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Aufrüstung im Skizirkus

An den Rand notiert
von Rolf Euler

Am Rande – wie es sich für diese Rubrik gehört – einer Reise merken wir, wie die Berge von der Spekulation vereinnahmt werden. Die Alpen werden aufgerüstet. Das liegt am schwindenden Schnee. Nicht nur, dass die Gletscher schmelzen, es gibt auch weniger Schnee im Winter und er bleibt in den Tälern nicht mehr so lange liegen. Den Alpenorten droht teilweise der Tourismus wegzubrechen.

Gegen Schneemangel helfen Kanonen. Schneekanonen brauchen Wasser und Strom, der in der Schweiz zum großen Teil aus Wasserkraft gewonnen wird. Grundstücke werden bis weit den Hang hinauf bebaut. Hotels neben Appartementhäusern schauen mit «sehnsüchtigen» Fenstern nach Touristen. Die Schneekanonen brauchen zumindest auch Frost. Also wird weiter nach oben gebaut, wo der Schnee (noch) sicher ist. Für die künstliche Beschneiung und den Betrieb der Bergbahnen wird in der Schweiz so viel Strom verbraucht wie für die Tourismusbetriebe der Stadt Zürich.

Es herrscht ein Wettrennen um die höchsten Seilbahnen und die größten Ski-Arenen, deren Abfahrten oberhalb von 3000 Metern liegen. So wie am Matterhorn mit der Gemeinde Zermatt als Ausgangspunkt.

Zermatt hat einen alten Dorfkern, Hunderte Jahre alt. Und eine lange Geschichte um den Beginn und Aufschwung des Wintersports. Dem Skitourismus dort dienen auf 200 Kilometer Piste rund 1300 Schneekanonen, 95 Prozent der Pisten werden künstlich beschneit bis ins Dorf runter, das auf gut 1600 Meter Höhe liegt.

Der Neubau von Bergbahnen wird mit großem Aufwand in Angriff genommen, um mehr Menschen höher hinaus zu tranportieren. 600 Menschen pro Stunde sind nicht genug, nun sollen es für die Region Zermatt 2000 pro Stunde sein, die in neun Minuten aufs fast 4000 Meter hohe Kleine Matterhorn fahren. Damit soll vor allem auch der Sommertourismus in den Schnee gelockt werden. Er gilt – im Gegensatz zum Wintertourismus – als Wachstumsgeschäft. Investitionssumme: 52 Millionen Franken, entspricht rund 50 Millionen Euro.

Die Bergstation wirkt wie ein Raumschiff an die Felsen geklotzt. Schon jetzt kostet eine Tageskarte Ski- und Bergbahnfahrt pro Person 92 Franken. Aber der Chef der Bergbahnen vergleicht Zermatt mit Skigebieten in den USA und China, will die reichen Touristen aus aller Welt haben und schaut nicht auf die Normalfamilie, die sich weder Aufenthalt noch Skifahren in dieser Ecke leisten kann.

Zermatt ist autofrei, Elektro-Minibusse und Taxis bestreiten den Verkehr. Das klingt gut, aber: Es müssen die Gäste doch anfahren, untergebracht und beköstigt werden, mit allen Folgelasten des Verbrauchs. Die Großgarage im Nachbarort zeigt, wie weit es mit dem umweltfreundlichen Verkehr ist: Dort bleiben Autos stehen, nur die letzten Kilometer leistet die Eisenbahn.

Der Wettstreit um mehr Alpentourismus wird auch von der neuen Zugspitzbahn geführt, ebenfalls eine Großinvestition auf deutscher Seite. Ebenfalls um die 50 Millionen Euro in Superlative investiert: Auf 4,5 Kilometern wird ein Höhenunterschied von knapp 2000 Metern überwunden, 127 Meter hoch ist die höchste Seilbahnstütze der Welt, und das Seil ist ohne Stütze mehr als 3000 Meter weit gespannt. Pro Stunde können damit bis zu 700 Passagiere auf die Zugspitze befördert werden statt bisher 300. Der Zugspitzgletscher wird für den Tourismus im Sommer mit Planen abgedeckt, damit er nicht noch schneller schmilzt.

Die Spekulation rechnet ungerührt mit der Klimaerwärmung und baut vor – mehr und weiter und schneller nach oben – wann kommt der Absturz?


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