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Dunkle Wolken über Asien

In der am meisten exportgetriebenen Region der Welt verlangsamt sich das Exportwachstum
von Martin Hart-Landsberg*

Der Aufstieg Chinas in der Weltwirtschaft hat deren Gesicht verändert. Zwar konzentriert sich der größte Reichtum immer noch in den USA, US-Konzerne dominieren die internationale Wirtschaft, nehmen in allen Wirtschaftssektoren Spitzenpositionen ein. Doch den größten Beitrag zum weltweiten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liefert inzwischen China. Und China stützt sich dabei auf ein über ganz Ostasien gespanntes Netz arbeitsteiliger Produktion.

Es besteht Anlass zu der Annahme, dass in den kommenden Jahren eine weitere Abschwächung der Weltwirtschaft eintreten wird. Sie wird nicht ohne Rückwirkungen auf die Schwellenländer in Asien bleiben, die zumindest in diesem Jahrhundert der Motor der Weltwirtschaft waren.

Asiens zentrale Rolle in der Weltwirtschaft ist offenkundig. Die asiatische Entwicklungsbank stellt fest: «Sieht man einmal von möglichen, widrigen Entwicklungen der Weltwirtschaft ab, wird das industrialisierte Asiens weiterhin 60 Prozent zum Weltwirtschaftswachstum beitragen.»

In Asien wiederum nimmt China eine Schüsselposition ein. China leistete im Jahr 2016 mit fast 40 Prozent den größten Beitrag zum globalen Wirtschaftswachstum. Stephen Roach, ehemaliger Vorsitzender von Morgan Stanley Asia, schätzt, dass Chinas Beitrag um 50 Prozent höher lag als der aller fortgeschrittenen kapitalistischen Volkswirtschaften zusammengenommen.

 

China: nicht nur Werkbank, auch Drehscheibe

Der Aufstieg Asiens und insbesondere Chinas ist eng mit der Strategie transnationaler Konzerne verknüpft, grenzüberschreitende Produktionsnetze, sogenannte globale Wertschöpfungsketten (GWKs), zu schaffen, deren Zentrum in Asien liegt. Nach Ansicht der asiatischen Entwicklungsbank beinhalten diese Produktionsnetze die «Aufteilung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen in verknüpften Produktionsstufen, die über internationale Grenzen hinweg verteilt sind … Noch nie in der Geschichte gab es ein so rasantes Wachstum der Ausdehnung und Komplexität dieser GWKs wie seit den späten 1980er Jahren.»

Die Strategie der international arbeitsteiligen Produktion wurde zuerst von japanischen transnationalen Konzernen entwickelt, Ende der 80er Jahre verlagerten sie Segmente ihrer jeweiligen Produktionsprozesse aus Japan weg in asiatische industrielle Schwellenländer. US-amerikanische und europäische Firmen folgten alsbald dem japanischen Beispiel. Der Prozess gewann Mitte bis Ende der 90er Jahre an Fahrt, als China sich ausländischen Investitionen gegenüber öffnete und eine exportorientierte Wachstumsstrategie zu verfolgen begann.

In Asien bildete sich infolgedessen eine hocheffiziente, regional integrierte Exportmaschinerie heraus, wobei China als Werkbank der Region fungierte. Die anderen entwickelten asiatischen Volkswirtschaften wurden immer stärker integraler Teil dieser asiatischen Produktion von Industriegütern für den Export, ihr Anteil an der weltweiten Industrieausfuhr stieg im Zeitraum 1992/93–2011/12 von 18,4 auf 32,5 Prozent.

Im Rahmen der regionalen grenzüberschreitenden Produktion produzieren Länder wie Südkorea, Taiwan, Singapur oder die Philippinen unter der Regie der transnationalen Konzerne mit hochmoderner Technologie überwiegend Einzelteile und Komponenten, die oft mehrmals innerhalb der Region hin und her verschickt werden, bevor sie zur Endmontage in China landen.

China ist für fast alle asiatischen Schwellenländer das wichtigste Zielland ihrer Exporte geworden, wobei die Mehrheit dieser Exporte auf Teile und Komponenten von fortgeschrittener Elektronik entfällt. Zwischen 1995 und 2014 stieg der Anteil der Exporte von Elektronikteilen für die Endmontage in China für Südkorea von 8,5 auf 32,2 Prozent, für Taiwan von 9,1 auf 63,7 Prozent, für Singapur von 17,5 auf 36,8 Prozent, für die Philippinen von 3,4 auf 78,3 Prozent.

Dagegen bestehen die Exporte Chinas in den asiatischen Raum und in andere Weltregionen überwiegend aus Endprodukten, die unter der Regie transnationaler Konzerne und unter Einsatz fortgeschrittener Technologie hergestellt werden. Deshalb ist China das wichtigste Ziel von Auslandsinvestitionen transnationaler Konzerne aus Japan, Südkorea, Taiwan und aus dem nichtasiatischen Raum.

 

Der schuldengetriebene Konsum

Die Triebkraft von Asiens Wachstum ist die steigende Nachfrage von Konsumenten und Einzelhandelskonzernen aus Europa und den USA. Dieser Bedarf an Konsumgütern hat sowohl die Wirtschaft in China (wo deren Endmontage stattfindet) als auch in den asiatischen «emerging economies» (wo die erforderlichen Teile und Komponenten hergestellt werden) beflügelt. Auch die massiven Investitionen in neue Fabriken und Infrastruktur in China sind darauf zurückzuführen.

Die massive Ausweitung der ostasiatischen Exportproduktion hat außerdem erhebliche Einfuhren von Primär­gütern erforderlich gemacht. Diese Rohstoffe werden überwiegend in den Ländern Lateinamerikas und in Afrika südlich der Sahara gekauft und haben in diesen Ländern einen Rohstoffboom und damit einen beträchtlichen Wachstumsschub ausgelöst.

Es ist allgemein bekannt, dass die steigende Nachfrage nach Konsumgütern in den entwickelten Industriestaaten nicht durch steigende Einkommen der Arbeiterhaushalte angetrieben wird. Das Gegenteil trifft zu, insbesondere für die USA. Hier sind im oben genannten Zeitraum wegen der Verlagerung der Produktion nach Asien viele gut bezahlte Arbeitsplätze verloren gegangen und die Einkommen der Lohnabhängigen sind gesunken. Die Kaufkraft für die Konsumgüter aus Asien entstand dadurch, dass der Masse der arbeitenden Menschen in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt die Möglichkeiten, einen Kredit aufzunehmen, beträchtlich erleichtert wurden.

Man kann sagen: Die eigentliche Triebkraft der gestiegenen Nachfrage nach Konsumgütern in den USA (und Europa) ist die immer tiefere Verschuldung der Privathaushalte. Die schuldengetriebene Immobilienblase löste in den USA im Jahr 2008 neben einer großen Finanzkrise auch eine globale Rezession aus, die wiederum den internationalen Handel stark in Mitleidenschaft zog. Ab 2010 folgte auf internationaler Ebene eine schwache wirtschaftliche Erholung, der internationale Handel und das Wachstum sind aber weit unter dem Vorkrisenniveau geblieben und werfen damit auch Fragen hinsichtlich der zukünftigen wirtschaftlichen Perspektiven für Asiens auf.

 

Die Dynamik der Transformation

1995, als die länderübergreifenden Produktionsnetze in Asien bei weitem noch nicht so ausgeprägt waren wie heute, dominierte Japan die asiatische Region. Japan war der wichtigste Exporteur in Richtung USA, EU, Großbritannien und China. Und es war ein bedeutender Lieferant von Schlüsseltechnologie nach Südkorea, Taiwan, Hongkong, Singapur, Thailand und Malaysia. Zu diesem Zeitpunkt stand China erst ganz am Anfang jener Entwicklung, die es schließlich zum wichtigsten Exporteur von Endgütern in die USA machte.

2005 hatte Japan in der Region dramatisch an Bedeutung verloren. China war jetzt der Dreh- und Angelpunkt, es war nun der dominierende Exporteur von Fertigwaren in die USA, die Eurozone, Hongkong und in den Rest der Welt. Die Volkswirtschaften von Südkorea und Taiwan hatten ebenfalls einen Strukturwandel durchlaufen und waren jetzt zunehmend auf die Bereitstellung von Teilen und Komponenten für die in China ansässigen Exporteure ausgerichtet.

Bis 2014 ist Chinas Exportdominanz ständig größer geworden, Südkorea und Taiwan sind noch stärker vom Verkauf von Teilen und Komponenten nach China abhängig. Auch andere ASEAN-Länder liefern inzwischen Elektronikbauteile nach China. Vietnam, das sehr eng mit südkoreanischen Produktionsnetzen verknüpft ist, ist zu einem wichtigen Montage- und Exportland für einige Produkte der Unterhaltungselektronik wie Smartphones aufgestiegen.

Die Herausbildung solcher transnationalen, regionalen Produktionsnetze in Asien haben Auswirkungen auf die Struktur und die Stabilität der Volkswirtschaften der einzelnen Länder mit spürbaren Folgen für die Arbeits- und Lebensbedingungen der asiatischen Lohnabhängigen.

Eine Folge von Chinas Aufstieg ist, dass führende Firmen in anderen asiatischen Ländern ihre inländische Investitionstätigkeit deutlich reduziert haben, um sie nach China zu verlagern. Entsprechend ist in einigen dieser Länder zumindest eine teilweise De-Industrialisierung festzustellen. Demgegenüber verzeichnet China einen rasanten und anhaltenden Anstieg der Investitionsraten. Allerdings gehen diese Investitionen zumeist nicht auf das Konto von ausländischen Direktinvestitionen, sondern sind eine Folge der Investitionstätigkeit des chinesischen Staates.

 

Steigende Krisenanfälligkeit

Die Umstellung der Produktionsnetze der führenden asiatischen transnationalen Konzerne hat für die Ökonomien ihrer jeweilige Heimatländer Konsequenzen, sie werden unausgewogener, fragiler und krisenanfälliger. Dadurch, dass sich ihre Exportpalette auf eine immer kleinere Palette von Teilen und Komponenten verengt, stieg ihre Abhängigkeit. Dadurch, dass es für die transnationalen Konzerne zunehmend einfacher wird, die Produktion von einem nationalen Standort zum anderen zu verlagern, wird der Druck der in China üblichen Niedriglöhne auf diese Volkswirtschaften immer stärker. Um mit Chinas relativ niedrigen Arbeitskosten mithalten zu können, sehen sich viele genötigt, ihrerseits die Arbeitsgesetze zulasten der Beschäftigten zu verändern und die Arbeitskosten zu senken. Das wiederum wirkt sich negativ auf die Massenkaufkraft in diesen Ländern aus – und verstärkt abermals deren Exportabhängigkeit.

Nach der großen Rezession von 2008 ist es aber in den asiatischen Volkswirtschaften zu einem starken Rückgang des Exportwachstums gekommen. Zwischen 2000 und 2010 sind die Exporte noch jährlich um 11,2 Prozent gestiegen, zwischen 2011 und 2015 nur noch um 4,7 Prozent. 2015 gingen sie sogar um 0,8 Prozent zurück.

Das war eine Folge des Rückgangs der Exporte Chinas. Deren Zuwächse verlangsamten sich ebenfalls: von 18,3 Prozent in den Jahren 2001–2010 auf 6,4 Prozent in den Jahren 2011–2015. (Der Anteil der chinesischen Exporte an den Gesamtexporten der Region beträgt 40 Prozent.) Das hat dazu geführt, dass das Exportwachstum der asiatischen Tiger zwischen 2011 und 2015 mit 4,1 Prozent lediglich ähnlich hoch lag wie das der anderen Entwicklungsländer (4,3 Prozent) und nur noch geringfügig über dem Exportwachstum der entwickelten Industriestaaten (3,6 Prozent) liegt.

Angesichts dieser Entwicklung häufen sich die Stimmen, die meinen, dass den asiatischen Ländern große Erschütterungen bevorstehen und ihre bisherige Wachstumsstrategie ernsthaft in Frage gestellt ist.

 

* Martin Hart-Landsberg ist lehrt Ökonomie in Portland (USA). Auf  seinem Blog «Reports from the Economic Front» schreibt er regelmäßig über die globalisierte Wirtschaft.


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