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Die Bolschewiki

Partei einer Klasse, die sich verflüchtigt
von David Mandel

Wie konnte es kommt, dass so kurz nach Eroberung der politischen Macht durch die Räte diese ersetzt wurden durch das Regime der Kommunistischen Partei? Das ist die immer noch virulente Frage im Zusammenhang mit der Oktoberrevolution.

David Mandel hat sich damit in mehreren Aufsätzen beschäftigt, aus einem davon stammt der nachstehende Auszug.*

Im Jahr nach dem Oktoberaufstand verschwand in der Hauptstadt Petrograd die bolschewistische Organisation. Die politisch aktiven Arbeiter – die meisten von ihnen waren Mitglieder der bolschewistischen Partei – fühlten die Pflicht, in den Sowjets, in den wirtschaftlichen Verwaltungsorganen und für den Aufbau der Roten Armee zu arbeiten, nachdem das Volk die Macht ergriffen hatte.

Konstantin Schelawin, in dieser Zeit ein Mitglied des Komitees der Bolschewiki von Petrograd, hat das bezeugt:

«Eine Reihe von verantwortlichen, hoch qualifizierten Genossen, die durch die Schule der Illegalität gegangen waren, wurden von diesem höchst ‹sowjetischen› Geist infiziert, nicht zu reden von der jüngeren Generation. Selbst wenn diese Genossen nicht klar ausdrückten, was sie dachten, hatten sie doch eine gewisse Schwierigkeit sich vorzustellen, was den Parteiorganisationen nach dem Sieg des Proletariats zu tun übrig bliebe. Einige dachten, ihnen blieben zumindest Aufgaben der Agitation und Propaganda. Doch auch sie fühlten, dass die wirklich wichtige Aktivität die sei, etwa die Gebietssowjets der Volkswirtschaft zu organisieren, und gewiss nicht, das Gebietskomitee der Partei zu ‹befruchten›. Alles um sie herum wurde durchgerüttelt, das Alte wurde zerstört und das Neue aufgebaut; die Sabotage musste bekämpft werden; die ersten Kräfte des neuen Sowjetstaats wurden rekrutiert; die Bezirke wurden wie unabhängige Republiken mit eigenen Kommissaren für Arbeit, Bildung usw. organisiert; die besten Kräfte der Partei wurden in diesen Wirbelwind des Aufbaus geworfen.»

So verhalten sich nicht Mitglieder einer Partei, die eine totalitäre Herrschaft errichten möchte. Die Versuchung ist immer groß, die Geschichte von hinten zu lesen, in diesem Fall vom totalitären Regime Stalins zur Oktoberrevolution oder vielleicht sogar bis hin zu Lenins Broschüre Was tun? von 1902. Der Stalinismus ist natürlich nicht vom Himmel gefallen, sondern aus den ihm vorangehenden gesellschaftlichen und politischen Bedingungen entstanden. Wenn aber die Kommunistische Partei schon im Bürgerkrieg die Räte als wirkliches Zentrum der Macht ersetzt hatte, dann sollte die Erklärung dafür in den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen dieser Periode gesucht werden, und nicht in einer Art ideologisches Erbgut der Bolschewiki.

 

Überlieferte Interessen

Victor Serge, eine belgischer Anarchist, der 1919 in Petrograd eintraf und schnell ein Anhänger der sowjetischen Regierung wurde (nach dem Bürgerkrieg war er in den 20er Jahren in der Linken Opposition gegen den aufkommenden Stalinismus aktiv), schrieb 1920 einem anarchistischen Genossen seines Landes: «Die Unterdrückung der sogenannten Freiheiten; die notfalls von Terror gestützte Diktatur; die Schaffung einer Armee; die Zentralisierung der Industrie, der Requisition von Lebensmitteln und der Verwaltung … für Kriegszwecke und schließlich die Diktatur einer Partei. In dieser furchtbaren Kette von Notwendigkeiten gibt es kein einziges Glied, das nicht gebieterisch von dem vorherigen Glied bedingt wäre und nicht seinerseits das folgende Glied bedingen würde.»

Serge erkannte, dass ein solcher Staat, obgleich gerechtfertigt durch das Ziel, die Revolution zu retten, mächtige überlieferte Interessen konservieren könnte, die ihn aufrechterhalten wollen, auch wenn die Gefahr der Konterrevolution vorbei sein würde. Seine Antwort war ein Aufruf zu Wachsamkeit, und er drückte die Hoffnung aus, dass der revolutionäre Kampf in den entwickelteren Ländern nicht so schwer werden würde wie in Russland, das schon vom Weltkrieg zerrüttet worden war – insbesondere, wenn sich die nachkommenden Revolutionen auf einen konsolidierten russischen revolutionären Staat stützen könnten. Zugleich erkannte er, dass in dem vielleicht kommenden Kampf gegen die Macht der Bürokratie «die Kommunisten auf zutiefst revolutionäre Aktivität angewiesen sein werden, die langandauernd und schwierig sein wird».

Was Serge [und manche Arbeiter, die David Mandel zitiert] fürchteten, nämlich den Verlust der Kontrolle über ihren Staat, ist geschehen. Aber als die Zeit dafür reif war, eine neue Revolution zu machen, hatte die Arbeiterklasse, die schon drei Revolutionen hinter sich hatte, nicht mehr die Kraft dazu. Der entscheidende Faktor für die Entwicklung der Sowjetmacht zum Autoritarismus war die Auflösung der Arbeiterklasse nach der Oktoberrevolution, überraschenderweise erfolgte sie schon wenige Monate nach dem Aufstand. In den 25 Jahren davor war die städtische Arbeiterklasse die Vorhut des Kampfes für Demokratie in Russland gewesen. Nicht lange nach dem Oktober hatte sie faktisch aufgehört, eine unabhängige politische Kraft zu sein. Die Kommunistische Partei beanspruchte, die Arbeiterklasse zu vertreten. Und zumindest in den ersten Jahren hatte sie deren beste Elemente in ihren Reihen. Aber die Partei konnte die Arbeiterklasse in ihrer Rolle als aktive gesellschaftlich-politische Kraft, die fähig wäre, den von ihr selbst ins Leben gerufenen Staat zu kontrollieren, nicht ersetzen.

 

* Der Autor ist Spezialist für die Geschichte der Sowjetunion und lehrt Politikwissenschaft an der Universität von Montréal. Der Auszug ist entnommen aus: David Mandel: The legitimacy of the October Revolution. In: October 1917. Workers in Power. London: IIRE/Resistance Books, 2016.


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