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Griechenland 1967

Vor 50 Jahren putschten die Obristen
von Paul B. Kleiser

Am 21.April 1967 putschte eine Gruppe niederrangiger Offiziere der griechischen Armee gegen die demokratisch gewählte Regierung der Zentrumsunion von Giorgos Papandreou und etablierte ein sieben Jahre währendes Terrorregime. Bis zu 80000 politische Gefangene wurden gemacht und teilweise auf kahle Inseln deportiert. Wie konnte es 18 Jahre nach dem Ende des blutigen Bürgerkriegs zu diesem Staatsstreich kommen? War es ein erbitterter Machtkampf zwischen einem «jungen, heißblütigen ­Monarchen und einem greisen, starrköpfigen Politiker» (Papandreou), wie der Spiegel damals schrieb?

Die Besatzung Griechenlands durch Deutschland und Italien von 1941 bis 1944 hatte nicht nur einen hohen Blutzoll gefordert, auch wirtschaftlich wurde das Land brutal ausgeplündert. Im Winter 1941 starben fast 100000 Menschen an Hunger. Nach dem Ende des Krieges wollten die Briten den König wieder einsetzen und vor allem eine antikommunistische Regierung etablieren. Im Moskauer Abkommen vom Oktober 1944 zwischen Churchill und Stalin war Griechenland dem westlichen Machtbereich zugesprochen worden. Der Kampf gegen die Restauration der Verhältnisse vor dem Zweiten Weltkrieg führte schließlich ab 1946 zum Bürgerkrieg, in dem die Kräfte der Linken wohl den Sieg davongetragen hätten, hätte Großbritannien nicht militärisch eingegriffen und wäre die KP nicht den Direktiven aus Moskau nachgekommen.

Ab 1949 investierten die USA, die zwischenzeitlich Großbritannien als «Schutzmacht» abgelöst hatten, nicht nur hohe Summen in den Wiederaufbau des zerstörten Landes, sondern hielten auch ihre schützende Hand über die Halbdiktatur von General Papagos. Das Militär als Staat im Staate beanspruchte über 20% der Staatsausgaben für sich; zusammen mit dem Repressionsapparat umfasste es auch gut 10% der Bevölkerung.

 

Liberalisierung

Ende der 1950er Jahre kam es zu einer gewissen Liberalisierung. Liberale und linke Gruppen schlossen sich unter Papandreou zur Zentrumsunion (EZ) zusammen. Bei den Wahlen 1961 erreichte diese trotz Repression und Wahlfälschung 34% der Stimmen. Nach der Ermordung des Abgeordneten Lambrakis (er bildet den Hintergrund des Films Z von Costa Gavras) 1963 gründete sich die Lambrakis-Jugend unter Vorsitz von Mikis Theodorakis; sie spielte eine große Rolle im Kampf um die Demokratisierung der griechischen Gesellschaft.

Zwischen 1963 und 1965 gab es heftige Kämpfe gegen den Repressionsapparat und für Lohnerhöhungen und soziale Verbesserungen. Bei den Neuwahlen im Frühjahr 1964 erreichte die EZ 53% der Stimmen und erließ eine Amnestie für die politischen Gefangenen. Es kam zu massiven Auseinandersetzungen zwischen dem (von den USA unterstützten) neuen König Konstantin (König Pavlos war im Frühjahr 1964 gestorben) und der EZ, die von Massendemonstrationen gegen den König unterstützt wurde.

Ein wesentlicher Streitpunkt war die Zypernfrage: Erzbischof Makarios, der seit 1960 in Nikosia regierte, vertrat eine Politik der Unabhängigkeit und Blockfreiheit, während die griechische Rechte den Anschluss Zyperns an Griechenland wollte (und darin von den USA unterstützt wurde). Die Spannungen führten zur Abspaltung des rechten Flügels der EZ unter dem Reeder Mitsotakis und zu einer Regierungskrise, woraufhin der König eine Übergangsregierung installierte, die bis zu den Neuwahlen im Mai 1967 amtieren sollte.

 

Der Putsch

Seit 1961 gab es Putschvorbereitungen, man spricht von einer «großen Junta» von Generälen, unterstützt von der US-Botschaft, die am Wahltag im Mai putschen und den König von einem Besuch in Dänemark zurückrufen wollten, damit dieser «die Verantwortung» übernehme. Ihr kam die «kleine Junta» unter dem Artillerieoberst Papadopoulos, dem Panzerkommandanten Pattakos und dem Geheimdienstmann Makarezos zuvor – sie putschten schon am 21.April und setzten den «Plan Prometheus» um, der vorsah, «im Konfliktfall schnellstens die kommunistischen Führer zu verhaften … die Schlüsselpositionen in Verwaltungs- und Kommunikationszentren zu besetzen und Sabotageakte abzuwehren». Panzer rollten ins Zentrum von Athen, Ministerien, Zeitungsredaktionen, Rundfunk, Postämter, Partei- und Gewerkschaftsbüros wurden besetzt, die Grenzübergänge geschlossen, die Telefonleitungen unterbrochen, der Flug-, Eisenbahn- und Straßenverkehr nach Athen eingestellt und der Belagerungszustand verhängt.

Zusammen mit den Führungen der linken Parteien (und der EZ) wurden binnen zwei Tagen etwa 9000 Menschen verhaftet. Im Rundfunk wurde bekannt gegeben, «Griechenland ist auferstanden»; die Armee habe die Macht übernommen, um «einer Machtübernahme durch die Kommunisten zuvorzukommen».

Versammlungen mit mehr als fünf Personen wurden verboten, wer sich nach 18.30 Uhr auf der Straße befand, konnte erschossen werden, die Polizei konnte jedermann jederzeit verhaften. Streiks wurden untersagt und die Gewerkschaften zumeist aufgelöst. Es wurden Sondermilitärgerichte eingesetzt, die die gemeldeten «Rechtsbrecher» verurteilen sollten; der Denunziation wurde Tür und Tor geöffnet.

Die Generäle und Admiräle waren überrascht, reagierten aber nicht, weil sie auf einen Befehl des Königs warteten. So vermittelte US-Botschafter Talbot zwischen der großen und kleinen Junta: Die Ämter des Ministerpräsidenten und Verteidigungsministers mussten an «Vertrauensleute» der USA gehen. Staatsanwalt Kollias, der sich «einen Namen» bei der Vertuschung der Lambrakis-Affäre gemacht hatte, wurde Ministerpräsident.

Der Chef von Esso Griechenland, John Pappas, über den ein Teil der US-Gelder transferiert wurde, meinte gegenüber den US-Medien: Die Männer der Junta «sind echte Patrioten. Andere Länder sollten es ihnen gleichtun.»

Aber bereits Ende 1967 gab es den Versuch eines «Putsches im Putsch» von Kollias und dem König. Er scheiterte, auch weil die USA nicht zu Hilfe kamen. Papadopoulos übernahm nun selbst das Amt Ministerpräsidenten.

Die Linke wurde vom Putsch völlig überrascht. Ein paar Monate vorher, als es bereits Gerüchte gab, meinte Papandreou: «Das Europa von 1966 wird kein neues Spanien in seiner Mitte dulden.»


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