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Diamonds are not forever

Botswanas fragwürdiger Reichtum
von Klaus Engert

Botswana, der Binnenstaat mit Grenzen zu Südafrika, Zimbabwe, Namibia und Zambia, ist ein Paradebeispiel für die positiven wie für die negativen Seiten des Rohstoffreichtums des afrikanischen Kontinents.

Botswana ist mit einer Bevölkerung von nur 2,024 Millionen, das sind knapp 3 Einwohner pro Quadratkilometer, sehr dünn besiedelt. Es nimmt im subsaharischen Afrika eine Ausnahmestellung ein und gilt als Vorzeigestaat: Die Währung, der Pula, ist seit langem stabil, und die Kreditwürdigkeit ist die höchste Afrikas. Mit einem durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 6972 Dollar pro Person und 17042 Dollar nach Kaufkraftparität liegt es weltweit an 83. bzw. 76.?Stelle.

Das Wirtschaftswachstum lag bis 2003 bei +9 Prozent, dann vor der Krise 2009 bei +5 Prozent, nach dem Einbruch 2009 rutschte es auf –12 Prozent und erholte sich wieder, bis auf einen kleineren Einbruch 2015, es dürfte 2017 ungefähr +4 Prozent betragen.

Auch im Korruptionswahrnehmungssindex, bei der der Wert 100 die geringste Wahrnehmung von Korruption anzeigt und somit das bestmögliche Ergebnis ist, liegt das Land in Afrika an der Spitze und mit Platz 35 noch weit vor europäischen Ländern wie etwa Spanien, Litauen oder der Tschechi­schen Republik. Zudem hat die Regierung viel in Bildung investiert, die Schulbesuchsraten liegen sowohl in der Primar- wie in der Sekundarschule bei über 90 Prozent.

Aber der Verlauf der Wirtschaftsentwicklung zeigt deutlich die Abhängigkeit vom internationalen Finanzmarkt. Der Grund liegt in der Wirtschaftsstruktur des Landes. Botswana ist fast ausschließlich von zwei Luxusprodukten abhängig – vom Tourismus und vom Bergbau, in erster Linie der Diamantenproduktion, daneben auch Steinkohle und verschiedene Erze. Das in Staatseigentum befindliche größte Kupfer- und Nickelbergbauunternehmen musste allerdings kürzlich Konkurs anmelden.

Die Diamantenförderung macht mindestens 70 Prozent (nach anderen Quellen bis zu 85 Prozent) der Exporterlöse und über 30 Prozent der Staatseinnahmen aus, ihr Anteil am BIP ist allerdings auf 20 Prozent zurückgegangen. Der Tourismus trägt mit 15 Prozent zum BIP bei, es handelt sich hauptsächlich um Hochpreistourismus. Die Agrarproduktion ist mit 2–3 Prozent des BIP marginal und dient fast ausschließlich der Subsistenz.

Botswanas «Glück» bestand darin, dass die Diamantenvorkommen erst nach der Unabhängigkeit entdeckt wurden und deshalb von Anfang an unter staatlicher Regie abgebaut wurden. Allerdings verdienen die ausländischen Multis immer zu 50 Prozent mit: Botswana ist hinter Russland immer noch der zweitgrößte Diamantenproduzent der Welt, eventuell demnächst auch (wieder) der größte, denn im Jahre 2014 wurde eine neue große Mine in Betrieb genommen.

Die bisherigen Minen werden alle von DEBSWANA betrieben, einem Joint Venture zwischen dem Diamantenriesen DeBeers und dem botswanischen Staat, die neue Ghaghoo Diamond Mine ebenfalls als Joint Venture mit der englischen Gruppe Gem Diamonds. Weltmarktführer DeBeers hat aufgrund der Tatsache, dass es seine Geschäfte zum größten Teil in Botswana macht, große Teile seiner internationalen Aktivitäten vor kurzem in die botswanische Hauptstadt Gaborone verlegt.

 

Die Kehrseite

Trotz dieser innerhalb Afrikas einmalig günstigen Wirtschaftssituation und -entwicklung ist nicht alles Diamant, was glänzt. Die oben aufgeführten Zahlen haben mit der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung Botswanas wenig zu tun: Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 20 Prozent (de facto höher), im Human Development Index liegt das Land zwar im Mittelfeld auf Platz 108 (von 188 Staaten), aber die Armut ist hoch.

Das zeigt u.a. der sog. Gini-Koeffizient, der ein Maß für die Ungleichverteilung von Reichtum ist: Danach liegt Botswana laut den Zahlen der Weltbank von 2015 hinter Südafrika und Namibia an dritter Stelle, was die Ungerechtigkeit der Verteilung betrifft – ein Beleg dafür, dass der größte Teil des Reichtums bei einer kleinen besitzenden Schicht (und den internationalen Investoren) landet.

In negativem Sinne betroffen vom Diamantenrausch sind in erster Linie die botswanischen Khoisan – dieser Name ist eine Sammelbezeichnung für die sog. Buschmänner im südlichen Afrika, die eine eigene Sprachfamilie bilden –, sie stellen eine kleine Minderheit im Land. Die neue, 2014 eröffnete Diamantmine liegt in einem ihrer Siedlungsgebiete, eigentlich einem Schutzgebiet. Die Khoisan werden seit Jahrzehnten diskriminiert und unter Ignorierung anderslautender Gerichtsurteile systematisch aus ihren angestammten Gebieten, im wesentlichen die Kalahari-Halbwüste, vertrieben.

Und das Land hat noch ein anderes großes Problem: Bei der Durchseuchung mit HIV lag Botswana 2015 mit 25 Prozent bei den 15- bis 49jährigen hinter Swaziland weltweit an zweiter Stelle. Dementsprechend ist die durchschnittliche Lebenserwartung zwischen 1985 und 2005 von 62,5 Jahren auf 49 Jahre gesunken, erst seit die Regierung entsprechende Programme auflegte, kostenlose antivirale Medikamente verteilte und verstärkt ins Gesundheitswesen investierte, steigt sie wieder und liegt jetzt etwa so hoch wie bei Beginn der Epidemie.

Auch die Umweltpolitik ist ein Problem. Botswana wollte bis 2016 eine annähernd flächendeckende Elektrizitätsversorgung gewährleisten. Das gelang nicht ganz, trotzdem wurden große Fortschritte gemacht. Aber der Strom, von dem etwa die Hälfte selbst erzeugt wird (der Rest wird aus Südafrika importiert) kommt ausschließlich aus mit der eigenen Steinkohle betriebenen Kraftwerken. Investitionen in regenerative Energie finden bisher kaum statt, obwohl das Land mit 3200 Sonnenstunden im Jahr eines der sonnenreichsten Länder der Erde ist.

«Diamonds are forever» – der Titelsong des siebten James-Bond-Films von 1971 trifft auf Botswana leider nicht zu. Irgendwann ist es mit dem zweifelhaften Segen vorbei, und da es keinen Staatsfonds (wie etwa in Norwegen in Bezug auf die Öleinnahmen) gibt und auch kein Plan existiert, wie es danach weitergehen soll, ist die Zukunft des angeblichen Vorzeigelands Afrikas ebenso ungewiss und gefährdet, wie die der ausschließlich vom schwarzen Gold lebenden Ökonomien Afrikas.


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