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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2018 |

Was ist Antisemitismus?

Ist die Forderung des Zentralrats der Juden nach stärkerer Bestrafung antisemitischer Umtriebe antisemitisch?
von Anton Holberg

Der Bonner General-Anzeiger (GA) berichtete, wie vermutlich die meisten bundesdeutschen Zeitungen, um den 14.12.2017 herum über die Erklärung des Zentralrats der Juden zu antisemitischen Umtrieben in Deutschland und stellte sie in einen Zusammenhang mit großenteils von Arabern und Angehörigen anderer mehrheitlich muslimischer Volksgruppen getragenen Demonstrationen gegen die Ankündigung von US-Präsident Trump, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, der «Hauptstadt Israels», zu verlegen. Der GA lieferte allerdings dankenswerterweise gleichzeitig eine ebenso kurze, wie treffende Definition des Begriffs «Antisemitismus». «Antisemitismus» (oder richtiger, da auch die Araber und Äthiopiens Amharen auch Semiten sind, «Antijudaismus» oder «Judenfeindlichkeit») ist die Feindschaft gegen Juden unabhängig von deren Taten und Gedanken, entweder weil sie der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören oder weil sie vermeintlich Angehörige einer biologischen «Rasse» mit negativen Eigenschaften sind.

Während die Erklärung des Zentralrats sich darüber nicht näher auslässt, zeigt die Erklärung ihres Präsidenten, Josef Schuster, gegenüber der Rhein-Neckar-Zeitung, dass er unter «Antisemitismus» noch etwas ganz anderes versteht. In der RhNZ sagt er: «Wer israelische Flaggen verbrennt, stellt das Existenzrecht Israels in Frage, lehnt es ab. Da stößt man an die Grenzen der Versammlungsfreiheit. Solche Ausschreitungen mit eindeutig antisemitischem Charakter sollten nicht genehmigungsfähig sein.»

Nun ist es zweifellos so, dass man authentischer Antisemit sein und gleichzeitig israelische Flaggen verbrennen und das Existenzrecht Israels «in Frage stellen» kann, aber ebenso ist es zweifellos eine Tatsache, dass es dazwischen keine logische und empirische Zwangsläufigkeit gibt. Ein Teil der arabischen oder sonst woher stammenden Demonstranten in Berlin und anderswo (am 12.12.2017) haben zweifellos «antijüdische» Parolen gerufen, wobei ihr «Antijudaismus» wohl eher dem religiösen des vorbürgerlichen christlichen Europas als dem rassistischen verwandt ist, der seinen Höhepunkt im «Dritten Reich» gefunden hat. Dieser Antijudaismus ist eine durch die Kolonialisierung Palästinas durch – zunächst vornehmlich europäische – Juden aktualisierte und verstärkte, reaktionäre Ideologie. Er wurzelt in der sozioökonomischen und also kulturellen Unterentwicklung der Regionen, aus denen diese Leute stammen, und darüber hinaus im Gefühl verletzter Ehre durch den Entwicklungs- und Machtrückfall gegenüber der abendländischen Welt im Vergleich zur Zeit ihrer Vorfahren – grob gesagt zwischen der zweiten Hälfte des 7.Jahrhunderts und dem 13.Jahrhundert –, die dem Abendland einst das Licht der Kultur gebracht haben.

Die Behauptung, die Infragestellung des Existenzrechts des siedlerkolonialen Staates «Israel» auf dem Boden der nichtjüdischen palästinensischen Bevölkerung, die dort seit fast 2000 Jahren die absolute Mehrheit stellt, sei «antisemitsch/antijüdisch», impliziert jedoch, dass Jude sein identisch ist mit einer politischen Ideologie (hier dem des jüdischen Nationalismus des europäischen späten 19.Jahrhunderts, dem Zionismus). Das jedoch ist eine originär rassistische und folglich im konkreten Fall antisemitische Position. Sie ist nicht nur logisch, sondern auch empirisch falsch, gibt es doch unter denen auf dieser Welt, die sich aus religiösen oder sozialen Gründen als Juden definieren, eine riesige Zahl erklärter Nicht- oder gar militanter Antizionisten, darunter auch in Israel selbst, unter ihnen ebenso ultraorthodoxe wie linke Juden.

Aber selbst, wenn alle Juden der Welt Zionisten wären, müsste das auf das Trauma ihrer langandauernden Unterdrückung, in welcher konkreten Form auch immer, in nichtjüdischer Umgebung zurückgeführt werden und nicht auf ihr Jude-Sein an und für sich. Der «Zentralrat der Juden» müsste deswegen richtiger «Zentralrat der zionistischen Juden» heißen. Und mehr noch als diese Haltung des Zentralrats, die man immerhin noch mit dem erwähnten psychischen Trauma erklären, wenn auch nicht rechtfertigen könnte, ist die Haltung der nichtjüdischen Zionisten als rassistisch zu verurteilen, die, ungefährdet in nichtjüdischer Heimat lebend, ihre aus den Untaten der Vorfahren erwachsenen Traumata auf Kosten der Palästinenser behandeln wollen – und dabei praktischerweise die geopolitischen und damit ökonomischen Interessen ihrer imperialistischen Länder, und damit ihren relativen Wohlstand, fördern.


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