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Isolation, Gewalt, Fehlentwicklung

Die internationale Dimension der Revolution
von Manuel Kellner

Was war die Oktoberrevolution? Diese Frage stellte 2007 ein Herr Jörg Baberowski in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Antworten, die er gibt, haben nichts mit der Suche nach historischer Wahrheit zu tun: es handelt sich um Polemik auf unterstem Niveau. Leider war sich die Bundeszentrale nicht zu schade, dieses Machwerk auch 2017 im Rahmen eines «Dossiers» zu 100 Jahren Oktoberrevolution 1917 wieder ins Netz zu stellen.

Baberowski schreibt einleitend: «Die siegreichen Bolschewiki waren Gewalttäter, die der Krieg hervorgebracht hatte. Ihre Revolution war der Sieg einer vormodernen Gewaltdiktatur über die Freiheitsversprechen des russischen Liberalismus.» Eigentlich hätten Revolutionen keine Ursache – aber diese hier vielleicht doch einen Grund?

«Die Provisorische Regierung konnte die Zersetzung der staatlichen Ordnung nicht abwenden, weil sie nichts unternahm, um das Gewaltmonopol des Staates wiederherzustellen … Das war die Stunde der Bolschewiki. Wie aber kam es, dass ausgerechnet sie im Chaos der Revolutionswirren den Sieg davontrugen? Sie vertraten ein Programm, dessen Sinn kaum jemand verstand, ihre Partei hatte nur wenige Mitglieder, ihre Führung kam aus der Emigration.»

Der Sieg dieser Revolution konnte also nur der Erfolg eines rücksichtslos gewaltsamen Putschs sein: «Die bolschewistische Partei hatte keinen Massenanhang, sie vertrat weder die Interessen der Arbeiter noch der Bauern, noch hatte sie Rückhalt an der Peripherie des Imperiums. Sie war eine Partei von russischen und jüdischen Berufsrevolutionären, die mit dem Volk, das sie befreien wollten, nicht verbunden und an der Peripherie des Imperiums nicht verwurzelt waren.»

 

Die Macht fiel ihr in den Schoß

In Wirklichkeit tat die Provisorische Regierung alles, um das staatliche Gewaltmonopol gegen die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte durchzusetzen und den Krieg fortzuführen. Die Bolschewiki hatten die überwältigende Mehrheit in den Räten der Hauptstadt und – wie der landesweite Rätekongress am 25.Oktober 1917 zeigte – landesweit errungen. Nur sie standen für Frieden, Land, Brot und die Rechte der unterdrückten Nationalitäten und hatten auch die Sympathie der gegen die Großgrundbesitzer kämpfenden bäuerlichen Bevölkerungsmehrheit.

Die englische Historikerin Beryl Williams schrieb dazu: «Die Massen sahen die Sowjetmacht als Lösung ihrer Probleme an, und nur die Bolschewiki wurden wirklich mit der Sowjetmacht identifiziert … Ihre Partei konnte sich nun auf einer Welle der Sympathie an die Macht tragen lassen.»

Das russische Bürgertum, wie übrigens schon das deutsche 1848, war nicht in der Lage und nicht bereit, die Aufgaben der bürgerlichen Revolution zu lösen, sondern kooperierte mit den Großgrundbesitzern und der Reaktion. Damit kam die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse auf die Tagesordnung – in ihr waren die Bolschewiki stark verankert. Die Oktoberrevolution selbst verlief weitgehend unblutig.

Die Bolschewiki glaubten aber nicht an die Möglichkeit, den Sozialismus in einem isolierten, dazu rückständigen Land aufzubauen. Ihre Perspektive war die Ausdehnung der Revolution auf die anderen, vor allem die entwickelten kapitalistischen Länder. Entsprechend war ihre internationale Politik: Aufbau der Kommunistischen Internationale, Förderung der revolutionären Bewegungen in den anderen Ländern. Die Chance war da, doch die Massen- und Rätebewegungen der anderen Länder – insbesondere in Deutschland – scheiterten an der ungebrochenen Hegemonie der gegenrevolutionären Sozialdemokratie. Die russische Räterepublik blieb isoliert.

Nach dem furchtbaren Bürgerkrieg, der Millionen das Leben kostete und eine ganze Generation proletarischer Revolutionäre vernichtete, war die Rätedemokratie zur autoritären Regierungsform der einzig legal verbliebenen bolschewistischen Partei geworden. Mit Stalin an der Macht wurde sie zur brutalen Diktatur, brach mit allen emanzipatorischen Traditionen, ermordete die mit der lebendigen Erfahrung des Oktobers verbundenen Kommunisten, unterdrückte jede wirkliche oder vermeintliche Opposition – und kehrte der internationalistischen Tradition der Bolschewiki den Rücken.

Der terroristische Charakter des Stalinismus ist bekannt; weniger klar ist vielen der konservative Charakter der stalinistischen Bürokratenherrschaft. Das betrifft nicht nur die vielfältigen kulturellen Errungenschaften der Oktoberrevolution, die diesem Konservativismus zum Opfer fielen, sondern auch die internationale Perspektive, die von der Theorie des «Sozialismus in einem Lande» abgelöst wurde. Die Kommunistische Internationale verkam, bevor sie schließlich 1943 als Beschwichtigungsgeste gegenüber den westlichen Kriegsverbündeten aufgelöst wurde, zu einem Hilfsinstrument der machtpolitischen Interessen der Sowjetunion.


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