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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Wie haben die Deutschtürken gestimmt?

Ein noch unerforschtes Terrain
von Günter Bergmann

Der türkische Staatschef Erdogan hat vor der Bundestagswahl seine Landsleute aufgefordert, ihre Stimme nicht den «Türkeifeinden» CDU und SPD oder Grünen zu geben. Nach der Wahl wüsste man gern, ob seine Landsleute in Deutschland sich daran gehalten haben. Ein bisschen schaut es danach aus.

Statistiken darüber, wie die Deutsch-Türken bei der Bundestagswahl gewählt haben, gibt es nicht. Es gibt nur eine bundesweite repräsentative Umfrage der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die der Regierungspartei von Recep Tayyip Erdogan, der AKP, in der Türkei nahesteht. Die Umfrage ergab: 56% der Befragten wussten nicht, ob sie zur Wahl gehen würden, wollten nicht wählen gehen oder machten keine Angaben; beim Rest lag die SPD mit 22 Prozent weit vorn (CDU: 7 Prozent, Grüne: 6 Prozent; LINKE: 4 Prozent; AfD gegen Null). Bei der letzten Europawahl 2014 hatten 54 Prozent der Befragten SPD gewählt, 19 Prozent die Grünen. Wie kommt so ein Ergebnis zustande?

In Deutschland gibt es nach unterschiedlichen Angaben bis zu 900000 Wahlberechtigte mit türkischem Hintergrund. Die meisten von denen – etwa 189000 – leben in Nordrhein-Westfalen, viele auch in Berlin und in einigen Zentren in Baden-Württemberg, Hessen, Hamburg.

Türkische Migranten waren über lange Jahre hinweg an die SPD gebunden, da viele von ihnen als Arbeiter gewerkschaftlich organisiert waren. Und als Migranten haben sie die Parteien gewählt, die sich am engagiertesten gegen ihre Diskriminierung und für die gesellschaftliche Akzeptanz der Migranten einsetzte – unter diesem Aspekt kamen die Grünen hinzu, die vor allem für die zweite Generation wählbar waren.

Doch schon längst nicht mehr alle Migranten mit türkischem Hintergrund Lohnabhängige. Nach Angaben des deutsch-türkischen Unternehmerverbandes Atiad gab es im Jahre 2007 rund 72000 türkische Unternehmen, vorwiegend in der Gastronomie und im Einzelhandel. Sie hatten 350000 Beschäftigte und investierten 8 Milliarden Euro. Ihr Umsatz betrug 36 Milliarden Euro.

Dieser gesellschaftliche Aufstieg hat sicher für ein neues «Selbstbewusstsein» und eine neue Mentalität gesorgt. Zugleich ist das Gefühl geblieben, die eigene Kultur und Identität bewahren zu müssen, um in der Fremde nicht verloren zu gehen, dafür zog man sich zunehmend in Moscheegemeinden zurück.

Insofern überrascht es nicht, dass Türkischstämmige in Deutschland mehrheitlich eher konservativ sind. Auf der anderen Seite haben viele aus der zweiten und dritten Generation studiert und akademische Berufe ergriffen. Zahlreiche von ihnen sind heute in unterschiedlichen Parteien engagiert und mischen politisch aktiv mit.

Aber auch die Heimat ist nähergerückt. Die neueste «Medienrevolution» (Satellitenantenne, Internet) hat dazu geführt, dass die hiesige türkischsprachige Bevölkerung sich besser über die Verhältnisse in der Türkei informieren kann und sich zunehmend für die dortige Politik interessiert. Sie bezieht sogar ihre Informationen über deutsche Politik aus türkischen Medien.

Die hiesige türkischsprachige Bevölkerung durfte sich in den letzten Jahren auch an den türkischen Wahlen beteiligen, was eine «Politisierung» im Sinne der türkischen Parteien mit ihren Positionen gefördert hat. So überrascht es nicht, dass plötzlich viele türkische Mitbürger fanatische Erdogan-Anhänger geworden sind.

Erdogan hat diese Entwicklung finanziell und organisatorisch gefördert und sogar Streit provoziert, um sie sich innenpolitisch zunutze zu machen. So hat er etwa nach der Verabschiedung der Armenien-Resolution im Bundestag im Juni 2016 versucht, türkische Mitbürger gegen die BRD aufzuhetzen. Das Parlament hatte das blutige Vorgehen des Osmanischen Reichs gegen die Armenier vor mehr als hundert Jahren als Völkermord eingestuft. Alle elf Abgeordneten mit türkischem Migrationshintergrund bekamen nach der Abstimmung so heftige Drohungen, dass sie zeitweise unter Polizeischutz gestellt werden mussten.

Erdogan erhob auch sofort den Vorwurf, Deutschland sei ein Schutzraum für kurdische Terroristen und habe den Putschversuch vom Juli 2016 unterstützt, er beschimpfte das heutige Deutschland als Naziland, als Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland verhindert wurden.

Das alles fiel bei einigen türkischen Migranten auf fruchtbaren Boden. Die Versuche deutscher Politiker, die Vorwürfe zu entkräften, erreichen bestimmte Gruppen türkischer Migranten oft nicht. Meinungsforscher stellten einen Rückzug in die Community fest, der Konsum türkischer Medien habe bei den Türkeistämmigen im letzten Jahr zugenommen.

Insgesamt ist es zu einer gewissen «Entfremdung gekommen», viele fühlen sich von den deutschen Parteien nicht mehr verstanden und an den Rand gedrängt. Sie interessierten sich mehr für Erdogan als für Angela Merkel oder Martin Schulz.

Vor diesem Hintergrund waren die türkischstämmigen Wähler in Deutschland in den Blickpunkt geraten. Man wusste nicht, wie viele Wähler mit türkischem Hintergrund dem Aufruf des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, nicht für die «Türkeifeinde» CDU, SPD oder Grüne zu stimmen, folgen würden? Vor diesem Hintergrund hat Data 4U, ein Institut, das sich auf Meinungsforschung in ethnischen Zielgruppen spezialisiert hat, eine deutlich geringere Wahlbeteiligung der Türkeistämmigen prognostiziert – ein Befund, den zumindest die Umfragen vor der Wahl bestätigt haben.


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