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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2018 |

Wenn die Erfahrung der Klassenzugehörigkeit fehlt

Ein Beitrag zur Klassentheorie
von Angela Klein

Werner Seppmann: Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I. Kassel: Mangroven-Verlag, 2017. 162 S., 17 Euro

Die Wahlerfolge der AfD, insbesondere ihre Einbrüche in gestandene sozialdemokratische Milieus wie auch der Erwerbslosen und Prekären, haben auf der Linken zu neuen Debatten darüber geführt, ob die alten Klassentheorien noch zur Fundierung gesellschaftsverändernder Strategien taugen und welche politischen Schlussfolgerungen unter Umständen aus einer aktuellen Klassenanalyse zu ziehen wären.

Für jemanden, der oder die sich einen Überblick über den Stand der Diskussion und zugleich eine Einführung in ein marxistisches Verständnis von Klassen und der derzeitigen Strukturierung der kapitalistischen Klassengesellschaft verschaffen will, kommt das Büchlein von Werner Seppmann zur rechten Zeit. Zwar handelt es sich dabei um eine Neuauflage des erstens Bandes der Forschungsergebnisse des Projekts Klassenanalyse@BRD der Marx-Engels-Stiftung aus den 2000er Jahren, die neuesten Literaturhinweise datierten aus dem Jahr 2009. Doch hat die Untersuchung in ihrem methodischen Ansatz wie in ihren Kernaussagen nichts an Aktualität eingebüßt, im Gegenteil. Die Veröffentlichung ist insgesamt auf sechs Bände angelegt, die sukzessive im Mangroven-Verlag erscheinen sollen.

Die Autor beansprucht, nicht nur den Klassenwiderspruch – der auch bei linken Soziologen häufig aus dem Blickfeld geraten ist zugunsten anderer Begrifflichkeiten für die Beschreibung der grundlegenden gesellschaftlichen Konflikte –, «sondern auch Klasseninteressen (wieder) bewusst zu machen». Dabei stellt er gleich eingangs klar, dass sich «aus der ökonomischen Strukturierung und den daraus resultierenden objektiven Widerspruchstendenzen … kein automatisches Klassenhandeln ableiten [lässt]». Klassentheorie kann immer nur auf objektive Möglichkeiten des Widerspruchs und der Gegenwehr hinweisen. «Erst dann können sie eine Grundlage politischer Praxis sein.»

Was so banal klingt, ist es in Wirklichkeit nicht. Denn häufig genug «überspringt» eine linke Strategiediskussion die subjektiven Bewusstseinslagen – und demzufolge politischen Ansprüche –, die sich aus den zunehmend disparaten Existenzbedingungen ein- und derselben lohnabhängigen Klasse ergeben. «Klassenanalyse ist kein Politikersatz», schreibt Seppmann, «noch weniger ist sie in der Lage, fehlendes Klassenhandeln zu ersetzen.»

 

Die konkrete Analyse

Auch mit einer Definition, wer alles zur Arbeiterklasse gehört, ist es nicht getan. In guter marxistischer Tradition definiert Seppmann so: «Zur Arbeiterklasse gehören alle Menschen, deren soziale Existenz durch den objektiven Gegensatz zum Kapital geprägt ist. Ihr sozialer Status wird wesentlich durch das Lohnarbeitsverhältnis als einer Existenzbedingung bestimmt, die den Wechselfällen der kapitalistischen Akkumulation unterworfen, also durch Unsicherheit und soziale Unwägbarkeiten charakterisiert ist.» Er fügt hinzu: «In den prosperitätskapitalistischen ‹Wirtschaftswunderzeiten› hätten diese etwa komplizierten Sätze noch eingehend interpretiert werden müssen. Seit der Jahrhundertwende ist es jedoch evident, dass die Lebenschancen der Lohnabhängigen eine bloße Dispositionsmasse des kapitalistischen Verwertungskalküls sind.»

Bei dieser Feststellung, müsste man meinen, sind Politikverdrossenheit und Hass auf die Eliten eine ausreichende Grundlage, auf der linke Politik aufsetzen könnte – womit jedoch immer noch nicht erklärt wäre, warum solche Stimmungslagen sich ein Ventil auf der Rechten suchen. Seppmann widerspricht dem auch indirekt, indem er Marx zitiert: «Es gilt zu bedenken, ‹dass dieselbe ökonomische Basis – dieselbe den Hauptbedingungen nach – durch zahllose verschiedene empirische Umstände … unendliche Variationen und Abstufungen in der Erscheinung zeigen kann, die nur durch Analyse dieser empirisch gegebnen Umstände zu begreifen sind.›» (MEW 25:800.)

Eine solche Analyse unternimmt Seppmann nun. Zum einen zeichnet er nach, wie die Konfliktlinien zwischen dem herrschenden Block und der Arbeiterklasse ein schärferes Profil gewonnen und das gesellschaftliche Kräfteverhältnis sich zugunsten der Herrschenden verschoben hat. Zum anderen aber spürt er akribisch den Spaltungsprozessen innerhalb der Arbeiterklasse nach, was sie für die Erfahrung einer Klassenzugehörigkeit bedeuten und welche – durchaus unterschiedlichen – Bewusstseinslagen sich aus dem Erleben von dauerhafter Existenzunsicherheit und Vereinzelung ergeben.

Er zeichnet nach, wie der Hightech-Kapitalismus, ganz im Gegensatz zu früheren Erwartungen der Gewerkschaftsführungen, zu mehr Ausgrenzung und Spaltung führt, und besteht auf der Aussage, dass die Prekarisierung nicht eine scharf umrissene, abgeschlossene Gruppe betrifft (wie die Rede von der Zwei-Drittel-Gesellschaft in den 80er Jahren noch nahelegen konnte), sondern eine gesellschaftliche Entwicklungstendenz darstellt, die sich aus den heutigen Anforderungen der kapitalistischen Akkumulation selbst ergibt und sich immer tiefer in den Gesellschaftskörper hineinfrisst. «Die Unsicherheit ist universal geworden.» Auch die Besserverdienenden entkommen ihr nicht. Und gute Ausbildung ist keine Versicherung dagegen. «Deklassierung vollzieht sich gerade für die besser Ausgebildeten, wenn sie einmal aus dem Tritt geraten sind, deutlich schneller als in der Vergangenheit.»

Prekarisierung müsse gedeutet werden als «der sichtbarste Ausdruck radikalisierter Kapitalverwertungsstrategien». Seppmann spricht von einer regelrechten «Strategie der Verunsicherung» und zitiert dafür den ehemaligen BDI-Präsidenten Tyll Necker, der 1993 forderte: «Wir müssen die Krise jetzt nutzen, denn jetzt sind die Menschen reif.» Die seither erfolgte Verallgemeinerung der Existenzunsicherheit hat die Grundstimmung im Land verändert. Heute «dominiert der (begründete) Zweifel, ob der soziale Status verteidigt werden kann».

 

Widerstand ist möglich

Für widerständiges Potenzial ist der Befund wenig ermunternd. Seppmann diagnostiziert «eine große Ernüchterung: Von ihren eigenen Aktivitäten erwarten die Opfer … ebensowenig positive Impulse für ihre Lebenssituation wie von der ‹großen Politik›. Deshalb verweigern sie sich mehrheitlich sozialen Protestbewegungen wie auch den Wahlprozeduren.» Es findet eine umfassende gesellschaftliche Regression statt, die stufenförmig abläuft und deren Ende nicht in Sicht ist.

Immerhin gibt es in den verschiedenen Phasen des sozialen Abstiegs «Lebensabschnitte, in denen die Auflehnungsbereitschaft noch nicht gänzlich abgestorben ist. Hier existieren Anknüpfungsmöglichkeiten für eine Politisierung…» Die zentrale Rolle spielt dabei der Kampf um die Arbeitszeit: «Auf die neoliberalistische Wahnvorstellung einer vollständigen Einordnung der Menschen in den beschleunigten Rhythmus der Kapitalakku­mulation muss mit dem Anspruch

auf Zeitautonomie geantwortet werden…»


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