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Das Reich der Freiheit

Protestantische Arbeitsethik, Verkürzung des Arbeitstags, bedingungsloses Grundeinkommen
von Michael Löwy

Eine der großen Herausforderungen für die Arbeiterbewegung ist es, sich von den bürgerlichen Arbeitsideologien zu befreien. Unter ihnen hat die protestantische Arbeitsethik eine wichtige Rolle gespielt, nicht nur für die Entwicklung der kapitalistischen Denkweise in Ländern wie England, Deutschland und den USA, sondern auch und vor allem für die Unterwerfung der Arbeitenden unter den «ethischen» Imperativ der Arbeit im Dienst der Bosse.

 

Max Weber, beileibe kein Antikapitalist, hat gleichwohl in Die protestantische Ethik und der «Geist» des Kapitalismus (1920; ursprünglich in zwei Abhandlungen 1904 und 1905 erschienen) ironische Bemerkungen über den Nutzen gemacht, den das Bürgertum aus der asketischen Arbeitsethik gezogen hat.

Webers Sarkasmus schont nicht die protestantischen Diskurse im Dienst des Kapitals*, wobei er sich manchmal ausdrücklich auf den Marxismus bezieht. Zum Beispiel scheint ihm die Aktivität des calvinistischen Theologen Baxter Baxter in seiner englischen Gemeinde «ein typisches Beispiel dafür zu sein, wie die Askese die Massen zur Arbeit erzog» (also in marxistischen Begriffen zur Mehrwertproduktion), wodurch es möglich wurde, sie im kapitalistischen Arbeitsverhältnis in Wert zu setzen. Die «pädagogische» Arbeit von Baxter diente letztlich «der Integration seiner Herde in die kapitalistische Maschinerie» – sicherlich im Dienst «ethisch-religiöser Interessen».

Die protestantische Arbeitsethik hat die Arbeitenden und sogar die Arbeiterbewegung nachhaltig beeinflusst, auch nach der Anfangszeit des Kapitalismus, von der Max Weber spricht. Einer der ersten marxistischen Kritiker dieser Kontinuität – vor allem in der sozialdemokratischen Ideologie – war Walter Benjamin. In der 11.These seiner letzten Schrift von 1940, Über den Begriff der Geschichte, schrieb er:

«Der Konformismus, der von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch gewesen ist, haftet nicht nur an ihrer politischen Taktik, sondern auch an ihren ökonomischen Vorstellungen. Er ist eine Ursache des späteren Zusammenbruchs. Es gibt nichts, was die deutsche Arbeiterschaft in dem Grade korrumpiert hat wie die Meinung, sie schwimme mit dem Strom. Die technische Entwicklung galt ihr als das Gefälle des Stromes, mit dem sie zu schwimmen meinte. Von da war es nur ein Schritt zu der Illusion, die Fabrikarbeit, die im Zuge des technischen Fortschritts gelegen sei, stelle eine politische Leistung dar. Die alte protestantische Werkmoral feierte in säkularisierter Gestalt bei den deutschen Arbeitern ihre Auferstehung. Das Gothaer Programm trägt bereits Spuren dieser Verwirrung an sich. Es definiert die Arbeit als ‹die Quelle alles Reichtums und aller Kultur›. Böses ahnend, entgegnete Marx darauf, dass der Mensch, der kein anderes Eigentum besitze als seine Arbeitskraft, ‹der Sklave der andern Menschen sein muss, die sich zu Eigentümern … gemacht haben›. Unbeschadet dessen greift die Konfusion weiter um sich, und bald darauf verkündete Josef Dietzgen: ‹Arbeit heißt der Heiland der neueren Zeit … In der … Verbesserung … der Arbeit … besteht der Reichtum, der jetzt vollbringen kann, was bisher kein Erlöser vollbracht hat.› Dieser vulgärmarxistische Begriff von dem, was die Arbeit ist, hält sich bei der Frage nicht lange auf, wie ihr Produkt den Arbeitern selber anschlägt, solange sie nicht darüber verfügen können. Er will nur die Fortschritte der Naturbeherrschung, nicht die Rückschritte der Gesellschaft wahr haben. Er weist schon die technokratischen Züge auf, die später im Faschismus begegnen werden.»

 

Der Kommunismus

Wie Benjamin bemerkt, haben die Vorstellungen von Marx über die Arbeit mit der  bürgerlichen (protestantischen) Ethik nichts zu tun. Obwohl er die Bedeutung der Arbeit für die menschliche Gesellschaft betonte, war Marx ein unbarmherziger Kritiker der entfremdeten Arbeit und der Ausbeutung des Arbeiters in der modernen Fabrik. In seinen Augen war der Sozialismus zugleich die Kontrolle über die Arbeit durch die assoziierten Produzenten und die systematische Verkürzung der Arbeitstags.

Im dritten Band des Kapitals findet sich eine für dieses Thema wesentliche Passage. Das Wort «Kommunismus» kommt da nicht vor, aber es geht sehr wohl um die klassenlose Gesellschaft der Zukunft, die Marx – bezeichnenderweise – als das Reich der Freiheit definiert:

«Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen zu vollziehen. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.» (MEW 25, S.828.)

 

Die Arbeitszeitverkürzung

Die radikalste, die vollständigste Art der Freiheit, die dem «Reich der Freiheit», entspricht liegt jenseits der Sphäre der materiellen Produktion und der notwendigen Arbeit. Die möglichst große Ausdehnung dieser freien Zeit wird den Arbeitenden ermöglichen, aktiv am politischen Leben und an der Selbstverwaltung teilzunehmen, nicht nur in den Betrieben, sondern an allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Tätigkeiten in den Stadtvierteln, Städten, Regionen und Ländern.

Der Kommunismus ist ohne die Beteiligung der ganzen Bevölkerung am demokratischen Diskussions- und Entscheidungsprozess nicht möglich, und zwar nicht wie heute durch die Teilnahme an einer Wahl alle vier oder fünf Jahre, sondern kontinuierlich, wobei es trotzdem Formen der Delegation von Entscheidungsbefugnissen geben kann. Dank ihrer freien Zeit werden die Menschen die Verwaltung ihres kollektiven Lebens in die eigene Hand nehmen können, anstatt sie wie heute Berufspolitikern zu überlassen.

Der Kampf für die Verkürzung des Arbeitstags hat in den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung hindurch eine zentrale Rolle gespielt – vom 1.Mai 1888 in Chicago bis heute. Im Mittelpunkt stand zuerst der Kampf um den Achtstundentag, der weltweit verbissen zwischen den Arbeiterorganisationen auf der einen Seite und den von den Richtern und Regierungen unterstützten Unternehmern auf der anderen Seite geführt wurde, wobei die Kapitalseite auf die Hilfe bewaffneter Banden von Männern in Uniform, Polizei oder Armee, zählen konnte.

Der Kampf wurde bald verdeckt, bald offen geführt, manchmal mit «friedlichen» Mitteln, aber oft auch gewaltsam, und die Kampfplätze waren nicht nur Parlamente und Gerichtssäle, sondern vor allem die Fabriken, die proletarischen Stadtviertel, die Straßen und öffentlichen Plätze.

Die Forderung nach dem Achtstundentag schaffte es besser als andere Forderungen – für bessere Löhne oder Arbeitsbedingungen –, die Angehörigen aller Berufsgruppen und sozialen Schichten der Arbeitswelt zu einem gemeinsamen Kampf zu vereinen: Frauen und Männer, Prekäre und Arbeiter im Normalarbeitsverhältnis, Einheimische und Zugewanderte, Weiße und Schwarze, Junge und Alte. Alle, unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter, ihrer Hautfarbe oder ihrem Beruf, fanden sich wieder im Kampf um «drei mal acht».

In gleicher Weise vereinte dieser Kampf Gewerkschafter, Anarchistinnen, Sozialistinnen, Kommunisten, Reformisten und Revolutionäre um ein gemeinsames Ziel. Man muss anerkennen, dass in den ersten Jahrzehnten nach dem 1.Mai in Chicago in vielen Ländern die Anarchosyndikalisten die Hauptorganisatoren dieses Kampfs waren. Ebenso interessant ist festzustellen, dass in vielen Kämpfen um die Arbeitszeitverkürzung Arbeiterinnen in der ersten Reihe standen.

 

Das bedingungslose Grundeinkommen

Was ist von dem Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens (bGE) zu halten, der in der öffentlichen Debatte eine zunehmende Rolle spielt? Sehr unterschiedliche politische Kräfte haben sich diesen Vorschlag zu eigen gemacht – angefangen von den Neoliberalen, die sich auf die Ideen von Friedman und Hayek über ein existenzsicherndes Grundeinkommen beziehen – bis hin zur ökologischen Linken (z.B. André Gorz) und zu Sozialliberalen (wie etwa Van Parijs).

In gewissen linken Versionen davon ist diese Idee als Ergänzung zur Verkürzung des Arbeitstags gedacht, sie verdienen, von Marxisten beachtet zu werden. Hingegen sollten sie solche Versionen des bGE kategorisch ablehnen, die als Alternative zur Arbeitszeitverkürzung präsentiert werden. Oft hört man sogar linke Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens den Kampf für die Verkürzung des Arbeitstags als «veraltete Geschichte aus dem vergangenen Jahrhundert» verächtlich machen.

Die Idee, Leuten ein Einkommen zu geben, die sich lieber um ihre Kinder oder um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern wollen, scheint richtig zu sein, birgt aber die Gefahr, die Autonomie der Frauen zu schwächen; dieser Vorschlag kann leicht in Richtung eines «Familieneinkommens» abgleiten, das auf dem zutiefst reaktionären Prinzip basiert, die Frauen gehörten an «Heim und Herd».

Das Hauptproblem besteht darin, dass das bedingungslose Grundeinkommen sehr oft mit dem Argument begründet wird, uns gehe wegen der Automatisierung und Digitalisierung der Produktion die Arbeit aus, womit unterstellt wird, Erwerbsarbeitslosigkeit und Prekarität seien in der modernen (kapitalistischen) Ökonomie eben unvermeidlich. Die Arbeiterbewegung kann Massenerwerbslosigkeit aber nicht als Schicksal akzeptieren, in das man sich mithilfe des bedingungslosen Grundeinkommens zu fügen habe. Die Forderung nach Verkürzung des Arbeitstags zielt ja genau darauf ab, mit Erwerbsarbeitslosigkeit und Prekarität Schluss zu machen: Alle arbeiten weniger, damit alle arbeiten können!

Und wenn der Kapitalismus sich mit einer Arbeitswoche von 30 oder 25 Stunden als unvereinbar erweisen sollte, dann muss eben die Frage gestellt werden, wie er überwunden werden kann – das ist die Frage nach dem Übergang  zum Sozialismus.

 

Michael Löwy ist marxistischer Soziologe und Philosoph mit den Schwerpunkten internationale Solidarität, Lateinamerika, Ökosozialismus und Studien zu linken Denktraditionen. In der SoZ erschien von ihm zuletzt ein Beitrag über die päpstliche Enzyklika «Laudato Si» (SoZ 1/2016).

 

* Hans-Albert Wulf hat in Faul! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft (Norderstett 2016) auf Grundlage reichen Materials gezeigt, dass die katholischen Prediger den protestantischen Predigern in dieser Hinsicht in nichts nachstanden (d.Red.).


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