über Koordinatoren oder Polizeieskorte verfügte, zog an meinem Haus vorbei, wobei rund einem Dutzend Fahrzeuge der Weg versperrt wurde. Die schwarzen Autofahrer nahmen es mit Humor, sie waren auf unserer Seite, die weißen nahmen es nicht so gelassen. Eigentlich wollte ich ja mit dem Block der organisierten Arbeiter gehen, nun war mir klar, dass ich an etwas anderem teilnahm.

Wir gingen an meinem Haus vorbei, vier Straßen weiter bis zur Auffahrt des Südost-Südwest-Freeway, setzten unseren Weg fort, die Auffahrt zur Stadtautobahn entlang, mit der Folge, dass der achtspurige Autoverkehr in beide Richtungen blockiert war. Obwohl das eindeutig illegal war, unternahm die Polizei nichts gegen die rund tausend Marschierer, vielleicht weil der Versuch, uns zu verhaften, den Verkehrsstau nur noch schlimmer gemacht hätte. Mein Truck parkte entlang des Wegs und jemand hatte eine kleine jamaikanische Flagge unter meinen Scheibenwischer geklemmt, die ich von nun an in Ehren halten werde.

Nach rund einer halben Stunde verließen wir den Freeway. Wir hätten noch weiter darauf gehen können, da hätten wir bald die Brücke nach Virginia erreicht und wären vom Geschehen weggewesen. Wir konnten also nicht direkt zum McPherson-Platz gehen, der immer noch unser Ziel war, weil das Inaugurationskomitee das Gebiet rundherum blockiert hatte – grundlos, wie sich später herausstellte, da nur so wenig Trump-Unterstützer gekommen waren.

Das Bündnis, das die Mehrzahl der Proteste gegen die Trumps Inauguration organisierte, hieß DisruptJ20, das steht für «Stört den 20.Januar» – das haben wir ganz sicher erreicht. Als ich mit Hilfe von Freunden später nachvollzog, was passiert war, erfuhr ich, dass ein knappes Dutzend Leute vor dem Start des erlaubten Marschs per Megafon aufgefordert hatte, ihnen zu folgen, und das war auch geschehen. Während der Kern der Gruppe deutlich aus erfahrenen Radikalen bestand, waren die Marschierer eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Da gab es einen buddhistischen Mönch, der 30 Kilometer außerhalb der Stadt lebt, einen Arzt aus dem 65 Kilometer entfernten Baltimore, einen Schullehrer aus Pennsylvania, der 225 Kilometer zurücklegen musste, und viele College-Studenten aus der Hauptstadt. Sie waren alle vereint in der Opposition gegen den Präsidenten, abgesehen davon waren es aber mehr oder weniger ganz normale Leute.

 

Der Marsch der Frauen

Eine andere Organisationsform bieten die Bewegungen, die rund um den «Big Man» kreisen, das ist der Mann, der als die große linke Hoffnung gilt, weil er die Menschen zur Zusammenarbeit bewegen kann. Wir hatten Jesse Jackson, Howard Dean und nun Bernie Sanders, die uns in ein neue Zukunft führen. Indem sie die Medien manipulierten, schafften sie es durchzudringen, die isolierten Progressiven zu organisieren und Hoffnung für dasjenige Amerika zu wecken, das laut Umfragen die meisten von uns wollen. Wir können das ruhig die Big-Bang-Theorie, die Urknalltheorie der Mobilisierung nennen.

Der Women’s March am 21.Januar gab uns den Big Bang ohne den Big Man, den großen Mann. Wir übernahmen die Stadt! Ich hätte nie erwartet, das zu erleben, aber wir haben es geschafft! Es wird wohl nie eine genaue Angabe darüber geben, wieviele Menschen kamen. Als ich um etwa 13 Uhr zum Auftakt des Marsches ging, gingen Leute in die andere Richtung. Nein, nichts Schlimmes war passiert, aber sie waren schon seit 10 Uhr auf den Beinen, um zu demonstrieren, und waren müde und hungrig.

Frauen waren viel zahlreicher erschienen als Männer, etwa im Verhältnis 3:1, was ich gut finde. Es gab einige Punkte, an denen die Märsche stockten, weil unklar war, wie es weitergeht. Das Ergebnis war, dass Gruppen mit Tausenden, vielleicht sogar Zehntausenden Menschen sich verirrten und in die falsche Richtung gingen. Da ich mich gut auskenne, konnte ich einige dieser Punkte überwinden und schaffte es zur Ellipse südlich vom Weißen Haus, wo das Ende des Marschs war. Als jedoch die einen dort ankamen, gingen die anderen schon wieder weg, so waren nie alle Teilnehmer zusammen und es war nicht möglich zu schätzen, wieviele gekommen waren. Laut Nachrichten waren es eine halbe Million, was ich glaube, ich würde aber auch eine andere Angabe glauben.

Erst als ich nach Hause kam, merkte ich, dass es im ganzen Land und auf der ganzen Welt ähnliche Märsche gegeben hatte. Das gemahnte mich an die Strophe eines Gedichts von Shelley [The Masque of Anarchy]: «Rise, like lions after slumber / In unvanquishable number! / Shake your chains to earth like dew / Which in sleep had ­fallen on you: / Ye are many – they are few.» (Erhebt euch wie Löwen nach dem Schlaf in unbesiegbarer Zahl! Werft eure Ketten ab, wie den Tau, der im Schlaf über euch gekommen ist: Ihr seid viele, sie sind wenige.)

Während die traditionellen Liberalen, außer Michael Moore vornehmlich Frauen, auf die Bühne eilten, um zu sprechen, schienen die Leute, die gekommen waren, viel mehr vom Ereignis selbst eingenommen zu sein als von einer bestimmten Person. Da ich nicht daran interessiert bin, was die Demokraten zu sagen haben, habe ich keiner Rede zugehört, aber mir scheint, dass dies die anderen auch nicht taten. Zumindest erwähnte niemand mir gegenüber, dass er oder sie etwas Erinnerungswürdiges gehört habe. Im großen und ganzen betrachten sie sich als Demokraten, aber ich glaube, ich weiß es besser – sie sind für die Leute, die Masse der Bevölkerung, die von beiden Parteien ignoriert werden.

Viele wollten ganz einfach Leute treffen und feiern. Auf dem Nachhauseweg forderte uns die U-Bahn-Fahrerin, eine Schwarze, auf, den Demonstrierenden auf der Plattform jeder Station, die wir anfuhren, etwas zuzurufen. Der ursprüngliche Anstoß zum Marsch war übrigens von einem Facebook-Post von Teresa Shook ausgegangen, eine pensionierte Frau in ihren 60ern aus Hawaii. Wir hielten uns ziemlich genau an den Geist, den sie vorgegeben hatte.

 

Trump – was nun kommt

Als ich über die neue Regierung nachdachte, kam mir in den Sinn, Trump einerseits als P.T.Barnum zu sehen, den Karnevalisten, der den Zirkus erfunden hat, und andererseits als den progressiven Präsidenten Teddy Roosevelt. Er sagte in seiner Antrittsrede, «dass eine Nation dafür da ist, ihren Bürgern zu dienen. Amerikaner wollen großartige Schulen für ihre Kinder, sichere Nachbarschaften für ihre Familien und gute Jobs für sich selbst.» Darüber hinaus meinte er wiederholt, er wolle den Affordable Care Act (ACA, das von Obama eingeführte Gesetz für eine öffentliche Gesundheitsversorgung) durch ein System ersetzen, das alle Amerikaner mit einer Gesundheitsversorgung ausstattet.

Trotzdem unterzeichnete er am Freitag nach seiner Vereidigung ein Dekret, das es den verschiedenen föderalen Behörden, die mit der Umsetzung von Obamacare befasst sind, erlaubt, jede Regulierung aufzuheben, durch die das Gesetz effektiv umgesetzt werden kann.

Es ist schwierig vorauszusehen, was unter Trump in nächster Zeit geschehen wird, und die Kommentatoren verknoten sich bei ihrem Blick in die Kristallkugel selbst. Meine Einschätzung ist, dass die Journalisten Trump weniger Aufmerksamkeit schenken werden, wenn sie merken, dass das, was er sagt, nicht wirklich etwas mit der Politik der Regierung zu tun hat. Eine andere Möglichkeit ist, dass unsere Aufmerksamkeit an augenfällige Themen geheftet bleibt, nicht jedoch an die wirklichen Entscheidungen, die nicht viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten.

So geschah es bereits, als die Republikaner im Repräsentantenhaus dafür stimmten, das Congressional Ethics Office abzuschaffen [ein unabhängiges Gremium, das Beschwerden über das Verhalten von Abgeordneten im Repräsentantenhaus nachgeht]. Es gab einen solchen Aufruhr, dass Trump sie bat, das nicht zu tun, und sie folgten ihm. Gleichzeitig stimmten sie dafür, dass es einfacher wird, föderale Ländereien an einzelne Bundesstaaten zu übergeben.

Es gibt Hoffnung, weil die Regierungen in den letzten 40 Jahren nichts von Bedeutung für die Bevölkerung getan haben. Auf lange Sicht haben wir in den USA dasselbe Problem wie vorher: die Polizei wird jeden Versuch, uns zu organisieren, blockieren. Dieses Problem betrifft alle und mich würde interessieren, wie ihr in Deutschland damit umgeht. Was womöglich kommt, ist eine Regierung, die mehr und mehr vom Willen der Bevölkerung abweicht, was unweigerlich im Chaos endet.

 

*David Richardson ist aktiv in Disrupt J20.


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