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Mario Vargas Llosa: Die Enthüllung

Berlin: Suhrkamp, 2016. 299 S., 24,70 Euro
von Ralf Leonhard*

Vargas Llosas Fantasien

Vargas Llosa nutzt seinen neuen Roman für zwei persönliche Abrechnungen: mit dem Regime von Alberto Fujimori (1990–2000) und mit der peruanischen Skandalpresse.

Gegen den bis dato kaum bekannten Agraringenieur Fujimori war der weltweit prominente Literat einst in der Stichwahl um die Präsidentschaft unterlegen. Die persönliche Schmach wurde aber weit übertroffen durch die Folgen für das Land. Fujimori zog nicht nur eine neoliberale Agenda mit weitreichenden Privatisierungen durch, sondern installierte auch einen Überwachungsstaat, der Bespitzelung und politische Erpressung zum System erhob. Mastermind dieser Intrigen war Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos, der im Buch persönlich auftritt, aber nie beim Namen genannt wird. Alle nennen ihn nur den «Doktor». Er dirigiert auch die Schmutzkampagnen der Boulevardpresse, die dazu dienen, politische Gegner mit «Fake News», wie man heute sagen würde, zu diffamieren. Der 80jährige Vargas Llosa hat die Macht dieser Skandalblätter jüngst selbst erlebt, als er sich von seiner langjährigen Ehefrau trennte und die Liaison mit einer philippinischen Schönheitskönigin öffentlich machte.

Das Tratschblatt «Enthüllt», das dem Buch in der deutschen Übersetzung auch seinen Namen gibt, wird von einem schmierigen Typen namens Rolando Garro geleitet. Er wird gleichermaßen gehasst und gefürchtet, weil er jede Woche Existenzen vernichten kann. Eines Tages gelangt er in den Besitz pikanter Fotos, die den schwerreichen Bergbauunternehmer Enrique Cárdenas bei einer Orgie mit Prostituierten zeigen. Statt dem Mann, der jeden Skandal vermeiden will, einfach eine Summe abzupressen, will Garro ihn als Investor gewinnen, der seinem Blatt Respektabilität verschaffen soll. Cárdenas, der erkennt, dass er vor Jahren von einem Geschäftspartner in eine Sexfalle gelockt wurde, lehnt ab und findet sich prompt auf dem Titelblatt der nächsten Ausgabe von «Enthüllt».

Der Skandal wird zum Kriminalfall, als Rolando Garro wenig später brutal ermordet wird. Natürlich fällt der Verdacht zuerst auf den bloßgestellten Unternehmer, der die schlimmste Nacht seines Lebens in einer Zelle mit Schwerverbrechern verbringen

muss. Sein bester Freund und Anwalt Luciano holt ihn – nicht zuletzt dank Beziehungen zum «Doktor» – heraus. Der Mord wird einem senilen Unterhaltungskünstler in die Schuhe geschoben, der auch einst von Garro ruiniert wurde und seither wütende Briefe gegen ihn schreibt. Wie sich bald herausstellt, steckt der «Doktor» selbst hinter dem Verbrechen, genauso wie hinter den rufmörderischen Kampagnen des Skandalblatts…

Der 80jährige Vargas Llosa erliegt wie viele Kollegen der Versuchung, den erotischen Fantasien eines alten Mannes freien Lauf zu lassen, oder er hat zu viel die Pornoplattform youporn konsumiert. Daneben erlaubt er sich einige Freiheiten mit dem zeithistorischen Rahmen. So gehören die Bombenanschläge der maoistischen Terrorguerilla Sendero Luminoso in die frühen 90er Jahre, während die Handlung am Ende der Fujimori-Ära in den letzten Jahren des Jahrzehnts angesiedelt ist. Fujimori und Montesinos sitzen langjährige Haftstrafen ab, die Skandalpresse wütet nach wie vor. Das Buch, das im Original Cinco Esquinas heißt, wie das heruntergekommene Stadtviertel von Lima, wo der Tote gefunden wird, ist wahrscheinlich der schwächste Roman von Vargas Llosa, glücklicherweise aber auch einer der kürzesten.

 

* Aus: Lateinamerika anders, Nr.2, 2017.


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