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Sozialäquator Autobahn

Armutsgrenze A40
von Rolf Euler

Die Autobahn A40, die frühere Bundesstraße B1, durchschneidet das Ruhrgebiet von West nach Ost. Und sie zerschneidet die Stadt Essen in einen Süd- und einen Nordteil. Die A40 gilt als überlastet, laut und störend. In Essen verläuft sie aus diesem Grund teilweise in einem Tunnel unter der Stadtmitte. Und sie verläuft – nicht nur in Essen – als «Sozialäquator» durchs Revier: im Norden die Armen, im Süden die Reichen.

Diese Grenze «erfährt» man hautnah bei einer Straßenbahnfahrt mit der Linie 107.

Einstieg in Gelsenkirchen-Hauptbahnhof, dort noch unterirdisch, geht es nach dem Verlassen der Fußgängerzone an die Oberfläche, vorbei am berühmten Musiktheater des Reviers, durch die Vorstadt und am Nienhauser Revierpark vorbei, wo Rentner und Kinder sommers und winters «stadtfrei» haben können. An der Stadtgrenze zu Essen dann der ehemalige Bergbau, die Zeche Zollverein IV/XI. Jetzt ist dort ein Phänomenia-Erfahrungsbereich, Lernort für die Schüler der Umgebung. Wir erreichen die Arbeitervorstädte Essens: Katernberg und Stoppenberg. Das Weltkulturerbe Zollverein Schacht XII ist zwar internationaler Anziehungspunkt, die Umgebung selbst aber zeigt unter der inzwischen vom sichtbaren Staub freien Atmosphäre, was der Bergbau hinterlassen hat: viel Arbeitslosigkeit und eine wenig von Stadterneuerung erreichte Gegend. Die früheren Dörfer Katernberg und Stoppenberg, denen der Bergbau  jahrzehntelange Beschäftigung und Belastung brachte, kennen nun die Last, keinen Bergbau mehr zu haben. In der Straßenbahn verfolge ich die türkisch-deutsch hin und her springenden Gespräche der Schülerinnen, die alt-grauen Mienen der Rentner, die Einwanderer aus vielerlei Nationen.

Kurz vor der Stadtmitte Essens taucht die 107 dann wieder unter die Erde, entlässt die allermeisten Mitreisenden spätestens am Hauptbahnhof. Hier steigt, auch optisch erkennbar, eine andere Reisebegleitung für die Fahrt nach Süden ein. Rüttenscheid mit dem Folkwang-Museum und dem reichen Innenstadtviertel wird unterquert, aber südlich, im Bereich Messe und Stadtwald, fährt die Bahn oberirdisch weiter. Die Linie endet in Bredeney, nahe am Kruppwald. Die Villa Hügel der damaligen Krupp-Familie: geradezu das Symbol für Reichtum und die Scheidung von Maloche, Industriebauten, Arbeitersiedlung, von denen die Reichen gelebt haben. Das ist auch nahe am Baldeneysee, das Villenviertel schlechthin, wo kaum ein buntes Gesicht erscheint – wenn überhaupt Menschen in den ruhigen Seitenstraßen zu Fuß unterwegs sind.

Im Norden von Essen bekommen bis zu 80% der Jugendlichen staatliche Unterstützung, bis zu 40% der Bewohner leben von Hartz IV. Im Süden werden Häuser und Sozialverhalten vererbt, gehen 80% aufs Gymnasium – im Norden teilweise nur 20%. Reichtum vererbt sich, Armut auch. Die eine Welt weiß wenig von der anderen. Hie alleinerziehende Mütter, die mit 1000 Euro drei Kinder erziehen – dort alleinlebende Erben, die eine abgeschottete Villa bewohnen.

Fahr mal mit der 107 durchs Revier – und steige in Bredeney einmal aus, aber auch in Katernberg.


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