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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2017 |

Ulrich Grober: Der leise Atem der Zukunft. Vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise

München: Oekom, 2016. 320 S., 19,95 Euro
von Rolf Euler

Werte und Zukunft sind Schlagworte geworden, hier ist ein Buch, das sie mit positiven Inhalten zu füllen vermag.

Ulrich Grober, bekannt durch Bücher über Nachhaltigkeit und Wandern, setzt seine Fußwanderungen fort zu Orten und Menschen, die Zukunft und Gelassenheit im Blick haben und die ersten Schritte in eine Richtung gehen, die vom Kapitalismus absolut nicht bedient wird. Nein, das ist kein «Ich-bin-dann-mal-weg»-Buch, das ist ein «Ich-gehe-hierhin»-Buch, hier zu Orten, wo er zukünftiges «anderes Leben möglich» erkennt.

Sein entscheidender Vorteil: Es ist alles «erwandert», das VW-Werk mit seinen glänzenden Karossen und dem uralten Wald in der Gegend, die Halde Hoheward im Ruhrgebiet, der Stadtwald bei Lübeck, die Waldgenossenschaft Barterode bei Göttingen, die alten Stätten des Thüringer Waldes, den Fundort des Ötzi genannten Wanderers. Erwandert (und erlesen, gehört) ist auch die Philosophie, die bei seinem langsamen Gehen zu den Orten entsteht, meist mit Menschen, die sich in sozialer Sorge um diese Orte bemühen.

Das frühere Dorfgemeineigentum, die Allmende, wandelt sich in eine aktuelle Waldgenossenschaft. Neben dem VW-Koloss der Autostadt erfahren wir die weitaus älteren Wald- und Sozialbeziehungen. Die ehemaligen tauben Gesteine des Bergbaus an der Ruhr bilden den Haldengipfel mit seinem Hori­zont­observatorium – Verbindung von den Resten der Ausbeutung von Mensch und Natur zu Blicken nach oben zur Erkenntnis der langsamen Zeitläufe des Universums. Der Windwurf des Orkans führt zur Überlassung des umgestürzten Waldes an den natürlichen Regenerationsprozess – für hundert Jahre und mehr ist hier Zukunft ohne Menscheneinwirkung.

Ulrich Grober bewegt sich locker zwischen griechischen Philosophen, fernöstlichen Weisheiten, mittelalterlichen und modernen Mystikern wie Meister Eckart, Pop- und Rocksängern, dem Manifesto della Lentezza, der «Wanderlust», gesungen von Björk. Er konfrontiert Porsche mit Schopenhauer, John Lennon mit den Bankern des Crashs, die Erkenntnisse Einsteins mit der Ausbeutung des Bergmanns. Da weitet sich nicht nur der Blick von der Halde, sondern auch der Blick auf Zusammenhänge, die viele vergessen oder noch nicht im Auge hatten.

Er kennt die frühen Versuche der Nachhaltigkeit, vergleicht sie mit der Gier des modernen Kapitalismus und dessen Grundtheorie des «Mehr, besser, schneller» ungeachtet der sozialen, finanziellen und natürlichen Schäden.

Faszinierend, wie Ulrich Grober seine Schritte und sein Augenmerk auf die Umgebung verbindet mit einem breit angelegten Streifzug durch die Geistesgeschichte der Menschen, zu ihren Anstrengungen, Unsicherheit und Zukunft sich zu erklären und sich an Erzählungen und Mythen zu orientieren. Da entsteht ein Natur-, Geschichts- und Menschenbild, das sich zunehmend konzentriert auf die Gegenwart und diejenigen Handlungen und Entwicklungen, welche eine lebenswerte Zukunft aufscheinen lassen.

Da sieht er Allgemeingüter, Verlangsamung, «Lust auf weniger», Vermeidung von Schäden, Gelassenheit. Einbezogen die Forderung nach einer Wende bei Energie- und Verkehrswesen, bei Landschaftsverbrauch und monokultureller Landwirtschaft.

Seine Gespräche mit den Menschen, die diese Orte «bespielen», gepaart mit einer guten Kenntnis der wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge und mit den natürlichen Grundlagen, auf denen er wandert und schaut, ergeben ein wichtiges Buch für Nachdenken und Nachgehen seiner Wege.

Die «Narben und Hässlichkeiten» aus der menschlichen Geschichte im Sinn, betont dieses Buch die neuen Seiten einer Wanderung auch zu uns selber, die wir uns um eine lebenswerte Zukunft sorgen und sie befördern wo es geht. «Eine gelungene Wanderung macht Lust auf ein Leben, das weit ausgreift.» Gegen das gepredigte Wachstumsdenken setzt Uli Grober nicht nur seine Schritte und Worte, er setzt auf die «Konvivalität» («Zusammenlebensfähigkeit», übersetze ich) der Menschen. Und zitiert die verstorbene Theologin und Friedenskämpferin Dorothee Sölle, die auf die Frage, wie man leben solle, drei Eigenschaften nannte: «Grenzenlos glücklich. Absolut furchtlos. Immer in Schwierigkeiten.»

Wichtigstes Buch meiner Winterferien!


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