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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2018 |

Vor der Entscheidung

Zur Tarifrunde der IG Metall
von Thies Gleiss

Nach drei Verhandlungsrunden zwischen der IG Metall und den Arbeitgeberverbänden in den einzelnen Tarifbezirken sind die Fronten unverändert hart.

Die Lohnforderung der IG Metall in Höhe von 6 Prozent wird von den Unternehmern weiterhin mit einem Angebot von 2 Prozent und einer Einmalzahlung beantwortet. Das ist natürlich angesichts der guten Wirtschaftslage der Unternehmen, der Produktivitätssteigerung und der wieder zunehmenden Inflationsrate eine Frechheit, aber wer die Tarifverhandlungsrituale ein bisschen kennt, wird zugeben, dass dies als Einstiegsangebot höher ist als gewohnt.

Wegen der Geldforderung werden sich die Arbeitgeberverbände deshalb sicher nicht in unwägbare Streiksituationen begeben. Damit entstehen nur Unruhe, noch größere Probleme, die prall gefüllten Auftragsbücher abzuarbeiten, und vor allem eine steigende Erwartungshaltung bei den Beschäftigten. In Sachen Lohnerhöhung wird deshalb noch etwas draufgelegt werden, sodass die IG Metall mit einem vorzeigbaren Ergebnis rechnen kann, bei der die berühmte Vier vor dem Komma stehen wird.

Absolute unbeweglich zeigt die Kapitalseite sich bei der Forderung nach einer befristeten Arbeitszeitverkürzung für einen Teil der Beschäftigten. Und mit entgleisten Gesichtszügen reagiert sie auf die Forderung, für die zeitweilige Teilzeit einer 28-Stunden-Woche auch noch einen klitzekleinen Lohnausgleich zu bezahlen. In dieser Haltung wird sie jeden Tag durch Leitartikel und Kommentare der bürgerlichen Medien bestärkt. Viele Medien heucheln leutselig, wie wichtig es sei, Erwerbsarbeit und Leben besser in Einklang zu bekommen, aber der Preis dafür darf nur von den abhängig Beschäftigten gezahlt werden, in Form von Lohnverzicht und mehr Flexibilisierung.

In provokanter Art haben die Unternehmer deshalb auch prompt die Gegenforderung aufgestellt, die Arbeitszeit zu verlängern und die Ausnahmen für die 35-Stunden-Woche auszuweiten.

 

Die «kleine» Arbeitszeitverkürzung

Die IG Metall weiß aus ihren großen Umfragen unter Mitgliedern und unorganisierten Beschäftigten, wie hoch das Thema Arbeitszeitverkürzung bewertet wird. Vollzeitbeschäftigte wollen gerne weniger als die tariflich vereinbarten 35 Stunden in der Woche arbeiten – und allemal weniger als die tatsächliche geleistete Arbeit, die seit Jahren auf mittlerweile über 40 Stunden wächst. Und Menschen in Teilzeit würden gerne etwas mehr arbeiten, bzw. diese Teilzeit wieder beenden können. Eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich und mit garantiertem Personalausgleich hätte deshalb eine sehr große Attraktivität für alle. Aber um dafür zu kämpfen, müssten die Gewerkschaften einen gesellschaftlichen Großkampf beginnen, der noch kräftiger sein müsste als der letzte große Kampf um die 35 Stunden vor über 30 Jahren. Dazu fehlt der Mut, und die IG Metall versucht es jetzt mit einer kleinen Variante der Arbeitszeitverkürzung für wenige.

Doch schon bei einem Lohnausgleich für diese «kleine Variante» zeigt sich, dass auch dies von der IG Metall nur mit einer großen gesamtgesellschaftlichen und politischen Kampagne durchsetzbar ist. Dann doch lieber gleich einen Kampf mit Forderungen für alle und mit breitester Mobilisierung aufnehmen. In der Frage des Personalausgleichs – den sich die IG Metall fest vorgenommen hat – sind noch überhaupt keine Ideen entwickelt worden, wie er umgesetzt werden könnte. Da ist zu befürchten, dass dies den Betriebsräten aufgebürdet werden soll, die damit in den vielen Klein- und Mittelbetrieben komplett überfordert wären.

 

Die Kollegen stehen parat

Die Mobilisierung der IG Metall ist dennoch beachtlich. In den ersten Wochen des neuen Jahres gingen fast 600000 Beschäftigte in Warnstreiks. Ab dem 22.Januar sind solche Warnstreiks auch über 24 Stunden mit Zahlung von Streikgeld vorgesehen – eine völlig neue Herausforderung für die allermeisten IG-Metall-Bezirke.

Die IG Metall verdient jede politische, personelle und materielle Unterstützung in ihrem aktuellen Kampf. Dennoch bleibt die Befürchtung, dass so, wie sie in diese Auseinandersetzung gegangen ist, nur eine minimale Verbesserung beim Wechsel in und der Beendigung von Teilzeitarbeit ohne jeden finanziellen Ausgleich und kaum einer Garantie für Personalausgleich  herauskommen wird.

Im Januar 2018 orakelte das Unternehmerorgan Handelsblatt: «Selbst wenn es ihr am Ende gelingen sollte, eine 28-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich durchzusetzen, könnte das am Ende zu einem Pyrrhussieg werden. Denn die Gewerkschaft muss ein Zugeständnis machen, um das ausfallende Arbeitsvolumen zu kompensieren. Was als Kampf für die 28-Stunden-Woche begann, könnte als das Ende der 35-Stunden-Woche in die Tarifgeschichte eingehen. Aber anders, als von der IG Metall erhofft.»

Ja, genau das ist zu befürchten. Miniarbeitszeitverkürzung für wenige gegen weitere Arbeitszeitverlängerung und Flexibilisierung für alle. Es wäre gut, das noch zu verhindern.


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