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Grüße von der Heimatfront

Ostereier an die Front
von Anja Lorenz*

Die Schule sollte Kinder eigentlich zu kritischem Denken und Friedensliebe erziehen. Eine Lehrerin des Neckargemünder Max-Born-Gymnasiums ging jedoch ganz andere Wege.

Sie packte zu Ostern mit ihren Fünftklässlern Pakete mit Süßigkeiten, Wurst und Bastelarbeiten für deutsche Soldaten in Afghanistan. Ihr Ziel war es, ein «Zeichen der Solidarität» mit der kämpfenden Truppe zu setzen, denn viele Soldaten «fühlten sich aus der Heimat nicht ausreichend unterstützt». «Von Neckargemünd nach Afghanistan» titelte daraufhin die Lokalpresse – dank der Doppeldeutigkeit der Überschrift wurde nicht ganz klar, ob nun die Pakete oder die zukünftigen Soldaten gemeint waren.

Der Kreisvorstand der Partei DIE LINKE (Kraichgau-Neckar-Odenwald) kritisierte die Aktion scharf und gab eine umfangreiche Pressemitteilung dazu heraus. Erfreut über den sich anbahnenden Zwist, druckte die Lokalpresse die Mitteilung fast in kompletter Länge ab. Der Kreisvorstand warf der Lehrerin eine Instrumentalisierung der Kinder für einen aktuellen militärischen und politischen Konflikt vor, den Zehnjährige noch gar nicht voll ermessen könnten. Die deutschen Soldaten erschienen als Helfer in der Not, der Soldatenberuf werde auf diese Weise idealisiert und die Kinder verfügbar für den Dienst an der Waffe gemacht. Insofern erinnere das Handeln der Lehrerin fatal an das Verhalten der Lehrerschaft vor dem Ersten Weltkrieg. Die Aktion unterstütze die Truppe von der Heimatfront aus und hebe die Moral der Soldaten.

Die Reaktion der Gegenseite ließ nicht lange auf sich warten. Der Rektor ging «auf die Palme» und verteidigte das Versenden der Pakete als «beispiellose humanitäre Aktion», der stellvertretende Bürgermeister der Stadt sprang der Schule bei, die FDP beschimpfte die LINKE mehr oder weniger inhaltsleer, und die CDU attestierte der LINKEN ein «gestörtes Verhältnis zu unseren Streitkräften». Insbesondere der Vergleich mit wilhelminischen Lehrern erschreckte. Die Bundeswehr sei eine Parlamentsarmee, die Reichswehr das Militär einer Diktatur gewesen.

Mittlerweile eilten Heidelberger Friedensgruppen dem Kreisverband zu Hilfe. DIE LINKE verwies in einer weiteren Pressemitteilung darauf, dass die Pakete ausgerechnet zu Ostern versendet wurden, quasi als Kontrapunkt zu den Ostermärschen der Friedensbewegung. Ferner argumentierte sie, dass 1914 das Parlament die Kriegskredite bewilligt hatte und andere Kriegsparteien wie Frankreich und Großbritannien bürgerliche Demokratien gewesen seien.

Der Konflikt schreckte Teile der Parteirechten in der LINKEN auf. Der Kreistagsabgeordnete der LINKEN, Edgar Wunder, verfasste eigenmächtig eine Pressemitteilung im Namen der Kreistagsfraktion. Darin stellte er sich auf die Seite der Schule und warf dem Kreisvorstand vor, einen sinnlosen Streit über Süßigkeiten anzuzetteln. Am Ende seines Textes kündigte er an, bei der nächsten Versandaktion mitzuhelfen. «Die LINKE ist sich nicht einig», titelte genüsslich die Lokalpresse. Währenddessen führte der Kreisvorstand eine Podiumsdiskussion in Neckargemünd durch, die von 60 bis 70 Teilnehmenden besucht wurde, von denen die meisten keine Parteimitglieder waren. Für eine Veranstaltung auf dem flachen badischen Land war dies ein beachtlicher Erfolg.

 

Und die Moral von der Geschicht?

Der Konflikt um die Osterpakete zeigt deutlich, wie weit die Militarisierung der Gesellschaft in stark konservativ dominierten Landstrichen schon fortgeschritten ist. Das Handeln der Regierung wird kritiklos unterstützt und gilt als Legitimierung noch der größten Sauerei. Auslandseinsätze werden nicht hinterfragt, sondern unreflektiert für legitim erklärt. Ebenso selbstverständlich scheint es, dass die Gesamtgesellschaft diese gutheißt und unterstützt. Um Befindlichkeiten der Friedensbewegung wird sich nicht mehr gekümmert, mit Gegenwehr von Pazifisten nicht gerechnet. So trauen sich die Befürworter einer aggressiven Außenpolitik wieder, im Namen einer Schule Pakete von der Heimatfront zu schicken.

Kinder werden, ohne mit der Wimper zu zucken, in dieses Handeln eingebunden. Nicht einmal mehr der Beutelsbacher Konsens zur politischen Bildung wird beachtet. Dieser besagt, dass in der Gesellschaft umstrittene, politische Positionen im Unterricht von allen Seiten darstellt werden müssen. Die Kinder sollen in die Lage versetzt werden, sich eine eigene Meinung zu bilden und  dürfen nicht «überrumpelt» werden. Ein Appell an ihre Hilfsbereitschaft als Mittel ihrer Instrumentalisierung in einem Konflikt, den sie noch nicht verstehen können, verbietet sich also von selbst.

Ferner sind die inneren Widersprüche in der LINKEN offen zutage getreten. In der Kreistagsfraktion krachte es gewaltig. Dort unterstützte nämlich – anders als von Wunder offiziell dargestellt – eine Mehrheit den Kreisverband. Teile der Partei forderten Wunders Ausschluss, Ämter bekleidete er schon vor dem Eklat keine mehr und wird dies auch in naher Zukunft nicht mehr tun. Selbst die eigenen Leute wandten sich von Wunder ab. Die Parteirechte schoss sich selbst ins Abseits, wie so oft, wenn der linke Flügel der Partei in die Offensive kommt.

Die Wählerinnen und Wähler honorierten das ehrliche und engagierte Auftreten des Kreisverbandes. DIE LINKE holte in Neckargemünd 8,9 Prozent der Stimmen, in der lokalen Hochburg waren es sogar 14,5 Prozent. Das Wahlergebnis zeigt einmal mehr, dass es ein großes Bedürfnis nach ehrlicher, an der Sache interessierter Politik in der Bevölkerung gibt. DIE LINKE sollte sich an diesem Bedürfnis orientieren.

 

* Anja Lorenz ist Erzieherin.


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