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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2017 |

Arbeit 4.0

Geht uns die Arbeit aus?
von Werner Seppmann

Seit einiger Zeit überbieten sich die Medien mit Nachrichten über die arbeitsplatzvernichtenden Konsequenzen der Digitalisierung von Produktion, Distribution und Verwaltung. Das intensive Eindringen der IT-Technologien in die Arbeitswelt werde, so verkünden sie, eine gewaltige Rationalisierungswelle in Gang setzen und Millionen Beschäftigungsmöglichkeiten vernichten. Die Aufmerksamkeit der Medien gewinnt nicht, wer plausible Analysen über die tatsächlichen Konsequenzen des intensiven Computereinsatzes vorlegt – und die sind dramatisch genug! –, sondern wer die «spektakulärsten» Zahlen präsentiert.

 

Während seriöse Untersuchungen auf der Grundlage plausibler Annahmen von einem Verlust von ­Beschäftigungsmöglichkeiten in der Größenordnung von 1–2 Millionen in den nächsten zwei Jahrzehnten ausgehen, machen derzeit jene Kaffeesatzleser das Rennen, die vom Abbau fast der Hälfte aller Arbeitsplätze in diesem Zeitraum fabulieren. In solchen Katastrophentraktaten spielen dann auch die relativierenden «Randbemerkungen» keine Rolle mehr: Sie sprechen nämlich von Arbeitsplätzen, die nach technischen Gesichtspunkten durch Automaten und Roboter ersetzt werden könnten. Tatsächlich gelten jedoch bspw. 80% der logistischen Abläufe als so komplex, dass sie aus betriebswirtschaftlicher Sicht für nicht automatisierbar gehalten werden.

Wie viel Dilettantismus und Scharlatanerie bei den «Prognosen» über die Perspektiven der Digitalisierung in der Arbeitswelt im Spiel ist, wurde im Februar 2017 auf einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Düsseldorf deutlich, bei der als Hauptrednerin und IT-«Expertin» die Ex-Piratin Frau Domscheit-Berg auftrat, die mit der Verbreitung von Schauergeschichten über dramatische Arbeitsplatzverluste lukrative Geschäfte macht. Als Beispiel dafür, dass «uns die Arbeit ausgeht», bemühte sie die Herstellung eines Autos durch einen 3-D-Drucker: es bestünde dann nur noch aus 49 statt der üblichen 5000 Teile.

Diese Meldung wurde tatsächlich vor einigen Monaten von den Medien als «Sensation» verbreitet, ohne zu erwähnen, dass es sich dabei um die Produktion von Chassis-Teilen, also der äußeren Ummantelung, handelt, die um eine vorgefertigte Autoplattform her­um montiert wird. Pointiert gesagt, ist die Grundlage für die «Sensationsdarstellung» von Frau Domscheit-Berg das Unwissen darüber, dass ein Auto auch weiterhin aus konventionell gefertigten technischen Aggregaten, aus Reifen, elektronischen Bestandteilen, Achsen und Bremsen, dem Bordcomputer, der Klimaanlage usw. besteht.

Nüchtern betrachtet, sind die Meldungen über die dramatischen Arbeitsplatzverluste ein Alarmismus, der zwar nicht ganz ohne Realitätsbezug, jedoch vorrangig vom Profitinteressen des Medienkapitals ­bestimmt ist: «Bad news are good news!»

Dass solche Meldungen die Lohnabhängigen verunsichern, ist verständlich, denn die fortschreitende Computerisierung und technikbedingte Arbeitsplatzverluste sind Realität. Mit Hilfe der kombinierten Informations- und Kommunikationstechnologien finden in der Arbeitswelt in Permanenz grundlegende Veränderungen statt – und niemand kann sicher sein, wo er in fünf Jahren angesichts der kontinuierlichen «Umstrukturierungs»prozesse stehen wird. Auch die Kapitalagenten wissen das nicht, auch für sie hat die Digitalisierung eine unkalkulierbare «Eigen­dynamik» angenommen.

Aber das Kapital betrachtet die Prozesse digital gestützter «Desruption» (wie IT-Ideologen die ständige Zerstörung überkommener Strukturen nennen – durch die aber auch neue Märkte und neue Profitmöglichkeiten entstehen) mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Einerseits hoffen sie, trotz aller Schwierigkeiten, als Sieger aus dem ökonomischen Überlebenskampf hervorzugehen. Die Verunsicherung der Lohnabhängigen über die Folgen der Digitalisierung begreifen sie eher als eine Voraussetzung dafür.


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