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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2017 |

Operation Euphrat fehlgeschlagen

Die Türkei scheiterte beim Versuch, die kurdische YPG von der Schlacht um Raqqa auszuschließen
von Serdar Kazak*

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei am 24.November 2015 marschierten Anfang Dezember 2015 türkische Truppen in Nordirak ein. Im Rahmen dieser Militäroffensive drangen türkische Truppen am 24.August 2016 auch auf syrisches Gebiet vor und besetzten das vom IS verlassene Dscharabulus. Hauptziel der Offensive war, dem Vormarsch kurdischer Truppen gegen den IS entlang der türkischen Grenze zuvorzukommen und einen Zusammenschluss mit Truppen aus Rojava zu verhindern. Die Türkei scheiterte jedoch beim Versuch, Einheiten der kurdischen YPG aus der Schlacht um die IS-Hochburg Raqqa auszuschließen. Der türkische Versuch, Einfluss auf eine künftige Schlacht um Raqqa zu nehmen, wurde von syrischen Regierungstruppen unterbunden, ihr weiteres Vordringen nach Süden abgeriegelt. Daraufhin wurde die türkische Militäroffensive in Nordsyrien am 29.März offiziell für beendet erklärt.

«Eine Militäroperation ohne vernünftigen Geheimdienst und Heer kann nur in einer Katastrophe enden. Es kann möglich sein, dass sie [die türkischen Soldaten] in einer relativ kurzen Zeit die kurdischen Kämpfer auf die Ostseite des Euphrats zurückwerfen. Sie dort halten können sie aber auf keinen Fall.» So schrieb ich in SoZ 10/2016. Heute stehen wir an einem Punkt, an dem diese Katastrophe eine bittere Realität ist.

Die türkische Armee hatte die militärische Operation «Schutzschild Euphrat» am 24.August 2016 genau um 4 Uhr angefangen. An der Operation waren nicht nur türkische Soldaten, sondern auch einige Einheiten der FSA, einige paramilitärische faschistische Gruppen aus der Türkei (wie die Sultan-Murat-Division, die ihre Mitglieder aus den Reihen der Grauen Wölfe rekrutiert) und die Kämpfer der Ahrar al-Sham dabei. Am Anfang war geplant, dass die türkische Armee nicht kämpft, sondern den «lokalen» Befreiungsorganisationen Unterstützung gibt. In der Praxis lief es aber nicht nach Plan.

Einerseits waren die «lokalen Gruppen» nicht in der Lage, ein Gelände zu erobern, zu sichern und zu verteidigen. Sie waren schlecht organisiert, schlecht bewaffnet und undiszipliniert. Andererseits war die stark demoralisierte türkische Armee auch nicht in der Lage, für einen Feldzug in einem 2300 Quadratkilometer großen Gebiet Luftunterstützung zu leisten. In der Folge gerieten die türkischen Infanterie- und Panzereinheiten immer tiefer in das Kriegsgeschehen. Die Zahl der menschlichen, aber auch materiellen, Verluste hat sich drastisch erhöht.

Die Ziele der Operation waren, laut Angaben der Türkei: erstens die kurdischen Einheiten der YPG hinter den Euphrat zurückzudrängen, und zweitens das Gebiet zwischen den Städten Dscharabulus und Manbidsch vom IS zu befreien.

Für die Erdo?an-Administration war das ein Paradigmenwechsel. Bis vor kurzem haben die türkischen Staatsmänner ihre Sympathien zum IS kaum versteckt. Der damalige Außenminister (und spätere Ministerpräsident) hatte sogar gesagt, der IS sei keine Terrororganisation, sondern nur eine Gruppe wütender Jungs. Ob dieser Paradigmenwechsel ernstgemeint oder nur vorgeschoben ist, lässt sich sehr schwer sagen.

 

Die Kurden sind zurück

Neben diesen offiziellen Zielen hatte die Operation wahrscheinlich noch ein stillschweigendes Ziel, nämlich die Versorgungslinie für die islamistischen Kämpfer zu sichern, die sich damals noch in Aleppo befanden. Nach dem Fall von Aleppo im Dezember 2016 hat sich dieses unausgesprochene Ziel in Luft aufgelöst.

Die Kurden, die das diplomatische Schachspiel viel besser beherrschen als die islamofaschistische Regierung der Türkei, kamen wieder zurück, mittlerweile nicht nur mit der Unterstützung der USA, sondern auch Russlands. Die Frage war nun nicht mehr, die kurdischen Kämpfer «hinter den Euphrat zu drängen», sondern sich nicht selbst bis hinter die eigenen Staatsgrenzen zurückdrängen zu lassen.

Am Ende war es für die Türkei nicht mehr möglich auf dem syrischen Boden zu bleiben. Am 29.März 2017 gab die türkische Regierung also den Rückzug bekannt. Entweder hatten ihre Bündnispartner von der NATO ihr klar gemacht, dass sie in Syrien andere Interessen verfolgen als die Türkei, oder die «versehentlichen» russischen Luftschläge auf türkische Stellungen haben ihre Wirkung getan. In der Regierungserklärung stand, die Operation sei erfolgreich verlaufen, eine weitere Militärpräsenz nicht mehr nötig.

Das einzige, was der türkischen Regierung jedoch gelungen zu sein scheint, ist die Befreiung eines gewissen Gebiets vom IS. Der IS ist aus dem Grenzgebiet zur Türkei wirklich und beinahe kampflos verschwunden. Die «Befreiung» der Stadt Dscharabulus ging dermaßen einfach, schnell, schmerz- und kampflos vor sich, dass Beobachter sogar mutmaßten, die IS-Kämpfer hätten sich nicht einmal zurückgezogen, sondern nur ihre Bärte geschnitten und sich unter die «gemäßigten» islamistischen Gruppen gemischt.

 

Die menschlichen Verluste

Nach offiziellen Angaben wurden während der gesamten Operation 71 türkische Soldaten getötet. Das mag wenig vorkommen, ist es aber nicht. Erstens ist das die offizielle Zahl, die Dunkelziffer muss weit höher sein; zweitens, selbst wenn wir diese Zahl als die tatsächlichen Verluste der Türkei annehmen, sind sie für eine NATO-Armee sehr hoch. Zum Beispiel betrugen die Verluste der Bundeswehr in Afghanistan von März 2002 bis Mai 2013, also in elf Jahren, insgesamt 50 getötete Soldaten.

Laut Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte liegt die Zahl der zivilen Opfer (teilweise Kinder) bei mindestens 540 Toten. Über die Verluste der anderen kämpfenden Parteien gibt es kaum Informationen. Laut Schätzungen liegen sie bei etwa 2300 Toten.

Um die Bärte der Islamisten zu rasieren, gab es für alle Beteiligten eine unangemessen große Verlustquote.

 

* Der Autor lebt seit 1986 in Deutschland. Er schreibt regelmäßig Artikel für die marxistische Zeitschrift RED aus Ankara und Science-fiction-Geschichten.


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