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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2017 |

Buchtipp – Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung

Köln: DuMont, 2014. 208 S., 18 Euro
von Manuel Kellner

Petra Hartlieb hatte, wie’s scheint, in Hamburg ein Leben wie ein Hund ohne Flöhe. Eine schöne Wohnung in einem angenehmen Stadtviertel, einen lieben und gut verdienenden Mann, einen Halbtagsjob, der ihr viel Zeit lässt für anderes, ihren Sohn und die gemeinsame kleine Tochter, die eine Kita besucht, wie man sie sich alternativer und besser nicht wünschen kann. Doch eines Tages brechen sie und ihr Mann über Nacht alle Zelte ab und übersiedeln nach Wien, um eine kleine Buchhandlung zu übernehmen, die geschlossen worden war und zum Verkauf steht.

Bloß hatten sie fünf Probleme: keine Wohnung, kein Geld, keine Ahnung von Vielem, keine Kita für die Kleine, und den noch minderjährigen Sohn, der lieber in Hamburg bleibt. Petra Hartlieb schildert, wie sie zusammen mit ihrem Mann Oliver (der löblicherweise ihren Nachnamen übernommen hatte) alle diese Probleme Zug um Zug angeht und in den Griff kriegt.

Ihr autobiografischer Roman von 2014, Meine wundervolle Buchhandlung, ist ein Bestseller, und ich stelle ihn hier vor, weil er ein Schlüssel ist für das Schaffen von Petra Hartlieb als Schriftstellerin, Buchexpertin und Buchhändlerin aus Leidenschaft. Es geht um alltägliche Vorgänge, und doch kann man das Buch nur in atemloser Spannung vom Anfang bis zum Ende lesen. Die Autorin versteht ihr Handwerk und braucht keine starken Reize oder Lockmittel um zu fesseln.

Sie ist ja auch Krimi-Autorin in Ko-Autorenschaft mit Claus-Ulrich Bielefeld. Am Rande der Frankfurter Buchmesse hatte sie den älteren Herrn kennengelernt und mit ihm die Schnapsidee entwickelt, gemeinsam Krimis zu schreiben, die in Wien und in Berlin spielen, mit einer Wiener Kommissarin und einem Berliner Kommissar (am Anfang gehen die recht rau miteinander um, aber man spürt: da ist emotionales Potenzial…). Das ganze wurde eine Erfolgsgeschichte und eine bis heute andauernde, wichtige und überaus produktive Freundschaft des Autorenduos. Der erste Roman der Reihe ist 2011 bei Diogenes erschienen und heißt Auf der Strecke. Ein Fall für Berlin und Wien. Drei Folgebände sind mittlerweile erschienen.

Der jüngste Roman von Petra Hartlieb heißt Ein Winter in Wien. Die Handlung spielt um das Jahr 1910. Eine zauberhafte und bezaubernde Wintergeschichte! Petra Hartlieb erzählt dort von einer «gnädigen Frau» und ihrer Familie aus dem Blickwinkel des Kindermädchens, das vom Lande in die Hauptstadt gekommen ist und seit seinem zwölften Lebensjahr von harter Arbeit gelebt hat. Im großbürgerlichen Hause, in dem sie jetzt dient, fühlt sich die junge Frau, die als Kind gehungert hat, wie im Paradies.

Aber zurück zur «Wundervollen Buchhandlung». Faszinierend, wie Petra Hartlieb immer wieder unerwartet Hilfe erhält für die Lösung der schier unlösbar scheinenden Probleme, die sich vor ihr und Oliver auftürmen. Aus Kundinnen und Kunden werden Stammkundinnen und -kunden und schließlich Freundinnen und Freunde. Das Geschäft läuft. Menschen werden angestellt. Die in der Buchhandlung arbeiten, werden bald zu einer Art großen Familie. Eine zweite Buchhandlung wird erworben, für französische und italienische Literatur. Ein Umbau ist fällig. Software muss her, um den Verwaltungsaufwand und das Rechnungswesen zu bewältigen. Die Software zickt natürlich gewaltig, und erst als – eine «Revolution» nennt das Petra Hartlieb – die beiden damit befassten «Nerds» in reality miteinander reden, wird das Problem gelöst.

Eingewoben in die Romanhandlung ist die Beziehungsgeschichte von Petra und Oliver. Petra Hartlieb zeichnet sie wie in Pastellfarben, mit zartsinniger Zurückhaltung. Oliver ist ein Mann der genauen Pläne und Zahlen. Wenn er Petra sagt: «Du, ich glaube wir sollten mal…», dann weiß sie, dass er alles schon genau ausgerechnet und die bunten Excel-Tabellen schon ausgedruckt hat. Sein nordischer Blick auf die Wiener Eigenheiten ist nicht von übertriebener Hochachtung angekränkelt. Man kennt jemand, der jemand kennt, der jemand kennt… so löst man hier Probleme, das gefällt ihm nicht sonderlich.

Der Alltag der beiden ist hart. Sie sehen einander kaum. Sie sind übernächtigt, haben oft Angst, etwas ganz Existenzielles in den Sand zu setzen. Natürlich gibt das Spannungen. Petra Hartlieb erzählt dann von einem Streit und deutet an, dass er recht herbe war – mir sackt das Herz in die Kniekehlen. Aber ich hab die beiden doch vor ein paar Wochen als Paar live und in Farbe zusammen gesehen? Alles gut…

Petra Hartlieb spricht zu unseren Herzen. Sie lehrt uns, die Bücher zu lieben, so, wie sie sie liebt. Eine Zeit lang dachte sie, der Feind der kleinen Traditionsbuchläden seien die großen Ketten. Sie zeigt aber, dass das nicht stimmt. Mit Büchern kann man keine großen Profite machen, und die großen Ketten treten deshalb behutsam den Rückzug an und erdrosseln sich ein Stück weit selbst mit ihren Sparorgien. Der Feind ist der elektronische Buchhandel. Der Feind ist Amazon…

Petra Hartlieb hat sich an die Spitze des Kampfes gegen die Krake gestellt. Sie führt diesen Kampf mit erbitterter Leidenschaft. In vielen Einzelgesprächen und in der öffentlichen Debatte. Viele Leute leben in dem Irrglauben, die Bücher seien bei Amazon billiger als anderswo. Petra Hartlieb klärt auf: Nein, wegen der Buchpreisbindung kosten die Bücher überall haargenau dasselbe. Sie sind auch nicht schneller da, als wenn man sie in einer kleinen Buchhandlung bestellt.

Diese Kämpferin kann uns zum Nachdenken bringen und darüber hinaus herausragend gut unterhalten. Nun gilt es, liebe Leserin, lieber Leser, sie zu googeln, sich zu informieren und ihre Bücher zu bestellen – aber pronto! Der Mensch lebt nur einmal, und das nicht mal ewig. Die Buchhandlung von Petra und Oliver Hartlieb hat übrigens eine wunderschöne Webseite…

www.hartliebs.at


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