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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2017 |

AUFSTAND!

Käthe Kollwitz neu gesehen
von Rolf Euler

Käthe Kollwitz, die bei vielen Menschen bekannte Künstlerin des Antikriegsbilds «Nie wieder…!», kann im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln mit vielen ihrer Werke immer wieder neu betrachtet werden, diesmal mit Sonderausstellungen zu ihrem 150.Geburtstag.

 

In der sozialen Welt am Ende des 19.Jahrhunderts gab es genug Anlass zu Widerstand und Protesten – etwa das Verbot der Sozialdemokratie oder auch die Bergarbeiterstreiks von 1889. In dieser Zeit erhält Käthe, geborene Schmidt, Mal- und Kunstunterricht, sie erlernt vor allem auch Radiertechniken. Die Heirat mit dem sozialdemokratischen Arzt Karl Kollwitz führt beide in den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Nach Gerhart Hauptmanns Stück Die Weber entsteht ihr erstes bekanntes Werk, der Druckgrafik-Zyklus Ein Weberaufstand. Die für sie vorgeschlagene Medaille wird vom Kaiser abgelehnt, aber auf der Kunstausstellung in Dresden erhält sie 1899 eine Goldmedaille. Kunstwerke von Frauen ­stehen damals noch mehr als heute immer unter dem Vorurteil des männerdominierten Kunstbetriebs, und gerade sozialkritische Werke werden an den Rand gedrängt.

Umso wichtiger für den Aufbruch neuer Ansichten und Malweisen zu Beginn des 20.Jahrhunderts wird ihr ab 1902 entstehender zweiter Zyklus Bauernkrieg, der nun in Köln als Sonderausstellung bis zum 5.Juni gezeigt wird. Der Anlass ist auch das 500jährige Jubiläum der Reformation, weil der Bauernaufstand 1525 in engem Zusammenhang mit dem neuen Geist der Renaissance und des Widerstands gegen die Obrigkeit von Kirche und Fürsten stand. Die Erniedrigung der arbeitenden Bevölkerung, die Armut der Bauern und der Prunk der Reichen sind die Gründe, protestantische Thesen und radikale Humanisten begleiten mit ihren Vorstellungen die damaligen Aufstände und regen nicht nur Kollwitz zur Neubefassung mit dieser Zeit an.

In ihren Erinnerungen schreibt Käthe Kollwitz: «Ich war revolutionär, mein Kindheits- und Jugendtraum war Revolution und Barrikade.»

 

«Bauernkrieg»

Der Zyklus, den Käthe Kollwitz über einen längeren Zeitraum plante und vorbereitete, besteht in der Endfassung aus sieben Drucken. Mit den Bildern «Die Pflüger» und «Vergewaltigt» zeigt die Künstlerin eindrucksvoll die unerträglichen Leiden der Bauern: Flach im Feld fast liegend ziehen zwei Männer den Pflug durch die Erde, ausgestreckt im Garten die Leiche der geschändeten Bäuerin.

Dann folgt der Druck «Beim Dengeln», eine Bäuerin auf die Sense gelehnt, den Schärfstein in der Hand, den Blick nach unten in nachdenklicher Pose – hier entsteht augenscheinlich der Gedanke, die Sense auch anders zu verwenden. Blatt 4 zeigt eine Höhle, Lichtschein um eine Menschenmenge, an der Seite im Dunkeln aufsteigende bewaffnete Menschen – «Bewaffnung in einem Gewölbe» zeigt den nächsten Gang des Geschehens.

Das nächste Bild der Folge, das größte im Format und eher hell in der Tönung, zeigt den Aufstand in vollem Gang: «Losbruch» mit drängenden, schiebenden bewaffneten Menschen, eine Bäuerin mit gereckten Armen sie anfeuernd. Diese Gestalt soll an die «Schwarze Anna» erinnern, eine Frau aus der Zeit des Bauernkriegs.

Schon die vom niedrigen Querformat der Pflüger ins quadratische und dann, bei der Bewaffnung, ins Hochformat wechselnden Blattgrößen geben einen deutlichen Hinweis auf das «Aufstehen», den menschlich «richtigen» aufrechten Gang, den Weg von unterdrückten Gestalten zu kämpfenden.

Und dann der Umschwung: In düstersten Tönen, nun wieder im Querformat der sechste Druck: «Schlachtfeld». Dunkel gekleidet, gebückt die Bäuerin, mit der Laterne zwischen den Toten findet sie den Sohn. Detailreich nur die beleuchtete Hand der Frau, nicht mal das im Lichtschein liegende Gesicht des Toten ist klar, die Aussage des Bildes wird bewirkt durch die dunklen Töne, die Unschärfe, die keinen Zweifel am Ausgang der Schlacht lässt. Das Ende des Zyklus ist aber nicht nur der Tod, sondern «Die Gefangenen» als siebtes Bild. Stehend, besiegt, gebunden, die Köpfe in verschiedenen seelischen Stimmungen zwischen verzweifelt, zornig, erbittert, aber hinweisend auf die Möglichkeit, dass dies nicht das Ende von allem sei, dass es weitergehen könnte. So beschließt der Zyklus mit einer über den konkreten Anlass hinausgehenden Sicht auf besiegte, aber aufrechte Menschen. Ob das eher pessimistisch interpretiert wird oder nicht, mag zu verschiedenen Zeiten jeweils neu gesehen werden – nach dem Ersten Weltkrieg wird auch das Werk von Käthe Kollwitz nochmal radikaler.

Darauf verweist auch die Kuratorin der Ausstellung, Annette Seeler, die sich seit über dreißig Jahren mit Käthe Kollwitz und ihrem Werk befasst. Bei der Eröffnung spricht sie die drängende Aktualität von aus Armut und Unterdrückung entstehenden Aufständen an.

Käthe Kollwitz’ «Bauernkrieg»-Zyklus wirkt wie eine Vorwegnahme der Grausamkeiten und Leiden des Weltkriegs, in dem ihr zweiter Sohn Peter 18jährig wenige Wochen nach Beginn in Belgien umkommt, wirkt wie ein Auftakt zu ihrem langjährigen friedenspolitischen Engagement.

 

Wie die Bilder entstehen

Die Gestaltung der Ausstellung in dem nach Käthe Kollwitz benannten Museum (Haus der Kreissparkasse Köln am Neumarkt) erlaubt einen großartigen Blick auf die Entstehung der sieben Endfassungen der Zyklusdrucke. Die genauen Körperzeichnungen, die Gesichtsstudien, zum Teil von ihren Söhnen, die Haltungs- und Kleidungsdetails sind in Kohle-, Bleistift- oder Kreideskizzen, in Andrucken und mehreren Probedrucken zu sehen. Das erlaubt den Betrachtenden einen Einblick in die Mühen und Techniken der Radier- und Druckkunst, und dass Käthe Kollwitz sich lange um den künstlerisch richtigen Ausdruck bemühte.

So werden viele Bilder ausgestellt, an deren Schluss dann das quadratische «Beim Dengeln» steht. Den Anfang machen Bilder einer Frau in verschiedenen Haltungen, mal stehend mit Sense, mal leicht gebückt, hinter ihr eine Gestalt, die sie umarmt oder die Sense führt. Diese Bilder heißen «Inspiration» und zeigen, dass Käthe Kollwitz noch versucht, den Prozess, der zum Denken vom Aufstand führt, mithilfe einer Person oder eines «Geistes» zu verdeutlichen. Später steht die Bäuerin allein mit der Sense, beeindruckend ihre nachdenkliche Haltung «aus sich heraus» – meisterhafte Vorstudie zum endgültigen Druck.

Ebenso beeindruckend die Studien zu der Mutter, die ihren Sohn auf dem Schlachtfeld findet. Die Ausstellung zeigt Bilder von alten Meistern, die Käthe Kollwitz als Vorbild dienten, die trauernde Mutter zuerst wie in einer biblischen Szene über den Sohn gebeugt, seinen Kopf in den Armen, seinen Körper umfassend – alle möglichen Haltungen ausprobierend, und dann der Sprung von einer Grabes- und Trauerszene zur gebückten Frau, die auf dem Schlachtfeld sucht. Auch hier wird nicht hauptsächlich der künstlerisch-technische Prozess deutlich, sondern vor allem das Suchen nach dem «richtigen Bild», das alles enthalten soll, was die Künstlerin ausdrücken möchte.

Ähnliche Vorstudien gibt es zu den Pflügern, auch zu den Gefangenen, und das Hauptbild, der «Losbruch», findet sich in zahlreichen anderen Bildern.

Bei dieser Ausstellung kommt sehr deutlich heraus, dass Käthe Kollwitz ihre vielseitigen Kunstfertigkeiten in Malerei und Radierung meisterhaft für ihre Absicht verwendet, die Leiden der Menschen und ihr Drängen nach Beendigung der Not, ihren Aufstand trotz ungünstiger Aussichten nicht überhöht darzustellen, aber ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihnen Haltung und Würde (wieder) zu geben.

 

Sonderausstellungen folgen

Das Käthe-Kollwitz-Museum in Köln feiert die Künstlerin ab dem 13.Juni mit der Ausstellung «Ein Denkmal für Käthe Kollwitz», die das berühmte Denkmal von Gustav Seitz auf dem Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg zum Gegenstand hat. Am 8.Juli, dem 150.Geburtstag, gibt es ein Fest im Museum. Ab dem 29.September dann die Sonderausstellung «Kollwitz neu denken» – über Künstler, die mit dem seit 1960 vergebenen Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin ausgezeichnet wurden. Die Künstlerin, die seit 1919 Mitglied dieser Akademie war, wurde 1933 von den Nationalsozialisten zum Austritt gezwungen und sie wurde des Amtes als Leiterin der Meisterklasse für Grafik enthoben.

Sie starb im April 1945, nachdem auch ein Enkel von ihr im Krieg getötet worden war, ohne den Frieden kennen zu können.

 

Das Werk von Käthe Kollwitz wurde zum großen Teil seit 1985 in Köln gesammelt und verwahrt, in der Ausstellung werden aber auch Leihgaben aus anderen Häusern gezeigt – eine einmalige Gelegenheit, sehr viel «Kollwitz» und sehr viel «Aufstand» an einem Ort zu betrachten.


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