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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2017 |

Gisela Notz zum 75. Geburtstag

Keine feministische Theorie ohne feministische Praxis
Im Gespräch mit ihrem Autonomen feministischen Colloquium

Gisela Notz ist Historikerin und Sozialwissenschaftlerin. Sie war u.a. Redakteurin der SoZ (2003–2005), der Zeitschrift beiträge zur feministischen theorie und praxis (1985–1997), seit 2008 und bis heute ist sie in der Redaktion von lunapark21. zeitschrift zur kritik der globalen ökonomie. Außerdem ist sie u.a. im «Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung» als politische Aktivistin engagiert. Zuletzt erschien von ihr Kritik des Familismus (Schmetterling-Verlag, 2015) und der seit 15 Jahren erscheinende Kalender Wegbereiterinnen (AG SPAK) zu Frauenbiografien. Mehr unter www.gisela-notz.de.

Das Autonome feministische Colloquium: (Queer-)Feministinnen – 33, 36, 37, 47, 75 – treffen sich in teils neuer Besetzung seit 2011 einmal monatlich bei Brot und Suppe – von Gisela gekocht – zum wissenschaftlichen Austausch in Kreuzberg.

Das Gespräch mit Gisela Notz führten Inga Nüthen, Christiane Leidinger und Pia Garske am 22.Februar 2017, es fehlten: Gundula Ludwig und die jüngst aus beruflichen Gründen ausgeschiedene Julia Roßhart.

 

Christiane Leidinger: Du bist in unserer Runde am längsten als Feministin engagiert. Was gibt dir die Hoffnung und die Motivation, immer weiter zu machen?

Gisela Notz: In der Gegenwart ist es nicht so gut zu leben, finde ich. Aber trotzdem muss man weitermachen. Aus der historischen Arbeit weiß ich, dass es Niederlagen gibt, dass man sich deswegen aber nicht zurückziehen kann. Ich habe viele Frauenbiografien erforscht, die Frauen hätten oft Grund gehabt zu sagen: Ich höre jetzt auf damit. Oft mussten sie sich anhören – was ich auf öfter gesagt bekomme: «Du bist doch jetzt alt genug, du musst mal Ruhe geben.» Diesen Frauen ging es zum Teil viel mehr an den Kragen als uns, sie sind für ihre Überzeugung ins Gefängnis gewandert – und dann von anderen Frauen abgeholt worden. Sie haben weitergemacht und ja auch einiges erreicht. Mir macht Mut, dass es wieder junge Feministinnen gibt, die ihren Unmut auf die Straße und in die Öffentlichkeit tragen.

 

Inga Nüthen: Du bist auch in Kontexten aktiv, in denen mehrere Generationen von Feministinnen miteinander arbeiten und Politik machen. Was findest du dafür wichtig? Wo sind die Herausforderungen?

Ich denke, dass es wichtig ist, die eigenen Positionierungen zu überdenken und zu aktualisieren. Da ist der Austausch mit Jüngeren, die zum Teil anderes erlebt haben als ich selbst, ganz wichtig. Manchmal ist es aber auch nervig, wenn man alle Geschichten wieder neu erzählen muss. Ich finde, etliche Jüngere haben ein mangelndes Geschichtsbewusstsein, auch Wissenschaftlerinnen.

 

Pia Garske: Was willst du «jüngeren» Feminist*innen mitgeben und was lernst du von ihnen?

Ich will Jüngeren gar nix mitgeben! Das wäre sehr vermessen.

 

PG: Das heißt, es gibt keine Strömung, mit der sich jüngere Feministinnen beschäftigen, bei der du denkst: Das geht für mich in eine falsche Richtung, hier sollte man vielleicht nochmal genauer drüber nachdenken…?

Doch, das gibt es natürlich. Ich bezeichne mich ja auch immer noch als Frauenforscherin. Wir Alt-Feministinnen haben immer class, race und gender zusammen gesehen, auch in den beiträgen zur feministischen theorie und praxis. Ich benutze absichtlich das viel kritisierte «Wir». Oftmals geht mir in den neueren Theorien das Subjekt verloren. Das Subjekt «Frau» verschwindet…, aber die Diskriminierung bleibt: 70 Prozent der prekär Arbeitenden sind immer noch Frauen, und es gibt immer noch den Gender-Gap im Lohn, der in der Rente massiv wird; man könnte eine ganze Liste aufzählen. «Jammer-Feministin» wollte ich nie sein, aber den Kopf auch nicht in den Sand stecken. Der akademische Feminismus könnte m.E. den Kopf öfter aus dem Elfenbeinturm strecken.

 

PG: Was bedeutet es für dich heute, feministisch zu arbeiten und zu leben?

Feministisch heißt ja heute nicht mehr allzu viel. Es gibt so viele Feminismen, Ursula von der Leyen sagte mal, sie sei eine konservative Feministin. Für mich gibt’s keinen konservativen Feminismus, auch wenn es ihn in der Alten Frauenbewegung durchaus gab. Ich bin Feministin, weil ich sowohl theoretisch als auch praktisch gegen die Diskriminierung von Frauen und für eine andere Welt arbeiten will, in der alle ebenbürtig sind. Und weil ich Aktionen unterstützen will, die dahin gehen. Feminismus ist ja nicht nur eine Theorie, sondern auch eine soziale Bewegung.

 

PG: Hast du einen Gegenentwurf, etwas, was du dir unter einem nichtkonservativen Feminismus vorstellst?

Konservativ ist immer etwas Bewahrendes; Feminismus ist etwas vorwärts Gerichtetes. Etwas soll anders werden – dafür kämpft und arbeitet man … oder frau, vielmehr. «Mann» kann das aber auch. Für mich stellt Feminismus die kapitalistisch-patriarchalisch geprägte Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft in den Mittelpunkt der Kritik und entwickelt Vorstellungen sowie Handlungsstrategien, Aktionen und Kampagnen zur gesellschaftspolitischen Veränderung hin zu einem gleichwertigen Miteinander verschiedener Geschlechter und zu einem anderen besseren Leben – weltweit. Feministinnen kämpfen seit Olympe de Gouges für eine Gesellschaft von Ebenbürtigen, wo jeder leben, zusammenleben und lieben kann – wenn er niemand anderen verletzt –, wie er oder sie will, und wo die Arbeitsbedingungen gut, sinnvoll und möglichst mit den Lebensbedingungen verbunden sind. Mir ist der Kollektivgedanke wichtig. Allein kann man sowieso nichts erreichen: Allein machen sie Dich ein, das finde ich ganz wichtig.

 

CL: Was bedeutet es für dich heute, links zu sein, sozialistisch zu sein?

Ich will in keine Schublade. Den Sozialisten bin ich vielleicht zu anarchistisch, den Anarchisten bin ich zu sozialistisch. Aber ich finde es nicht so furchtbar schlimm. Ich vertrete einen emanzipatorischen Feminismus.

 

CL: Du kommst aus einer ArbeiterInnenfamilie und hast mal erzählt, dass du mit Klassenbewusstsein aufgewachsen bist.

Für mich bedeutet es, dass wir solidarisch mit anderen umgegangen sind. Dass ich mir nie habe sagen lassen, dass wir etwas Minderwertiges wären, das war die Unterstützung, die wir zuhause mitbekommen haben.

 

CL: Gibt es etwas von diesem Klassenbewusstsein, das dich heute noch prägt?

Dann muss ich nochmal die Geschichte von meinem Onkel erzählen: Als er erfahren hat, dass ich promoviert habe, hat er mir einen Brief geschrieben: Das wäre ja nicht nötig gewesen. Wir einfachen, «gradlinigen» Arbeiter hätten nie besonders gute Erfahrungen mit den Doctores und Professores gemacht. Wahrscheinlich hatte er recht. Gradlinig ist ein ganz wichtiger Begriff in der Arbeiterklasse. Gradlinig sein, keine Schulden machen, das habe ich alles verinnerlicht. Er hat mir auch geschrieben, dass er mir verzeiht. Den Brief habe ich noch.

 

CL: Was war und ist diese «Gradlinigkeit» als Wert der Arbeiter*innenschaft außerdem?

Immer zu seinen Positionen stehen, ehrlich sein. Nicht den Rücken beugen vor Höhergestellten – das kann ich heute noch nicht. Es ist ja nicht so, dass man jemanden nicht respektiert – aber den Rücken beugt man nicht! Das ist etwas ganz anderes, auch wenn es oft verlangt wird! Entweder das, oder Ellenbogen gebrauchen, das gehört auch nicht dazu. Solidarisch sein gehört schon zum Gradlinigen, und sich selber im Spiegel ansehen können.

 

IN: Welche Bedeutung hat ein kritisches Geschichtsbewusstsein für dich und für emanzipatorische Kämpfe heute?

Ich habe mich hauptsächlich mit der Frauen- und ArbeiterInnenbewegung seit Beginn der Industrialisierung beschäftigt. Die Arbeiterinnenbewegung ist vielleicht die erfolgreichste aller sozialen Bewegungen. Sie hat das Wahlrecht – auch für Frauen, die vorher rechtlose Wesen waren – erkämpft und die Möglichkeit der politischen Teilhabe. Auch wenn das für manche Frauen nicht mehr viel bedeutet. «Aus der Geschichte muss man lernen», aber man muss immer den Bezug zur Gegenwart herstellen, sonst ist das vertan. Wenn wir jetzt konservative und neue Rechte abwehren wollen, müssen wir von diesen Rechten Gebrauch machen.

 

PG: Was sind für dich gelungene Beispiele für Solidarität unter Frauen – auch historisch? Was misslungene?

Damit hadere ich gerade, weil es zu viele Enttäuschungen gibt. Das schlimmste ist, wenn Du denkst, Du hast solidarische Kontexte gefunden und die verhalten sich dann unsolidarisch. Die erste Frauenbewegung, die sozialistische, hat auch gestritten, aber es ging ihnen um die internationale Solidarität; das haben ihre NachfolgerInnen oft vergessen. Es ist schön, dass wir Berichte von den Arbeiterinnen selbst haben, über ihre beeindruckenden solidarischen Streiks und Kämpfe. Ohne die Frauenbewegungen der 1970er Jahre wären viele frauenpolitische Verbesserungen nicht möglich gewesen. Ich habe damals ein Gemeinschaftsgefühl empfunden, das ich heute kaum noch erlebe. Ich würde mir wünschen, dass feministische Solidarität wieder ein Begriff wird und feministische Theorie wieder mit feministischer Praxis verbunden wird.

 

CL: Was für eine Haltung braucht es für gegenwärtige solidarische Kämpfe?

Solidarität kann nicht verordnet werden. Sie kann nur erreicht werden, wenn Privilegien reflektiert werden, gegenseitiger Respekt deutlich wird und die Erfahrungen und Meinungen aller beteiligten Gruppen gebündelt und fruchtbar eingesetzt werden. Dazu bedarf es eines gemeinsamen politisch-feministischen Bewusstseins und einer Zielvorstellung, für die es sich zu kämpfen lohnt.

 

IN: Wenn gemeinsame politische Ziele vereinen, ist das dann nicht gerade jetzt eine historische Chance? Man hätte ja zumindest einen gemeinsamen politischen Gegner?

Ich würde mir wünschen, dass der gemeinsame Gegner, die «neue Rechte», die ja gar nicht so neu ist, ein gemeinsamer Nenner sein könnte. Antifeministisch ist die «neue Rechte» allemal. Wir brauchen breite Bündnisse zur Organisierung von Protest und Widerstand auch gegen Krieg, Gewalt und Unterdrückung – europaweit und weltweit. Bündnisse von kritischen Feministinnen und außerparlamentarisch und in den Institutionen arbeitenden Linken. Es gilt, gemeinsam nach den Wurzeln der Übel zu fragen und darauf zu dringen, dass die Umsetzung der Forderung nach dem viel zitierten «guten Leben» für alle gilt.


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