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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2017 |

Das Ende der Arbeit?

Reihe Arbeit 4.0
von Werner Seppmann

Digital gesteuerte Produktionsverfahren haben bereits in großem Stil neue Verunsicherungen in die Arbeitswelt gebracht, ohne dass sie deshalb an Legitimität verlieren würden. Dabei hat schon die potenzielle Gefahr, dass Menschen durch Maschinen verdrängt werden, disziplinierende Effekte – vor allem vor dem Hintergrund der Durchlöcherung der sozialen Sicherungssysteme.

Die Veränderung der sozialpolitischen Großwetterlage durch das Hartz-IV-System hat nicht nur zu einer größeren Beflissenheit und Leistungsbereitschaft der Arbeitenden geführt, sondern auch jegliche progressive Veränderungsphantasie betäubt. Das Verwunderlichste an der gegenwärtigen Situation ist, dass trotz des verbreiteten Eindrucks, dass die technologische Entwicklung Arbeitsplätze massiv bedroht, die Diskussion über die Verkürzung der Arbeitszeiten fast vollständig zum Stillstand gekommen ist.

Ebenso trotzig wie verwunderlich wirkt eine Feststellung des Vorsitzenden der IG Metall, Arbeitszeitverkürzung sei «gegenwärtig kein Thema». Faktisch geht es in den derzeitigen Verhandlungen der Gewerkschaft mit dem Verband der Metallarbeitgeber um eine «produktionsorientierte» Flexibilisierung der Arbeitszeiten – wohl, um die «Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland» zu sichern: Bei 48 Wochenstunden, so ist aus den gewerkschaftlichen Führungsetagen zu hören, wäre dann aber wirklich Schluss!

Offenkundig wird die soziale Rückschrittsdynamik auch in den Gewerkschaftsvorständen als «alternativlos» angesehen. Was das für eine Kehrtwende ist, wird verständlich, wenn wir uns daran erinnern, dass in den 70er und 80er Jahren die IG Metall sich schon mal auf Kämpfe zur Durchsetzung der 30-Stunden-Woche vorbereitet hatte!

 

Daten und Fakten

Dass alarmierende Zahlen über drohende Arbeitsplatzverluste durch  Computereinsatz bei den Lohnabhängigen ihre Wirkung nicht verfehlen, kann nicht überraschen. Denn die früher in der Arbeiterklasse verbreitete Hoffnung, technischer Fortschritt werde sich positiv auswirken, ist einer verbreiteten Nachdenklichkeit gewichen. Aus Schaden ist man klug geworden, weil bei der Einführungen neuer Technologien immer die Beschäftigten den größten Teil der Zeche zahlen mussten. So fragen sich Lohnabhängige heute: Bedroht der Computer auch meinen Arbeitsplatz? Werde ich in Zukunft noch gebraucht? Wie lange kann ich in meinem «biblischen Alter» von 45 Jahren noch mit der sich überschlagenden technischen Entwicklung mithalten? Was mache ich als Lokführer, wenn zukünftig die Züge «autonom» fahren?

Diese Fragen bleiben, auch wenn das Horrorszenario von der flächendeckenden Verdrängung lebendiger Arbeit mit Skepsis zu betrachten ist. Schließlich ist die Arbeitsplatzvernichtung durch verstärkten Maschineneinsatz seit Beginn der industriekapitalistischen Entwicklung ein Thema. Tatsächlich sind mit jeder neuen Maschinengeneration Arbeitsplätze verschwunden – allerdings auch neue entstanden. Doch das geschah meist phasenverschoben, an anderer Stelle, in neuen Branchen und mit veränderten Qualifikationen. Die in den alten Bereichen der Arbeitswelt Beschäftigten hatten deshalb in der Regel nicht viel von diesen makroökonomischen «Neutralisierungs»-Effekten.

Die Verlagerungsprozesse in der Schwerindustrie in den letzten Jahrzehnten hatten einen ähnlichen Charakter: Ihre Arbeitsplätze sind nicht «verschwunden», sie wurden nur in andere Teile der Welt ausgelagert. Global gesehen ist die industrielle Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter die am stärksten wachsende soziale Gruppe.

Was die Entwicklungsrichtung betrifft, sind wir nicht nur auf Spekulationen angewiesen. Seit Jahrzehnten nehmen Computer und die fortschreitende intensive Automatisierung der Wirtschaftsprozesse an Bedeutung zu – und dennoch waren in der Bundesrepublik noch niemals so viele Menschen erwerbstätig wie heute: Gegenwärtig sind es in Deutschland über 43 Millionen.

Das bedeutet nicht, dass alle diese Arbeitsplätze existenzsichernd wären – dazu ist der Kapitalismus nach wie vor nicht in der Lage und die Kapitalagenten auch nicht bereit, und zwar nicht nur in den Peripherieregionen, sondern auch in den kapitalistischen Hauptländern. In den letzten Jahren wurden zwar neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen, aber vorrangig mit prekärem Charakter. Die Folge davon ist unter anderem, dass die Zahl der Menschen, die trotz Vollerwerbstätigkeit von ihrer Arbeit nicht leben können, einen beträchtlichen Umfang angenommen hat.

Das ist objektiv betrachtet Ausdruck eines sozialen Rückschritts, aber zugleich charakteristisch für die Entwicklungstendenz des sog. Hightech-Kapitalismus.


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