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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2017 |

100 Jahre russische Revolution, Teil 8

Ein schwieriges, aber wichtiges Erbe
von Manuel Kellner

Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte hat viele spätere antikapitalistische Bewegungen inspiriert. Die bürokratische Diktatur diskreditierte jedoch die sozialistische Idee. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt hundert Jahre nach der Oktoberrevolution?*

 

Die Oktoberrevolution 1917 in Russland war keineswegs der Putsch einer kleinen Minderheit, sondern ein Aufstand. Er stützte sich auf die Mehrheit der in Räten organisierten Arbeiterklasse der großen Städte und der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung. Damals ging es nicht um die Alternative «bürgerlich-parlamentarische Demokratie» oder «bolschewistische Diktatur». Es ging um die Alternative «brutale Militärdiktatur und Fortsetzung des Kriegs» oder «alle Macht den Sowjets (Räten)». Die «gemäßigten» sozialistischen Kräfte (Sozialrevolutionäre und Menschewiki) unterstützten die bürgerliche Provisorische Regierung, die um jeden Preis den Krieg fortsetzen wollte. Diese weigerte sich, soziale Reformen durchzuführen (Brot, Achtstundentag, Arbeiterkontrolle). Sie lehnte es ab, den Bauern Land und den Nationalitäten Selbstbestimmung zu geben. Die Bolschewiki leisteten – obwohl sie seit den Juliereignissen unterdrückt worden waren – entscheidende Hilfe bei der Niederschlagung des Kornilow-Putschs. Danach errangen sie innerhalb weniger Wochen die politische Hegemonie.

Im August 1917, wenige Monate vor der Revolution, schrieb Lenin Staat und Revolution. Er rekonstruierte die Position von Marx und Engels zur Frage des Staates aufgrund von deren Verarbeitung der Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871. Lenin vertrat ein radikaldemokratisches Konzept: An die Stelle des alten Staatsapparats sollte ein Staat vom Typ der Pariser Kommune treten (die «Diktatur des Proletariats»), der von Anfang an den Keim des Absterbens von Staatlichkeit überhaupt in sich trage. In dieser Tradition sah sich auch die junge Sowjetrepublik.

Schon bald nach dem Sturz der Regierung Kerenski musste die Sowjetregierung jedoch ganz andere Maßnahmen ergreifen. Der Bürgerkrieg forderte Requisitionen von Lebensmitteln auf dem Land («Kriegskommunismus») und die Unterdrückung derjenigen, die die Gegenseite unterstützten (auch, wenn sie sich sozialistisch nannten). 1920 war der Bürgerkrieg vorbei, und doch beschlossen die Bolschewiki auf ihrem X.Parteitag neben der (überfälligen) begrenzten Liberalisierung des Handels (Neue Ökonomische Politik) das Verbot der übrigen Sowjetparteien und das Verbot der Fraktionen in der eigenen Partei.

Die Bolschewiki fassten die russische Revolution als Auftakt zur sozialistischen Weltrevolution auf, zur Revolution in den entwickelten Industrieländern. Bekanntlich kam eine mächtige revolutionäre Welle über Europa, die aber nicht zu sozialistischen Revolutionen führte. So entwickelte sich in der isolierten Sowjetrepublik die Bürokratenherrschaft, die letztlich die Rätedemokratie vollends erwürgte.

Die Sowjetunion ist im Dezember 1991 endgültig untergegangen, doch das Erbe der Oktoberrevolution bleibt ein wichtiger Bestandteil des Kampfes für eine sozialistische Demokratie des 21.Jahrhunderts. Vor allem die Selbstorganisation von unten, die zum Aufbau alternativer Staatsmachtorgane führt, der konsequente Internationalismus und eine revolutionäre Partei, die in Räten die Mehrheit erobert, bleiben auch in der Gegenwart latente Möglichkeiten. Das emanzipatorische Projekt der globalen sozialistischen Revolution des 21.Jahrhunderts wird sich neben früheren und späteren Erfahrungen nicht zuletzt auch auf das Erbe der Oktoberrevolution und der jungen Sowjetrepublik beziehen.

Auch heute gibt es genügend schreiende Widersprüche und bedrängende Probleme – die wachsende Kluft zwischen arm und reich, die immer mehr zunehmende Konzentration des Kapitals, die Unterwerfung von immer mehr Bereichen der Gesellschaft und der Erde unter die Profitwirtschaft des Kapitals, die rasante Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen –, die zu Widerstand und großen Massenbewegungen führen. Erst bei einem hohen Grad selbstbestimmter kollektiver Aktivität können breite Massen revolutionäres Bewusstsein entwickeln. Entscheidend ist, dass in solchen Bewegungen demokratische und repräsentative Organe der Gegenmacht entstehen.

Damit eine solche Gegenmacht sich gegen die im Dienst des Kapitals stehende Staatsmacht durchsetzt, bedarf es einer unter den Beschäftigten und Unterdrückten verankerten revolutionären politischen Kraft oder Partei, die Mehrheiten für die Errichtung einer sozialistischen Demokratie erringt.

Der Aufbau einer Alternative zur herrschenden kapitalistischen Klassengesellschaft und ihrem umfassenden Zerstörungswerk ist nur global möglich, wenn er auch in den einzelnen Ländern und Weltregionen beginnt. Doch alles, was in einzelnen Ländern oder Teilen der Welt im Interesse der Ausgebeuteten und Unterdrückten errungen werden kann, ist nur der Anfang eines Prozesses, der zu einer klassenlosen, von Ausbeutung und Unterdrückung freien Gesellschaft nur im Weltmaßstab führt. Nur eine solche Gesellschaft kann die freie Entfaltung aller Menschen und eine verantwortliche und zukunftsfähige Regelung des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur sichern.

 

* Teil 7 zeigte, dass die Oktoberrevolution kein Putsch war, sondern ein Aufstand. Mit dem vorliegenden Teil endet unsere Serie.


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