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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2017 |

Serie: 100 Jahre russische Revolution, Teil 1

Die Revolution von 1905
von Manuel Kellner

1917–2017 · Was bleibt?
Revolutionäre haben ihren eigenen Kalender. Lange Zeit bezogen sie sich auf die französischen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848. Die Monate der Pariser Kommune von 1871 galten ihnen 34 Jahre lang als grundlegende Erfahrung. Erst die russische Revolution von 1905 gab der strategischen Debatte der sozialistischen Linken neue Impulse. Zwölf Jahre später brach die russische Revolution wieder aus und führte acht Monate nach dem Sturz der zaristischen Selbstherrschaft im Oktober (des alten Julianischen Kalenders) 1917 zur sozialistischen Sowjetrepublik. Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte beflügelte spätere antikapitalistische Bewegungen. Doch die bürokratische Diktatur diskreditierte die sozialistische Idee nachhaltig. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt – 100 Jahre danach?

 

Nachdem das Jahr 1904 von liberalen Banketten, Studentenprotesten, vereinzelten Unruhen auf dem Lande und einigen Streikbewegungen geprägt war, wurde die Petition der Petersburger Arbeiter und Arbeiterinnen an den Zaren im Januar 1905 zum Startschuss für eine Monate währende Massenbewegung. Die wichtigsten Forderungen waren: Amnestie, bürgerliche Freiheiten, Trennung von Kirche und Staat, Achtstundentag, Normalarbeitslohn, Übergabe des Grund und Bodens an das Volk, freie Wahlen, Einberufung einer konstituierenden Versammlung. Die Arbeiter erklärten, lieber zu sterben, als mit ihren Forderungen nicht durchzudringen. Das zaristische Regime antwortete folgerichtig mit einem Gemetzel an der unter Führung des Priesters Gapon demonstrierenden Menge.

Darauf folgte eine reichsweit um sich greifenden Massenstreikbewegung. Manchmal wurde für unmittelbar ökonomische Ziele gestreikt, und der Streik wurde allein durch seinen Umfang zum politischen Fanal. Die für politische und soziale Ziele in Aktion tretenden Eisenbahner trugen wesentlich zur Verbreitung der Bewegung bei und trafen das zaristische Regime im Nerv. Schicht um Schicht traten immer weitere Bevölkerungsteile in die Bewegung ein. Der Streik selbst wurde zum Motiv der Handelnden und die Forderungen manchmal nachgeschoben. Studierende holten Arbeiterinnen und Arbeiter in die Universitäten, wo sie vor der Polizei sicherer waren und mit den sozialdemokratischen Aktivisten über die Perspektiven der Revolution und die nächsten Schritte diskutierten.

Eine wesentliche neue Erscheinung dieser Revolution waren die Räte (Sowjets) wie der Arbeiterdelegiertenrat von Petersburg. Im Prinzip kamen hier auf 500 Werktätige ein Delegierter (wenn Delegierte manchmal auch nur hundert oder zweihundert vertraten). Die Belegschaften kleinerer Betriebe schlossen sich zum Wahlzweck zusammen. Dahinter stand das Bedürfnis von Hunderttausenden nach Selbstorganisation zum Zwecke der gemeinsamen Aktion. Damit eine solche Organisation Autorität hatte, musste sie überparteilich sein, mit den beiden größeren sozialdemokratischen Fraktionen (die vielleicht einige tausend Arbeiter politisch unmittelbar beeinflussten) als Teil. Der Rat entwickelte seine Tätigkeit in enger Zusammenarbeit mit den bestehenden Streikkomitees.

Die Dynamik der Räte wurde von den Linken nicht sofort begriffen – Bolschewiki betrachteten sie zunächst als Konkurrenz, einige von ihnen forderten gar die Unterordnung der Räte unter die Parteibeschlüsse. Viele Menschewiki fürchteten, die sozialen Forderungen der proletarischen Massen könnten das liberale Bürgertum in die Arme des Zarismus zurücktreiben. Wenn 1912 aus den beiden Fraktionen getrennte Parteien werden sollten, dann spielte diese Haltung zum liberalen Bürgertum dabei eine wichtige Rolle.

Rosa Luxemburg hat die Erfahrungen der Revolution von 1905 ausgewertet und in der «Massenstreikdebatte» der deutschen und internationalen Sozialdemokratie gezeigt, dass kein noch so kluger marxistischer «Generalstab» der Partei oder der Gewerkschaften eine solche Bewegung dekretieren kann. Die Aufgabe der Sozialdemokratie (der linken, sozialistischen, revolutionären Partei) war es demnach, Teil dieser Bewegung zu sein, von ihr zu lernen und sie politisch zu orientieren.

Was Lenin in der immer wieder zitierten Schrift Was tun? von 1902 (und nur dort) den deutschen und österreichischen sozialdemokratischen Intellektuellen nachgeredet hatte: «Das sozialistische Bewusstsein ist etwas, das von außen in den proletarischen Klassenkampf eingeführt wird, nicht etwas, das sich organisch aus diesem Klassenkampf selbst entwickelt»  (Hainfelder Programm der österreichischen Sozialdemokratie  von 1889), hielt der Erfahrung der Revolution von 1905 nicht stand. Unter ihrem Eindruck schrieb Lenin, die Arbeiterklasse werde im Rahmen kollektiver Massenaktionen «instinktiv und spontan sozialdemokratisch» (heute würden wir vielleicht sagen: «sozialistisch» oder «antikapitalistisch»).

Die städtische Bewegung stand im Mittelpunkt der russischen Revolution von 1905 und entwickelte viel Dynamik, bis hin zur Vorbereitung bewaffneter Milizen zum Selbstschutz gegen die präfaschistischen «Schwarzhundert»-Banden und die bewaffneten Kräfte des Staatsapparats. Auf dem Lande gab es ebenfalls eine Bewegung, Mobilisierungen, Schaffung neuer Körperschaften wie der Bauernkonferenzen. Sie war nicht stark genug. Soldaten waren von der Bewegung kaum erfasst. Das Problem der Armee war aus revolutionärer Sicht so nicht zu lösen.

Die Bewegung wurde vom Regime zerschlagen. Jahre der Reaktion folgten, in denen die linken Perspektiven wie Träume vom Wolkenkuckucksheim erschienen. Nur eine kleine Minderheit diskutierte noch über die Perspektiven der Revolution, baute illegale Organisationen und legale Stützpunkte auf. 1917 jedoch kam die russische Revolution in einer Weise wieder, die die Revolution von 1905 als Generalprobe erscheinen lässt.


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