Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2017 > 10 > Profite-pflegen-keine-menschen

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2017 |

Profite pflegen keine Menschen

Hamburger Bündnis für mehr Pflegepersonal im Krankenhaus geht in die Offensive
von Christian Haasen*

Eine ordentliche Pflege im Krankenhaus geht alle an. Ein Hamburger Bündnis sammelt jetzt Betroffene aus den verschiedensten Bereichen und geht an die Öffentlichkeit (www.pflegenotstand-hamburg.de).

Nach Schätzungen des bundesweiten Aktionsbündnisses Patientensicherheit sterben in 0,1 Prozent der Krankenhausfälle Patientinnen und Patienten durch vermeidbare Fehler. Dabei spielt der Personalmangel eine zunehmende Rolle. Im Zeitraum 1995–2015 wurden über 30300 Pflegekräfte (Vollzeitstellen) in Deutschlands Krankenhäusern abgebaut, das macht ein Minus von 8,7 Prozent.

In der gleichen Zeit ist die Belastung der Pflegekräfte, gemessen an der Zahl der zu versorgenden PatientInnen, um fast ein Drittel gestiegen. Die zuständige Gewerkschaft Ver.di stellte 2013 fest, dass in diesem Bereich bundesweit 162000 Vollzeitstellen fehlen, das sind für Hamburg 4200.

Die Ursachen hängen eng mit den Privatisierungen zusammen, von denen insbesondere Hamburger ein Lied singen können. 2004 wurden die öffentlichen Krankenhäuser gegen den Willen der Mehrheit der Wähler für ein Butterbrot verkauft. Unter den Folgen dieser politischen Entscheidung leiden wir heute. Und obwohl die Krankenhäuser im Besitz privater Klinikkonzerne sind, bekommen sie jedes Jahr Hunderte Millionen aus dem Stadtsäckel für Investitionskosten. Dafür weisen die Quartalsberichte dann auch regelmäßig hübsche Gewinne aus. Welchen Anteil der Einnahmen die Krankenhausträger für Personal ausgeben, bleibt im Rahmen der unternehmerischen Freiheit ganz ihnen selber überlassen.

Wissenschaftliche Studien zeigen, was wenig überrascht: Je geringer die Zahl der Pflegekräfte und umso unzureichender ihr Ausbildung, desto größer ist das Risiko, als Patientin einen Schaden davonzutragen. Das ist gut untersucht und belegt z.B. für das Risiko, sich im Krankenhaus einen Harnwegsinfekt, eine Lungenentzündung oder eine Wundinfektion zu holen oder gar in der Zeit bis zu 30 Tagen nach der Aufnahme im Krankenhaus zu sterben.

Berichte von Pflegekräften untermalen diese dürren Zahlen anschaulich. Oft ist für die eigentliche Pflege keine Zeit mehr, teilweise kann nicht mal mehr das Lebensnotwendige getan werden.

Angesichts dessen sind die Pflegeförderprogramme der Bundesregierung ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie bringen pro Krankenhaus vielleicht drei bis fünf Pflegekräfte mehr. Das reicht nicht einmal, um die schlimmste Not zu lindern. Pflegende sind am Ende ihrer Kräfte.

Im Rahmen der nun anlaufenden bundesweiten Aktionen für mehr Personal in Krankenhäusern hat sich – wie auch schon in Berlin und nun auch in anderen Städten – in Hamburg ein Bürgerbündnis gebildet: Wir sind Verbände, die die Interessen von PatientInnen und Beschäftigten vertreten, wir sind Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen mit verschiedenen Auffassungen zu gesundheitspolitischen Fragen, aber einig in der Überzeugung, dass dringend gehandelt werden muss. Dazu gehören auch der Ver.di Landesbezirk Hamburg und verschiedene Ver.di Vertrauensleute und Betriebsgruppen von Krankenhäusern.

 

Zeit zu handeln

Das Bündnis hat sich im April 2017 konstituiert und trifft sich regelmäßig, um Aktivitäten für mehr Personal in Krankenhäusern zu entwickeln. So wurde der sog. «Tag der Pflege» in den «Tag des Pflegenotstands» umgemünzt, um eine erste Aktion zu stemmen: eine eineinhalbstündige öffentliche Kundgebung vor dem Bahnhof Altona mit Beiträgen von Pflegenden, mehreren Patienten, der Gewerkschaft Ver.di, der Verbraucherzentrale und einer extra für diesen Anlass gegründeten Musikgruppe namens «Nurse­quake». Es versammelten sich mehrere hundert Personen, viele ehemalige Patienten berichteten über unerträgliche Bedingungen in den Krankenhäusern und zeigten Verständnis für mögliche Streiks für mehr Personal in Krankenhäusern. Die daraus etwas verfälscht entstandene Überschrift im Hamburger Abendblatt. «Hamburger Pflegebündnis droht mit Streik». nötigte einige Ver.di-Verantwortliche zur Aussage, es könnten schließlich nur sie einen Streik ausrufen.

Die derzeit laufenden Aktionstage von Ver.di in den Krankenhäusern, z.B. die Händedesinfektionsaktion am 12.September, werden vom Bündnis unterstützt: Auch in Hamburg machen Pflegekräfte darauf aufmerksam, dass ausreichende Hygiene nur mit genug Personal machbar ist.

«Seite an Seite für mehr Personal im Krankenhaus»: Für den 21.September um 18 Uhr hat das Hamburger Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus zu einer Demonstration aufgerufen – im Einklang mit Demonstrationen und Kundgebungen an verschiedenen Orten in Deutschland.

Das Bündnis verlangt von der Politik gesetzliche Vorgaben für eine Mindestausstattung mit Personal – der Hamburger Senat soll dies im Landeskrankenhausplan festschreiben. Das Bündnis ruft alle auf, sich gemeinsam für klare gesetzliche Vorgaben für Personalbemessung und Qualifizierung im Krankenhaus einzusetzen.

 

* Der Autor ist im Bündnis als Vertreter des Vereins Demokratischer Ärztinnen & Ärzte (VDÄÄ).


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.