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Daniel Viglietti (1939–2017)

Stimme der lateinamerikanischen Revolution
von hgm

Am 30.Oktober starb der uruguayische Sänger und Songschreiber Daniel Viglietti im Alter von 78 Jahren in Montevideo. Er war einer der bekanntesten Vertreter des uruguayischen und lateinamerikanischen populären und politischen Liedes. Sein Freund Eduardo Galeano nannte ihn die «wohlklingende Stimme, die die Wände erzittern lässt». Drei Tage vor seinem plötzlichen Tod war Viglietti noch bei einem Konzert zu Ehren Che Guevaras aufgetreten.

 

Daniel Viglietti wurde am 24.Juli 1939 in einer Familie von Musikern geboren: seine Mutter war die Pianistin Lyda Indart und sein Vater der Gitarrist Cédar Viglietti, weshalb Daniel schon als Kind in Kontakt mit klassischer und populärer Musik kam. Er erhielt eine solide Ausbildung als Konzertgitarrist, doch ab den 60er Jahren widmete er sich vor allem dem Canto Popular.

In diesen Jahren machte er sich einen Namen als Songschreiber, Komponist, Sänger sowie als Moderator einer eigenen Sendung im uruguayischen Rundfunk. Er war Mitarbeiter der Wochenzeitung Marcha und gründete und leitete den Núcleo de Educación Musical. 1963 erschien sein erstes Album – Impresiones para canto y guitarra y canciónes folklóricas –, dem bis 1973 fünf weitere folgten.

1971 gründete er mit anderen Musikern, darunter José «Pepe» Guerra, Braulio López und Edgardo Bello das Label Ayuí/Tacuabé für die Förderung wertvoller uruguayischer Musik. Viglietti war Trauzeuge und Freund des chilenischen Sängers und Songschreibers Víctor Jara.

Im Laufe der 60er Jahre nahm sein Schaffen als Liedtexter und Sänger einen zunehmend radikaleren Charakter an, mit starker Bindung an die sozialen und politischen Kämpfe in Uruguay und Lateinamerika. Vigliettis Texte aus dieser Zeit sind vielfach geprägt von der Identifikation mit dem bewaffneten Kampf der von der kubanischen Revolution beeinflussten, lateinamerikanischen Guerillabewegungen (z.B. «Canción del hombre nuevo» aus dem Album Canciones para mi América, 1968, und «Solo digo compañeros» aus dem Album Canciones chuecas, 1971).

1972 wurde Viglietti im Rahmen der zunehmenden Repression, die dem Militärputsch von 1973 in Uruguay vorausging, verhaftet, da er als Sänger der Tupamaro-Guerilla galt. Eine internationale Solidaritätsbewegung mit prominenten Fürsprechern wie Jean-Paul Sartre, Julio Cortázar und Oscar Niemeyer erwirkte seine Freilassung. Er konnte anschließend das Land gerade noch verlassen, bevor das Militär im Juni 1973 die Macht übernahm. Viglietti ging erst nach Argentinien und anschließend nach Paris.

Während des Exils hörte Viglietti auf, seine neuen musikalischen Werke zu publizieren (sie wurden erst nach seiner Rückkehr mit dem Live-Album Trabajo de hormiga («Arbeit der Ameise», die Wiedergabe eines Konzerts 1984 in Buenos Aires) veröffentlicht. Doch setzte er seine intensive Aktivität als Journalist und Radiokommentator fort, vor allem aber trat er in zahlreichen Ländern bei Solidaritätskonzerten auf, die sich gegen die Diktaturen in Uruguay und anderen lateinamerikanischen Ländern richteten.

Sein Exil endete am 1.September 1984 mit seiner Rückkehr nach Montevideo, wo er von Zehntausenden in einem Konzert empfangen wurde, das er später als das «emotional bewegendste meiner vierzigjährigen Karriere» nannte. Von da an veröffentlichte er einige neue Alben mit neuen und alten Liedern, von denen vor allem die unter dem Titel A dos voces («Zweistimmig») seit 1985 veröffentlichten Alben bemerkenswert sind – sie geben verschiedene Konzerte wieder, die er gemeinsam mit dem uruguayischen Schriftsteller Mario Benedetti (siehe SoZ 6/2009) während des gemeinsamen Exils und danach gegeben hat. Mario Benedetti hat auch zwei Bücher über Viglietti verfasst.

Parallel zu seiner Tätigkeit als Musiker unternahm Viglietti eine rege Aktivität zur Erforschung, Bewahrung und Verbreitung der lateinamerikanischen Musik. Er baute ein ausgedehntes musikalisches Archiv auf, die Memoria Sonora de América Latina, das auch Interviews mit Musikern und Autoren enthält, die Viglietti im Laufe seiner Arbeit gemacht hat. Seit 1994 verwirklichte Viglietti im uruguayischen Rundfunk das Programm Tímpano, das auch in Argentinien, Venezuela und Frankreich ausgestrahlt wurde – eine Mischung aus Aufnahmen aus seinem Archiv und neuen Interviews.

2015 wurde Viglietti von der Casa de las Américas in Havanna für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

 

Vigliettis musikalisches Werk ist von einer speziellen Mischung aus Elementen der klassischen Musik und solchen der uruguayischen und lateinamerikanischen Folklore geprägt. Zu seinen bekanntesten Liedern gehören «A desalambrar», «Canción para mi América», «Milonga de andar lejos» und «Gurisito». Seit seinem zweiten Album – Hombres de nuestra tierra (1964) – hat Viglietti neben eigenen Texten auch immer wieder Werke der spanischen und lateinamerikanischen Dichtung vertont, darunter Gedichte von Rafael Alberti, Federico García Lorca, César Vallejo, Mario Benedetti und Nicolás Guillén. Vigliettis eigene Lieder wurden von zahlreichen anderen namhaften Künstlern interpretiert, z.B. von Víctor Jara, Isabel Parra, Soledad Bravo, Benjo Cruz und Mercedes Sosa. Von Viglietti gibt es seinerseits Interpretationen von Liedern von Atahualpa Yupanqui, Violeta Parra, Silvio Rodríguez, Pablo Milanés, Chico Buarque u.a.


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