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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2017 |

Fragebogenaktionen können militanter sein

So hat Karl Marx sie angelegt
von Manfred Dietenberger

Der Fragebogen als Mittel der Untersuchung der Lage und Wünsche der arbeitenden Klassen geht auf Karl Marx zurück.

In der ersten Aprilhälfte 1880 verfasste Marx einen Fragebogen für Arbeiter auf Englisch (deutsch in MEW 19, S.230–237). Er erschien erstmals – in französischer Übersetzung und anonym – am 20.April 1880 in der Zeitschrift La Revue Socialiste, deren Herausgeber Benoît Malon Marx zu diesem Unternehmen angeregt hatte. Der Fragebogen wurden «in 25000 Exemplaren vervielfältigt und in mehreren Exemplaren allen Arbeitervereinen, allen sozialistischen und demokratischen Gruppen und Zirkeln, allen französischen Zeitungen und allen Einzelpersonen übersandt, die darum baten».

Dieser Fragebogen hatte eine doppelte Funktion. Er unterschied sich von den damals schon erhobenen Sozialenquêten des französischen Staates dadurch, dass Marx sich ausschließlich und direkt an die Arbeiter selbst wandte. «In der Hoffnung, dass wir die republikanische Regierung veranlassen könnten, dem Beispiel der monarchistischen Regierung Englands zu folgen und eine umfassende Untersuchung über die Taten und Untaten der kapitalistischen Ausbeutung zu eröffnen, wollen wir mit den geringen Mitteln, über die wir verfügen, eine solche Untersuchung beginnen. Wir hoffen dabei auf die Unterstützung aller Arbeiter in Stadt und Land, die begreifen, dass nur sie allein in voller Sachkenntnis die Leiden schildern können, die sie erdulden; dass nur sie allein und keine von der Vorsehung bestimmten Erlöser energisch Abhilfe schaffen können gegen das soziale Elend, unter dem sie leiden; wir rechnen auch auf die Sozialisten aller Schulen, die, da sie eine soziale Reform anstreben, auch die genaue zuverlässige Kenntnis der Bedingungen wünschen müssen, unter welchen die Arbeiterklasse, die Klasse, der die Zukunft gehört, arbeitet und sich bewegt.» (MEW 19, S.569f.)

Ein Blick auf ein paar Fragen macht deutlich, um was es Karl Marx und Genossen ging: «Berichten Sie über die Anzahl der Arbeitsräume, die den verschiedenen Zweigen des Gewerbes dienen, und beschreiben Sie jenen Teil des Arbeitsprozesses, an dem Sie mitwirken, nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in bezug auf die Muskel- und Nervenanspannung, die die Arbeit erfordert, und die allgemeinen Auswirkungen auf die Gesundheit der Arbeiter.» So lautete etwa Frage 15 des Katalogs. Weitere Fragen waren: «Berichten Sie aus eigener Erfahrung von Unfällen, die Verletzungen bzw. den Tod von Arbeitern verursachten.» «Welche Bestimmungen und Strafen gibt es, um pünktliches Erscheinen der Arbeiter bei Beginn des Tagewerks oder nach den Mahlzeiten zu sichern?» «Werden Sie durch solche Verzögerungen bei der Lohnzahlung gezwungen, häufig das Pfandhaus in Anspruch zu nehmen, dort hohe Zinsen zu zahlen und obendrein Gegenstände zu entbehren, die sie nötig gebrauchen, oder müssen Sie bei den Kaufleuten Schulden machen und werden dadurch als Schuldner deren Opfer?» «Sind Ihnen jemals Fälle bekannt geworden, dass ein einfacher Arbeiter mit dem Geld, das er als Lohnarbeiter verdient hatte, sich im Alter von 50 Jahren zur Ruhe setzen konnte?»

Über das weitere Schicksal dieses Fragebogens wissen wir leider nicht viel. In der Revue Socialiste vom 5.Juli 1880 ist die Rede von einigen bereits eingegangenen Antworten, deren Veröffentlichung jedoch bis zum Eintreffen einer größeren Anzahl zurückgestellt werde. Leider kam es wohl nie dazu.

Im Gegensatz zum aktuellen Fragebogen der IG Metall, der sich der Arbeitswelt scheinbar neutral annähern will und ausschließlich darauf gerichtet ist, nützliche Informationen zu gewinnen oder eine Situation bzw. Tatsachen festzustellen, waren die Fragen bei Marx so gestellt, dass die Arbeiter über ihre konkrete Realität (kritisch) nachdenken mussten. Sie deuteten auch Möglichkeiten der Verbesserung an (z.B. Rente mit 50).

Das von Marx entwickelte Verfahren der Fragebögen wurde auch im sogenannten Operaismus, einer linken Bewegung in Norditalien in den 60er/70er Jahren, genutzt. Auch Günter Wallraff hat 1972 einen Fragebogen erstellt, mit dem Arbeiter mit der gleichen Absicht befragt werden konnten.


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