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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2018 |

200 Jahre Karl Marx, Teil 3

Ein radikaler Demokrat
von Manuel Kellner

Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.

In der Vorrede zu seiner Dissertation von 1841 erklärt sich Marx «gegen alle Götter, die das menschliche Selbstbewusstsein nicht als die oberste Gottheit anerkennen».

Mit dem Doktortitel im Gepäck kehrt er von Berlin als «Junghegelianer» ins Rheinland zurück. Er will an der Universität Bonn eine Lehrtätigkeit aufnehmen, doch da sein Mentor Bruno Bauer mit dem Ende des Bündnisses von preußischem Staat und Hegelianismus im März 1842 als Dozent seines Postens enthoben wird, endet die akademische Laufbahn von Marx, bevor sie beginnen konnte. Er versucht sich daher als freier Publizist.

Von Oktober 1842 bis Januar 1843 wurde Marx (nicht öffentlich genannter) leitender Redakteur der in Köln erscheinenden Rheinischen Zeitung, für die er vorher bereits geschrieben hatte. Damit war er nicht mehr bloß kritischer Philosoph mit Neigung zur Einmischung in die Politik, sondern mittendrin im politischen Meinungsstreit. Die Geldgeber der Zeitung waren bürgerliche Liberale, doch unter der Leitung von Marx wurde die Rheinische Zeitung radikal demokratisch. «Radikal» demokratisch hieß damals, für eine demokratische Republik einzutreten, während die rechteren bürgerlichen Demokraten für eine konstitutionelle Monarchie waren.

In seinen «Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion» (MEW 1:3–27) kommt Marx zu dem Schluss: «Die eigentliche Radikalkur der Zensur wäre ihre Abschaffung.» Das hält ihn nicht davon ab, die von König Friedrich Wilhelm IV. verfasste Instruktion im einzelnen kritisch zu sezieren und sich offen über sie lustig zu machen: «Gewiss! Ist die Zensur einmal eine Notwendigkeit, so ist die freimütige, die liberale Zensur noch notwendiger.» Ein Zensuredikt von 1819, das nur provisorisch fünf Jahre lang gelten sollte, war immer noch in Kraft. Das nun geplante, neue Edikt machte, dem Wortlaut der Instruktion nach, die Dinge nicht besser, sondern eher schlimmer.

Wahrheit oder Unwahrheit in der Berichterstattung sind gar nicht wirklich die Maßstäbe. Die Untersuchungen dar­über sollen vielmehr «ernsthaft und bescheiden» erfolgen. «Das Gesetz gestattet, dass ich schreiben soll, nur soll ich einen andern als meinen Stil schreiben! Ich darf das Gesicht meines Geistes zeigen, aber ich muss es vorher in vorgeschriebene Falten legen!» Letztlich fordern die preußischen Zensurbestimmungen eine «wohlwollende» Haltung gegenüber der Obrigkeit, eine staatskonforme Gesinnung. Marx klagt an: «Das Gesinnungsgesetz ist kein Gesetz des Staates für die Staatsbürger, sondern das Gesetz einer Partei gegen eine andere Partei.» Verboten sollen sein: ehrenkränkende Urteile nicht nur über Personen, sondern auch über ganze Klassen und die Nennung von Parteinamen (!), was absurd ist, wie Marx mit dem Dichterwort anmerkt: «Weil jede Krankheit zuvörderst, wie Doktor Sassafras meint, um glücklich sie kurieren zu können, benamset werden muss.»

In seinen Artikeln zu den Debatten über die Pressefreiheit im Rheinischen Landtag (einer Ständevertretung) stellt Marx folgende Diagnose: «Wir finden nämlich den spezifisch ständischen Geist nirgend klarer, entschiedener und voller ausgeprägt als in den Debatten über die Presse. Vorzugsweise gilt dies von der Opposition gegen die Pressefreiheit, wie überhaupt in der Opposition gegen die allgemeine Freiheit der Geist der bestimmten Sphäre, das individuelle Interesse des besonderen Standes … sich am schroffsten und rücksichtslosesten herauswenden und gleichsam die Zähne zeigen.» (MEW 1:34.)

Fürstenstand, Ritterstand, städtische Patrizier polemisieren gegen die Pressefreiheit. Marx widerlegt ihre Spitzfindigkeiten. Zum Beispiel erklären sie die Masse des Volkes für unmündig und daher erziehungsbedürftig. Alles Menschliche sei eben unvollkommen. Marx erwidert: «Ist die Erziehung nicht auch menschlich, daher unvollkommen? Bedarf die Erziehung nicht auch der Erziehung?» (MEW 1:49.) Wirkliche Erziehung ist nur möglich durch offenen, öffentlichen Meinungsstreit.

Schlimm findet Marx die halbherzigen, nur scheinbaren Verteidiger der Freiheit. Ein Redner verteidigt die Pressefreiheit als Teil der Gewerbefreiheit. Marx antwortet: «Die Pressfreiheit zu einer Klasse der Gewerbefreiheit machen, ist sie verteidigen, indem man sie vor der Verteidigung totschlägt.» Das Schreiben darf keinem äußeren Zweck dienen: «Der Schriftsteller muss allerdings erwerben, um existieren und schreiben zu können, aber er muss keineswegs existieren und schreiben, um zu erwerben.» (MEW 1:70f.)

Am Beispiel der französischen Presse hatte Marx ein paar Seiten vorher die kommerzielle Unterdrückung der Freiheit angeprangert: «Die französische Presse ist nicht zu frei, sie ist nicht frei genug. Sie unterliegt zwar keiner geistigen Zensur, aber sie unterliegt einer materiellen Zensur, den hohen Geldkautionen. Sie wirkt daher materiell, eben, weil sie aus ihrer materiellen Sphäre in die Sphäre der großen Geldspekulationen gezogen wird.» (MEW 1:63.) Wer heute lebt, denkt unwillkürlich: De te fabula narratur – von deiner Geschichte wird hier erzählt!

Teil 2 behandelte das Menschenbild von Karl Marx.


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